Hohe Spritpreise: Tankrabatt setzt falsches Signal

Die Bundesregierung will das Tanken wieder bezahlbarer machen, nachdem die Preise für Benzin und Diesel seit Beginn des Irankriegs auf Rekordhöhen geklettert sind. Für einen Zeitraum von zwei Monaten soll ab dem 1. Mai 2026 die Mineralölsteuer auf die beiden Kraftstoffe gesenkt werden. Um 17 Cent pro Liter würden die Preise dann nachlassen. Den Staat und somit alle Menschen, die Steuern zahlen, kostet das etwa 1,6 Milliarden Euro. 60 Prozent des in der EU verbrauchten Öls werden im Verkehrssektor verbrannt – der damit der wichtigste Hebel ist, um den Ölverbrauch insgesamt zu senken. Ob das Geld aber ausgerechnet als Tankrabatt gut angelegt ist, ist umstritten. Kurzfristig gäbe es deutlich wirksamere, günstigere und vor allem fairere Maßnahmen, um die Nachfrage zu drosseln – darin sind sich mehrere vom Science Media Center befragte Experten einig.
So läge es etwa näher, ein Tempolimit einzuführen, das den Staat nur wenig kosten würde. Eine Mehrheit der Deutschen würde eine solche Maßnahme befürworten. Ein Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen und von 80 Kilometern pro Stunde außerorts könnte laut einer 2024 durchgeführten Untersuchung im Auftrag des Umweltbundesamtes den Kraftstoffbedarf im Straßenverkehr um schätzungsweise fünf Prozent mindern.
Für Mark Andor vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung wäre jetzt ein günstiger Zeitpunkt, um ein Tempolimit für einen begrenzten Zeitraum zu testen. Dabei schlägt er vor, Autobahnabschnitte in zwei Gruppen zu teilen – eine mit und eine ohne Tempolimit, mit Wechsel zur Halbzeit des Versuchszeitraums. Damit könnte man testen, wie groß die Einspareffekte tatsächlich sind und wie die Menschen darauf reagieren. »Aus anderen Bereichen wissen wir, dass sich die Akzeptanz merklich verändern kann, wenn die Menschen Erfahrung mit einer Maßnahme gewonnen haben«, sagt der Professor für Verhaltens- und Umweltökonomik.
Den beschlossenen Tankrabatt sieht Andor hingegen kritisch. Er werde durch die Mineralölkonzerne möglicherweise nicht vollständig an die Kundinnen und Kunden weitergegeben und begünstige besonders auch Besserverdienende, die häufig mehr und weiter fahren. Vor allem aber lade er die Menschen ein, weiterhin viel Sprit zu verbrauchen – und das, obwohl die Ressource knapp bleibt.
Ein Problem sei das weniger für die Menschen in Deutschland, sagt Sascha Samadi vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, sondern vor allem für die Situation auf dem weltweiten Ölmarkt. »Gerade in ärmeren Ländern, die nicht in der Lage sind, kompensierende Maßnahmen zu ergreifen, lässt der ausgelöste Mehrverbrauch in Deutschland die Preise noch stärker steigen.« Zudem konterkariere die vorgesehene Subvention von Benzin und Diesel die Lenkungswirkung des Preises auf die Nachfrage, so der Experte für Energiesysteme.
Julius Jöhrens vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg rechnet vor: »Bei einem Preisanstieg an der Zapfsäule von 20 Prozent können etwa 4 Prozent Kraftstoff eingespart werden.« Anstatt sich dieser Wirkung zu berauben, solle die Politik nur dort gezielt unterstützen, wo soziale Härten zu erwarten sind.
ÖPNV und weniger Platz im Flieger
Als weitere mögliche Maßnahmen, den Ölverbrauch in Deutschland kurzfristig zu senken, schlagen die befragten Experten vor, die Arbeit im Homeoffice auszuweiten. Vor allem aber solle der öffentliche Nahverkehr gefördert werden. »Von einer Preisreduzierung des Deutschlandtickets würden insbesondere Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen profitieren«, sagt Sascha Samadi. Er verweist zudem auf eine Studie, wonach ein solches Ticket zum Preis von 29 Euro helfen könnte, ein bis zwei Prozent des gesamten deutschen Ölverbrauchs einzusparen, da sich Teile des Pkw-Verkehrs auf öffentliche Verkehrsmittel verlagern würden.
»Als Gesellschaft verschenken wir ›Wohlfahrt‹. Niemand hat etwas von einem Bus oder Zug, der leer durch die Gegend fährt«
Mark Andor merkt an, dass günstigere Preise vor allem auch außerhalb der Hauptverkehrszeiten sinnvoll wären. »Als Gesellschaft verschenken wir generell ›Wohlfahrt‹. Niemand hat etwas von einem Bus oder Zug, der leer durch die Gegend fährt.«
Stefan Gössling von der Linné-Universität in Schweden sieht noch eine weitere Möglichkeit, den Ölverbrauch kurzfristig zu senken – und zwar im Flugverkehr. »Rund ein Viertel weniger Treibstoff würde benötigt, wenn nur noch Economy geflogen würde und es keine Premium-Klasse-Sitze gäbe.« Zusätzliche 15 Prozent könnten eingespart werden, wenn Flugzeuge im Schnitt zehn Prozent stärker ausgelastet wären.
Nicht kurzfristig, aber doch schon ab nächstem Winter könnte es Sascha Samadi zufolge außerdem helfen, intelligente Thermostate für Heizkörper durch ein staatliches Programm zu fördern. Raumtemperaturen lassen sich dadurch genauer und zeitlich differenziert steuern. »Das würde zu relevanten Energieeinsparungen führen.«
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