Artensterben: Als der Ozean zum Massengrab wurde

Im Jahr 2023 suchte eine beispiellose globale Hitzewelle die Ozeane heim. Am Ende waren 96 Prozent der gesamten Meeresfläche von überdurchschnittlichen Temperaturen betroffen. Besonders in Mitleidenschaft gezogen war unter anderem der südwestliche Pazifik vor der australischen Ostküste, wo die Erwärmung sehr stark ausfiel und lange andauerte. Das kostete unter anderem zahlreiche Seevögel ihr Leben, da sich mit dem warmen Wasser ihre Nahrungsgründe verlagerten und sie verhungerten. Tausende Kurzschwanz-Sturmtaucher (Ardenna tenuirostris) trieben in der Saison 2023/24 tot an. Doch das war offensichtlich nur ein kleiner Ausschnitt des gesamten Massensterbens, folgert ein Team um Jennifer Lavers vom Natural History Museum in Tring aus ihrer Datenanalyse: Die tatsächlichen Todeszahlen lagen wohl eher im Bereich von mehr als 600 000 Opfern.
Nur ein kleiner Teil der auf hoher See verendeten Tiere treibt anschließend ans Ufer: Viele versinken im Meer oder werden von Aasfressern konsumiert. Jenseits einer Entfernung von 45 Kilometern zum Ufer sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kadaver anlandet, sogar gegen Null. Wenn also Tausende tote Seevögel angeschwemmt werden, deutet dies auf ein großes Massensterben auf dem offenen Ozean hin. Lavers und ihre Arbeitsgruppe mussten für ihre Auswertung zuerst kalkulieren, wie viele Opfer an Land gefunden und wie viele nicht nachgewiesen wurden, weil beispielsweise nicht alle potenziell betroffenen Strandabschnitte abgesucht worden waren oder landbasierte Aasfresser tätig gewesen waren. Im zweiten Schritt extrapolierten und gewichteten sie diese Werte mithilfe von Modellen, die für tierische Sterblichkeitsraten entwickelt wurden, etwa für Vogelschlag an Windkraftanlagen an Land.
Die daraus errechneten Zahlen übertrafen die der tatsächlich an Land gesammelten Kadaver bei Weitem. Lavers und Co ermittelten, dass nur ein Prozent aller Opfer überhaupt angetrieben wurde. Für jeden toten Seevogel an der Küste verschwanden 130 weitere auf hoher See. Neben den Hunderttausenden Kurzschwanz-Sturmtauchern waren auch schätzungsweise 13 000 Blassfuß-Sturmtaucher (Ardenna carneipes) betroffen, die nur auf wenigen Inseln vor der australischen und neuseeländischen Küste nisten – der Großteil davon auf Lord Howe. Ein knappes Drittel des gesamten Brutbestandes könnte dadurch ausgelöscht worden sein, befürchten die Wissenschaftler. Angesichts der häufigeren marinen Hitzewellen, die zudem stärker und länger ausfallen als im Durchschnitt früherer Ereignisse, drohen ganze Arten an den Rand des Aussterbens zu geraten.
Die Ozeane rund um Australien gehören dabei zu den Regionen, in denen sich das Meer besonders schnell erwärmt und Hitzewellen häufiger auftreten. 2024/25 etwa entwickelte sich ein derartiges Ereignis auf der anderen Seite des Kontinents vor der nordwestaustralischen Küste. Es löste nicht nur ein Fischsterben aus, sondern zerstörte ebenso Tangwälder und Seegraswiesen. Zudem bleichten Riffe aus.
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