Eulbergs tönende Tierwelt: Achtung, Auerhahn!

Die Balz des Auerhahns (Tetrao urogallus) ist für mich optisch wie akustisch eines der absoluten Highlights unserer heimischen Fauna. Mit steil aufgerichtetem Schwanz werben mehrere Hähne auf traditionellen Balzarenen um die Gunst der Weibchen. Ihre sonderbar anmutende Balzstrophe ist eine Choreografie aus vier strikt aufeinander folgenden Elementen, die insgesamt rund sechs Sekunden dauert.
Die Strophe beginnt mit dem »Knappen« oder Schnalzen: einem Doppelschlag, der sich dann zu einem »gereihten Knappen« oder Triller aneinanderfügt. Das klingt mit etwas Fantasie wie ein galoppierendes Pferd. Daher rührt auch sein englischer Name »capercaillie«, der aus dem Gälischen stammt und »Pferd des Waldes« bedeutet. Der dritte Teil der Strophe, der »Hauptschlag«, klingt, als würde man einen Korken aus einer Weinflasche ziehen. Mit hochgerecktem Kopf tun die Auerhähne schließlich das »Wetzen« als großes Finale kund.
Balzruf des Auerhuhns
Die Balz beginnt bereits in der Morgendämmerung mit Schnalzen von den Schlafbäumen. Auf diese Baumbalz folgt die Bodenbalz, bei der die Hähne in tosenden Flattersprüngen bis zu zwei Meter hoch springen. Nähert sich ein Weibchen der Arena, steigert sich die Erregung ins Unermessliche. Die Hähne beißen sich gegenseitig in die Schnäbel und teilen mit kraftvollen Flügelschlägen nach vorn gegen ihre Widersacher aus. Doch wozu das ganze Tohuwabohu? Man hat herausgefunden, dass sich durch die Balzaktivitäten die Qualität und Quantität der Spermien deutlich steigert. So müssen die Weibchen nur einmal pro Saison begattet werden. In einer Samenblase sammeln sie das Sperma – es reicht aus, um das gesamte Gelege zu befruchten. Man nimmt sogar an, dass dieses Reservoir auch für ein Folgegelege reicht, sollte das erste verloren gehen. Dank dieses Vorrats können sich die Weibchen von der Arena entfernen und einen versteckten Ort aufsuchen, wo sie ihr Gelege bebrüten und die Jungen allein aufziehen.
Das Balzspektakel hat auch unsere Vorfahren schon tief beeindruckt: So ist etwa der bekannte Schuhplattler-Tanz eine Nachempfindung des Balztanzes der Auerhähne. Oder das Gstanzl: eine bayerisch-österreichische Liedform, welche die kurzversige Vortragsform des Auerhahns imitiert.
Ermöglicht wird dieses Balzschauspiel durch den Testosteronspiegel der Hähne, der bis zu 100-mal höher ist als außerhalb der Balzzeit. Immer wieder gibt es sogar »balztolle« Hähne, die alles angreifen, was sich ihnen nähert – auch Spaziergänger. Solche Tiere findet man stets am Rande von Populationen, wo sich nicht genügend Konkurrenten aufhalten. Durch diesen Verhaltensstau ist ihr Testosteronspiegel sogar noch sechsmal höher als der von »Arena-Kämpfern«, wodurch sich solche Hähne an allem abarbeiten.

Das Auerhuhn ist unsere größte Hühnervogelart. Sein Name stammt vom althochdeutschen Wort »ur« für »wild« ab und bedeutet demnach »Wildhuhn«. Auch sein wissenschaftlicher Name urogallus spiegelt das Urige des Vogels wider. Auffallend ist ein äußerst ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus: Die Männchen erreichen von Kopf bis Schwanz gemessen eine stattliche Länge von einem Meter und werden bis zu fünf Kilogramm schwer, im östlichsten Verbreitungsgebiet in Sibirien sogar bis zu sechs. Die properen, schillernd gefärbten Männchen werden somit ähnlich groß wie eine Graugans. Die unauffälligeren Auerhühner wiegen hingegen etwa nur die Hälfte und haben ein gedecktes Tarngefieder.
Das Auerhuhn gehört zum Tribus der Raufußhühner (Tetraonini); ein Name, der sich von den gefiederten Füßen ableitet. Im Winter bilden sich seitlich der Zehen kleine Hornstifte aus. Dadurch entsteht ein raffinierter Schneeschuh-Effekt, so dass die Tiere nicht im Schnee einsinken. Zur kalten Jahreszeit vollbringen sie das Kunststück, sich bis zu sieben Monate lang ausschließlich von Baumnadeln zu ernähren. Um diese karge Nahrung aufzuspalten und zu zermahlen, verschlucken sie Steine, die im Magen zurückgehalten werden. Möglich ist das Aufschließen der Nahrung jedoch erst durch einen extrem langen Blinddarm, der etwa zehnmal länger ist als der eines Haushuhns. In dieser Gärkammer schließen symbiontische Bakterien den Nadelbrei auf und wandeln Zellulose und Lignin in Fettsäuren um. Die Jungtiere nehmen diese überlebenswichtigen Bakterien auf, indem sie wahrscheinlich am Falzpech picken, dem morgendlich abgegebenen Blinddarmkot der Elterntiere.
Bereits im Herbst suchen Auerhühner geeignete Fraßbäume für den Winter aus, indem sie den Stickstoffgehalt der Nadeln prüfen. Jede Bewegung wird zur kalten Jahreszeit vermieden, und so trennen sie wie mit einer Schere mit einem Biss die Nadeln ab, ganz ohne Zupfen und Rupfen. Denn der Oberschnabel ragt kahnartig über den Unterschnabel, wodurch an den Seiten messerscharfe Kanten frei liegen. Um weitere Energie zu sparen, schlafen die Vögel im Winter in gut isolierenden Schneehöhlen, die sie abends graben.
- Das AuerhuhnHier finden Sie alle wichtigen Eckdaten sowie Beobachtungstipps rund um das Auerhuhn.
- Steckbrief
- Beobachtungstipps
Noch im Mittelalter war das Auerhuhn flächendeckend in Deutschland verbreitet, auch im Flachland. Erst durch die immer intensivere Landnutzung, durch Störungen, aber auch durch exzessive Bejagung war die Art gezwungen, sich in Höhenlagen zurückzuziehen. Was wir heute an Beständen haben, ist also nur noch der sprichwörtliche Rest vom Schützenfest. Bloß wenige hundert Brutpaare leben in Deutschland. Stabile Populationen gibt es lediglich noch im alpinen Bereich, dem Bayerischen Wald, dem Fichtelgebirge und dem Schwarzwald mit aktuell 220 Tieren als Verbreitungsschwerpunkt.
Auerhühner brauchen als Habitate lichte Wälder mit hohen Bäumen für Schlafplätze, aber einem maximalen Deckungsgrad der Baumwipfel von 30 Prozent. Sie benötigen lichtdurchflutete Gebiete für ihre wärmebedürftigen Küken und weil diese Lebensraum für Beerenkräuter, Insekten, Spinnen, Kleinsäuger oder Reptilien sind, die ihnen als Nahrung dienen. Lichte Bereiche für ihre Balzarenen und einsehbare Freiflächen drumherum sind essenziell, um nicht von Feinden überrascht zu werden.
Die Böden von Fichtenwäldern, wie wir sie heute größtenteils in Deutschland haben, sind jedoch kahl und kalt, ohne Heidelbeeren. Um eine natürliche Biodiversität zu erhalten, brauchen wir daher mehr Dynamik in den Wäldern, mehr Mut zu Lücke. Denn es fehlt oft an sonnigen, freien Flächen innerhalb von Wäldern. Durch den hohen Eintrag des Nährstoffs Stickstoff aus der Luft, etwa durch Stickoxide aus Verbrennungsmotoren, wachsen Pflanzen unnatürlich schnell, selbst in Höhenlagen. Und auch der »Prozessschutz-Gedanke« von Nationalparks – also die Maxime, nicht in die Natur einzugreifen – verkennt häufig, dass wir seit jeher große Pflanzenfresser als essenzielle Ökosystem-Ingenieure hatten und brauchen, um die Landschaft offen zu halten – auch für das urige Auerhuhn.
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