Direkt zum Inhalt

Birma: Fels in der Brandung

Beeindruckende Bilder erreichen uns in diesen Tagen aus Birma: Ein nicht enden wollender orangefarbener Strom buddhistischer Mönche windet sich durch die Innenstadt der Hauptstadt Rangun. Nach und nach schließen sich nun auch Zivilisten an. Die Proteste der waffenlosen Armee, die sich ursprünglich gegen enorm angestiegene Energiepreise richteten, haben sich inzwischen verselbstständigt. Den Mönchen ist inzwischen klar, dass sie eine Lawine ins Rollen gebracht haben – und beginnen, politische Veränderungen zu fordern.

Vor allem ein Ort steht im Zentrum der Demonstrationszüge: die Shwedagon Pagode – das Wahrzeichen des Landes. Das Gebäude selbst ragt mit seiner goldenen Kuppel etwa hundert Meter in die Höhe.

Über ihre Entstehung herrscht Unklarheit. Am Anfang steht eine Legende: Demnach sollten zwei Kaufmannssöhne vor 2500 Jahren eine Schiffsladung Reis ins hungernde Bengalen bringen. Unterwegs wurden sie von einem Geist gefragt, ob sie eher irdische oder himmlische Schätze begehren wollten. Nachdem sie sich für die irdischen entschieden hatten, brachte der Geist sie zu Buddha. Dieser gab ihnen acht seiner Haare mit der Bitte, sie in einem Schrein in Birma aufzubewahren. Zwar verloren die beiden Brüder vier der Haare unterwegs, aber am Ziel angekommen, tauchten sie auf wundersame Weise wieder auf. Gleichzeitig regnete es Edelsteine, Lahme konnten wieder gehen, Blinde wieder sehen, alles blühte. An dieser Stelle errichtete man eine etwa zehn Meter hohe Pagode.

Soweit die Legende. Archäologen vermuten hingegen, dass der Bau viel später, zwischen dem 6. und dem 10. Jahrhundert n. Chr. errichtet wurde.

Die "Goldene Pagode" – so der übersetzte Name – etablierte sich schnell als wichtigstes Heiligtum des Landes, so dass die Könige den Komplex erweitern und schließlich das Hauptgebäude mit Blattgold und Edelsteinen schmücken ließen. Auch heute noch spenden Einwohner des Landes Geld für den weiteren Ausbau, der mittlerweile erstaunliche Ausmaße angenommen hat. Inzwischen stehen auf der achteckigen, marmornen Basis drei Terrassen. Allein auf der unteren befinden sich vier größere und 64 kleinere Pagoden.

Für die Birmanen wurde die Shwedagon Pagode spätestens im 20. Jahrhundert auch zu einem Symbol des Widerstandes. 1920 versammelten sich dort Studenten, um gegen ungerechte Bildungsgesetze zu demonstrieren. Daraufhin wurden im ganzen Land für jedermann bezahlbare Schulen errichtet. Auch die Unabhängigkeit des Landes vom Kolonialherren Großbritannien rief General Aung San 1946 von hier aus. Es sollte allerdings noch zwei Jahre dauern, bis diese Wirklichkeit wurde. Die Tochter des Generals Aung San Suu Kyi, versammelte 1988 bei einer Demonstration für mehr Demokratie 500 000 Menschen an der Pagode um sich.

Auch heute steht die Friedensnobelpreisträgerin wieder im Mittelpunkt der Proteste. Immer lauter fordern die Demonstranten die Freilassung der seit 18 Jahren fast ununterbrochen unter Arrest stehenden Politikerin. Am vergangenen Samstag zeigte sie sich mit Tränen in den Augen erstmals seit vier Jahren der Öffentlichkeit. Sie trat vor die Tür und winkte den protestierenden Mönchen, die an ihrem Haus vorbeizogen. Diese kamen aus der Shwedagon Pagode.

Sebastian Hollstein

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.