Editorial: Wider "postfaktischen" Ungeist
"Im Leben hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich einmal echte Angst um die Demokratie verspüren würde." Die Bekümmernis rund um den großen Sitzungstisch ist mit Händen zu greifen. Dabei bilden die Worte des ergrauten Anthropologieprofessors, der mir direkt gegenübersitzt, nur eine von vielen bangen Äußerungen, die ich in den zurückliegenden Wochen aus dem Mund von Forschern vernommen habe.
Advent. Hinter mir liegt ein Halbmarathon von Kongressbesuchen, Akademiesitzungen und Vorträgen. Ein ganz normaler Herbst, so gesehen. Doch es war kein normaler Herbst. Das Brexit-Votum, die Repressionen gegen Wissenschaftler und Journalisten in der Türkei, die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten – die Fragen in den Kaffeepausen waren stets dieselben: Was blüht uns noch in Europa, in Deutschland? Und: Wie dem um sich greifenden Populismus begegnen? Manche Forscherinnen und Forscher treibt auch die Sorge um, gesellschaftlichen Rückhalt für den eigenen Berufsstand zu verlieren, ja als "intellektuelles Establishment" angefeindet zu werden nach der Morgendämmerung des so genannten postfaktischen Zeitalters, an dessen Bedrohungen sich die Tagespresse seit Wochen in Kommentaren abarbeitet.
Wissenschaft ist per se elitär. Sie kann nicht anders sein. Denn wer sie betreiben will, muss sich über viele Jahre immer weiter spezialisieren. Aber sie muss sich nicht elitär aufführen – oder vielmehr abschotten. Wissenschaftler können, ja müssen sich um den Dialog mit der Gesellschaft mühen, indem sie zunächst einmal verständlich erklären, was sie machen, warum und wie. Für diese Art von Kommunikation steht Spektrum wie kein anderes Medium in Deutschland; für direkte Dialoge haben wir zudem 2007 das Blogportal SciLogs gegründet (scilogs.spektrum.de).
Wissenschaftler debattieren kaum "postfaktisch", das liegt nicht in ihrer Natur. Würden sich also mehr von ihnen gerade auch in sozialen Netzwerken einbringen, es gäbe wohl mehr Diskurse, in denen Argumente statt Mutmaßungen, Gründe statt Effekte vorherrschen. "Ankoppeln an die Gesellschaft!", muss die Devise lauten.
Ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für 2017 wünscht Ihnen
Ihr
Carsten Könneker
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