Meteoriten: Ein großes Meteoriten-Streufeld in der Schweiz
Vor rund 160 000 Jahren, als die Riss-Eiszeit Europa fest im klimatischen Würgegriff hatte und Mammuts, Neandertaler und Vorfahren des modernen Menschen durch die Tundra streiften, leuchtete plötzlich der Himmel über der heutigen Schweiz grell auf. Eine riesige Feuerkugel spaltete für wenige Sekunden den Himmel, war kurzzeitig heller als die Sonne, und gewaltiges Donnergrollen ertönte. Danach regnete es metallische Trümmer. So etwa muss es gewesen sein, als die Twannberg-Meteoriten im Gebiet des Bieler Sees im Schweizer Jura niedergingen. Ähnliches haben wir zuletzt am 15. Februar 2013 über der russischen Stadt Tscheljabinsk erlebt. Erstaunlich ist vor allem, dass wir nach so langer Zeit noch Zeugnisse dieses Meteoritenfalls finden können. Das liegt unter anderem daran, dass Twannberg ein solider Eisenmeteorit ist. Die weitaus häufigeren Steinmeteoriten sind schon nach wenigen Jahrzehnten bis Jahrhunderten im Boden vollständig verwittert und nicht mehr zu erkennen.
Die moderne Geschichte des Twannberg-Meteoriten begann im Jahr 1984, als eine Bäuerin in einem frisch umgepflügten Haferfeld in der Nähe des Orts Twannberg einen rostigen und ungewöhnlich schweren "Stein" fand. Er wurde alsbald als Eisenmeteorit erkannt und befindet sich heute im Naturhistorischen Museum in der Schweizer Hauptstadt Bern. Wie bei Meteoriten üblich, wurde er nach dem Fundort benannt. Dieses Exemplar ist der größte und mit rund 16 Kilogramm schwerste der acht bislang in der Schweiz gefundenen Meteoriten. Die mineralogischen Untersuchungen am Naturhistorischen Museum zeigten, dass Twannberg zu einem äußerst seltenen Typ von Eisenmeteoriten gehört, von dem weltweit nur fünf andere Exemplare bekannt sind. Lange Zeit war es ruhig um den Twannberg-Meteoriten, bis im Jahr 2000 ein Schreiner auf dem Dachboden eines renovierungsbedürftigen Hauses ein weiteres, rund 2,2 Kilogramm schweres Bruchstück entdeckte. Es war irgendwann von jemandem Unbekannten aufgelesen und danach offenbar vergessen worden.
In den Jahren danach stießen Goldwäscher nochmals auf drei kleine Meteoritenbruchstücke in der Twannbergschlucht im Jura. Immer mehr kleine Meteoriten aus der Schlucht tauchten in den Jahren 2009 bis 2013 auf. Deshalb beschloss der Geowissenschaftler Beda Hofmann vom Naturhistorischen Museum Bern, den Meteoriten in einer systematischen Suche nachzugehen. Er organisierte in enger Zusammenarbeit mit der Universität Bern und 50 seriösen Meteoritensuchern in aller Verschwiegenheit eine dreijährige Suchkampagne, die bis Juni 2016 andauerte. Dabei konnten insgesamt 570 Fragmente des Meteoriten aufgespürt und geborgen werden.
Bei den ersten Exemplaren aus den 1980er und 2000er Jahren waren die Fundstücke jedoch von Menschen oder einem Fluss vom ursprünglichen Aufschlagsort entfernt worden. Erst die Hinweise durch die weiteren Funde ab 2009 erlaubten es, das Suchgebiet vernünftig einzugrenzen. Nach der Auswertung der neuen Funde aus der Suchkampagne seit 2013 zeigt sich, dass Twannberg einer der größten Meteoriten-Schauer über Europa gewesen sein muss. Die Fundzone am Mont Sujet nördlich vom Bieler See ist rund fünf Kilometer lang und mehrere hundert Meter breit – vielleicht ist sie sogar bis zu 15 Kilometer lang. Die Gesamtmasse aller bisherigen Fundstücke beträgt 72,5 Kilogramm. Aus den bislang gefundenen Fragmenten schließen die Forscher um Beda Hofmann, dass der eintretende Körper rund 6 bis 20 Meter groß gewesen sein und einige tausend Tonnen gewogen haben muss. Von ihnen hat aber nur ein geringer Teil den Erdboden erreicht; der größte Teil ist in der Erdatmosphäre beim Eintritt verglüht. Noch unklar ist allerdings, wie die Meteoritenbruchstücke die beiden letzten Eiszeiten überdauert haben. Möglicherweise war die Vergletscherung im Bereich des heutigen Fundgebiets eher gering, so dass die Meteoriten nicht von den eiszeitlichen Gletschern erfasst und auf Nimmerwiedersehen abtransportiert wurden.
Alle neuen Meteoritenfunde waren nur durch den Einsatz von modernen Metalldetektoren möglich, denn die Bruchstücke verbergen sich wie Trüffel in rund 15 bis 20 Zentimeter Tiefe unter der Grasnarbe oder dem Waldboden und sind somit unsichtbar. Bei der Suche gingen den Forschern aber nicht nur Meteoriten ins Netz, sondern auch Unmengen an Eisenschrott wie Nägel, 400 Ochsen-Hufeisen, Klöppel von Kuhglocken und vieles mehr. Auch archäologisch interessante Funde wurden gemacht, darunter römische Münzen, Gewandfibeln oder ein bronzezeitliches Messer. All dies belegt, dass die Region am südlichen Rand des Schweizer Juras schon seit Jahrtausenden vom Menschen genutzt und bewohnt wird. Was es aber mit dem sehr neuzeitlichen Versteck von alkoholischen Getränken in der Fundregion auf sich hat, kann wohl nur der ehemalige Besitzer verraten …
Wer selbst auf die Suche nach Meteoriten in der Schweiz gehen möchte, dem sei angeraten, sich exakt an die Regeln des Kantons Bern zur Suche nach archäologischen Fundstücken zu halten, denn in solchen Dingen verstehen die Eidgenossen nur wenig Spaß. Zudem müssen die lokalen Regeln der betroffenen Gemeinden und der Grundstückseigentümer beachtet werden, unter anderem dürfen Wiesen und Viehweiden nicht einfach durchwühlt werden. Die Suche mit Metalldetektoren ist mit einer vorherigen Bewilligung des Kantons Bern erlaubt, die unkompliziert über das Naturhistorische Museum Bern beantragt werden kann. Alle eventuellen Fundstücke müssen dem Museum zur wissenschaftlichen Begutachtung vorgelegt werden, von dem Material darf der Finder aber den größten Teil behalten. Wer sich, ohne zu graben, einen Eindruck von den Twannberg-Meteoriten verschaffen möchte, kann ab sofort eine neu eröffnete Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum besuchen, in der einige Prachtstücke der Öffentlichkeit präsentiert werden.
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