Evolution: Das Schnabeltier ist noch merkwürdiger als gedacht

Als die ersten Exemplare von Schnabeltieren (Ornithorhynchus anatinus) nach Europa gelangten, hielten die Menschen sie für geschickte Fälschungen, die aus verschiedenen Arten zusammengesetzt worden waren: vogelähnlicher Schnabel, Biberschwanz und Füße mit Schwimmhäuten. Seitdem überraschten Schnabeltiere immer wieder die Wissenschaft: Sie legen Eier, besitzen einen Giftstachel und ein fluoreszierendes Fell. Und sie verfügen über einen ganz besonderen Farbstoff im Fell, wie ein Team um Jessica Dobson von der Universität Gent herausgefunden hat. Die farbgebenden Organellen in ihren Haaren – die Melanosomen – sind rund und zumindest teilweise hohl, was bislang nur von Vögeln bekannt war: Bei Säugetieren sind sie bei allen bisher untersuchten Arten dagegen massiv.
Aufgefallen waren Dobson und Co diese Besonderheiten, als sie eine Datenbank der Säugetiermelanosomen zusammenstellen wollten. Wie erwartet, stießen sie bei den untersuchten Arten auf die zwei vorherrschenden Formen des Farbpigments Melanin: Eumelanin, das schwarze, graue und dunkelbraune Farbtöne erzeugt, und meist in länglichen Melanosomen vorkommt, und Pheomelanin, das Rot-, Rotbraun- sowie einige Orange- und Gelbtöne erzeugt. Dieses wiederum findet sich in kugelförmigen Melanosomen. Letztere dominieren bei Schnabeltieren, die jedoch dunkelbraun gefärbt sind, was eigentlich die länglichen Melanosomen hervorrufen.
Das weckte das Interesse der Arbeitsgruppe, die anschließend die Zellorganellen der Schnabeltiere näher untersuchte und dabei die hohlen Melanosomen aufspürte. Die verteilen sich wie zufällig über das gesamte Fell, verursachen jedoch keine irisierenden Farben, wie dies bei Vögeln der Fall ist – was zahlreiche weitere Fragen aufwirft, etwa warum die Schnabeltiere diese einzigartige Eigenschaft entwickelt oder vielleicht als Sonderfall der Evolution behalten haben. Dobson vermutet, dass die hohlen Melanosomen es den Schnabeltieren erleichtert haben könnten, sich an das Wasserleben anzupassen. Bei anderen aquatischen Säugetieren ließen sich diese Art von Zellorganellen jedoch bislang nicht nachweisen.
Bei vielen Vogelarten sind die farbgebenden Melanosomen hohl oder flach und nur mit einer dünnen Melaninschicht versehen. Das ermöglicht die vielfältige und teils schillernde Farbenpracht, die bei diesen Wirbeltieren vorkommt. Dagegen dominieren bei Säugetieren Schwarz-, Braun- und Beigetöne, die ins Gelbliche, Rötliche oder zu Orange reichen können.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.