Hypnose in der Klinik: »Manche Hypnotherapeuten versprechen Wunder«

Frau Vanhaudenhuyse, Lüttich ist ein Hotspot für die Hypnoseforschung. Wie kam es dazu?
Alles begann in den 1990er-Jahren mit Marie-Elisabeth Faymonville, der ersten Frau, die hier das Interdisziplinäre Zentrum für Schmerztherapie leitete. Sie bewies, dass man akute Schmerzen mit Hypnose behandeln kann – und wies die Effekte auch im Gehirn nach. Damit führte sie die Hypnose weltweit in die Medizin ein.
Seitdem setzen Ärztinnen und Ärzte hier im Krankenhaus die Hypnosedierung bei chirurgischen Eingriffen ein. Reicht das aus, um die Patienten schmerzfrei operieren zu können?
Operationen werden nicht ausschließlich unter Hypnose durchgeführt, auch wenn viele dies denken. Die Patientinnen und Patienten erhalten eine Lokalanästhesie, eine geringe Dosis an Beruhigungs- und Schmerzmitteln – und zusätzlich Hypnose. Nur ein Anästhesist kann die Hypnosedierung durchführen, um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten.
Was ist der Vorteil gegenüber einer Vollnarkose?
Meine Kollegen hier an der Klinik haben in mehreren Studien nachgewiesen, dass Menschen nach einer Operation mit Hypnosedierung weniger Schmerzen, Ängste und Erschöpfung empfinden als bei einer Vollnarkose. Sie können schneller wieder zur Arbeit und in ihr soziales Leben zurückkehren. Und es gibt weniger akute Nebenwirkungen wie Übelkeit.
Wie kann man sich den Ablauf in der Praxis vorstellen?
Das gesamte medizinische Team muss sich darauf einigen, mit Hypnose arbeiten zu wollen. Denn jeder Einzelne passt daraufhin seine Arbeitsweise entsprechend an – so darf während der Operation nicht gesprochen werden. Und die Patienten müssen motiviert sein, das auch mitzumachen. Es ist also eine Kooperation zwischen allen Beteiligten gefragt. Am Tag des Eingriffs wird die zu behandelnde Person gefragt: Was möchten Sie während der Hypnose tun? Haben Sie eine schöne Erinnerung, zum Beispiel an einen Urlaub oder eine Hochzeit? Die Hypnose wird dann klassisch induziert, mit Entspannungsübungen, Blickfixierung und so weiter. Die Anästhesistin oder der Anästhesist spricht während der gesamten Operation mit dem Patienten.
Verursacht es nicht extremen Stress, wenn man während der Operation bei Bewusstsein ist?
Während der Prozedur wissen die Behandelten, dass sie sich im Operationssaal befinden, auch nehmen sie die Geräusche der chirurgischen Instrumente wahr. Aber sie sind vollkommen in die hypnotische Erfahrung und ihre Erinnerung vertieft. Ihre Beziehung zur Umgebung und ihr Bewusstsein sind wirklich verändert. In unseren Studien mit gesunden Probanden haben wir sogar gezeigt, dass manche Menschen während der Hypnose ihre Umgebung überhaupt nicht mehr wahrnehmen.
Sie selbst behandeln vor allem Patienten mit chronischen Schmerzen mit Hypnose. Wie läuft das ab?
Bei Menschen mit chronischen Schmerzen kombinieren wir Selbsthypnose (siehe »Kurz erklärt«, Anm. d. Red.) mit einem Training für Selbstmitgefühl. So sollen sie etwa eine Liste von Dingen aufschreiben, die sie brauchen, damit es ihnen gut geht. Wir arbeiten auch an ihrer Kommunikation mit sich selbst und mit anderen. Außerdem bringen wir ihnen bei, wie sie zu Hause eine Selbsthypnose durchführen können.
Kurz erklärt: Selbsthypnose
Bei der Selbsthypnose versetzt sich eine Person eigenständig in einen hypnotischen Zustand, meist mithilfe von mentalen Bildern, Aufmerksamkeitsfokussierung und Entspannungsübungen. Das Erlernen erfolgt häufig angeleitet durch einen Hypnotiseur und kann die Konditionierung mit einem Triggerwort (etwa »Ruhe«) beinhalten: Während sich die Klientin oder der Klient in Hypnose befindet, wiederholt der Hypnotiseur das Wort immer wieder. Später kann die Person das Triggerwort innerlich aussprechen und gelangt so leichter in den hypnotischen Zustand. Selbsthypnose erfordert Übung und gelingt unterschiedlich gut bei verschiedenen Menschen. Die Person bleibt während der Selbsthypnose handlungsfähig und kann den Zustand jederzeit beenden.
Mit welchen Resultaten?
Wir konnten nachweisen, dass Patienten mit chronischen Schmerzen mithilfe dieses Programms im Vergleich zu Physiotherapie oder Psychoedukation weniger Schmerz empfinden. Noch wichtiger ist aber, dass andere Symptome sich positiv entwickeln: Die Betroffenen haben weniger Angst, depressive Symptome und Schlafprobleme, eine bessere Lebensqualität und ein stärkeres Gefühl der Kontrolle über ihre Schmerzen.
Manche Hypnocoaches behaupten, sie könnten chronischen Schmerz in zwei oder drei Sitzungen lösen. Was halten Sie von derartigen Versprechen?
Ich bin grundsätzlich vorsichtig, wenn ich solche Behauptungen höre. In Belgien ist Hypnose nicht staatlich reguliert, daher gibt es Hypnotherapeuten, die Wunder versprechen. Es ist nicht legitim, zu behaupten, chronische Schmerzen in wenigen Sitzungen heilen zu können, denn es handelt sich um eine komplexe klinische Störung. Es braucht einen Ansatz, der biologische, psychologische und soziale Aspekte verbindet.
Anders ist es bei kurzfristigen Symptomen, zum Beispiel bei akuten Angstzuständen oder Schmerzen. Hier können wir durchaus mit wenigen Sitzungen helfen. Wir bringen den Personen dann bei, Hypnose in bestimmten Situationen einzusetzen, etwa vor einer Prüfung oder einer Blutabnahme.
»Es ist nicht legitim zu behaupten, chronische Schmerzen in wenigen Sitzungen heilen zu können«
Bei welchen anderen Erkrankungen nutzen Sie Hypnose?
Wir wenden die Methode auch bei Krebspatienten an, um ihre Schmerzen und andere Begleiterscheinungen der Erkrankung zu lindern: depressive Symptome, Angstzustände, Schlafstörungen, kognitive Einschränkungen. Unsere Studien haben gezeigt, dass das Training für Selbsthypnose und Selbstmitgefühl ein nützlicher ergänzender Ansatz in der Onkologie ist.
Wirkt Hypnose auch bei rein psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen?
Bei Depressionen scheint Hypnose nicht sehr häufig eingesetzt zu werden. Bei einer aktuellen internationalen Umfrage unter Medizinern landeten Depressionen ganz unten auf der Liste, Stress und Angst hingegen ganz oben.
Es gibt andere bewusstseinsverändernde Techniken, außerhalb der Hypnose. Erforschen Sie die auch?
In meinem Labor konzentrieren wir uns ausschließlich auf Techniken ohne den Einsatz von Substanzen. Das ist mir sehr wichtig. Wir untersuchen auch Hypnose in Kombination mit Virtual Reality (das soll den Zugang in den hypnotischen Zustand erleichtern und diesen immersiver machen; Anm. d. Red.) sowie Trancezustände, die aus schamanischen Praktiken stammen. In einem großen Experiment mit 160 Krebspatienten konnten diese wählen, ob sie Hypnose, Meditation oder selbst induzierte kognitive Trance erlernen möchten. Wir wollen nun verstehen, wie genau sich die subjektiven Erfahrungen bei den Methoden unterscheiden, was dabei im Gehirn passiert und wie das klinische Resultat ist.
Sie erwähnten die selbst induzierte kognitive Trance. Was genau ist das?
Die Technik stammt von der Französin Corine Sombrun. Sie hat eine Klangschleife entwickelt auf Grundlage von schamanischen Rhythmen, von Gesängen und elektronisch erzeugten Klängen. Das soll dabei helfen, eine Trance zu induzieren. Zu Beginn legen sich die Teilnehmenden auf den Boden und hören sich die Klangschleife an. Sie müssen dabei beobachten, was in ihrem Körper, in ihrem Geist und mit ihren Empfindungen geschieht. Sehr schnell kann es zu spontanen Bewegungen an verschiedenen Stellen des Körpers kommen. Während eines viertägigen Programms lernen die Beteiligten, diese repetitiven Bewegungen zu nutzen, um die Trance auch ohne die Klänge herbeizuführen.
Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie sich mit diesen ungewöhnlichen Themen beschäftigen?
Während meines Psychologiestudiums arbeitete ich in Lyon mit schizophrenen Patienten. Damals begann ich, mich für das Bewusstsein zu interessieren. Anschließend habe ich zehn Jahre lang in der Coma Science Group hier in Lüttich mit Komapatienten geforscht und ein Hirnbildgebungsverfahren entwickelt, um Bewusstsein bei ihnen nachzuweisen.
2008 lernte ich dann Professorin Faymonville kennen, die damals eine Studie über die neuronalen Mechanismen der Hypnose leitete. Sie brauchte Hilfe bei der Durchführung der fMRT-Untersuchungen. Ich war beeindruckt, weil ich vorher gar nichts über Hypnose wusste. Zu dieser Zeit arbeitete ich tagsüber an meiner Doktorarbeit und half bei der Hypnosestudie mit. Nachts unterstützte ich einen anderen Doktoranden bei einer Schlafstudie.
Das klingt ungesund.
Ja, ich war sehr müde. Eines Tages schlug mir Professorin Faymonville vor, eine Hypnoseübung zu machen, um wieder etwas Energie zu tanken. Also machte ich 20 Minuten lang eine Sitzung mit ihr. Es war unglaublich – wie eine Erfrischung.
Halten einige Ihrer Kollegen Ihr Forschungsgebiet für esoterisch oder unwissenschaftlich?
Ich glaube, das war in den 1990er-Jahren, als Professorin Faymonville damit anfing, durchaus der Fall. Sie war wirklich mutig, denn damals galt Hypnose bloß als Showinstrument. Aber mittlerweile wandelt sich die Mentalität. Es gibt neben dem in Lüttich weitere Labore, die gute Forschung betreiben, etwa in Kanada, in den USA, in Frankreich und in Ungarn. Ihre Arbeiten zeigen, dass die Wirkung von Hypnose mit strengen wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen werden kann. Es gibt jedoch immer noch Leute, die sie für eine nicht ernst zu nehmende Methode halten.
»Es gibt immer noch Leute, die Hypnose für eine nicht ernst zu nehmende Methode halten«
Viele Gruppen, die veränderte Bewusstseinszustände erforschen, haben Schwierigkeiten, an öffentliche Gelder zu kommen. Wer finanziert Ihre Forschung?
Es ist in der Tat schwieriger, Fördermittel zu erhalten, wenn man Hypnose oder Trance als Thema wählt, als wenn man sich für biologische oder molekulare Forschung entscheidet. Wir sind aber dankbar für die Unterstützung seitens der Fondation contre le Cancer und anderer Stiftungen sowie durch Télévie, eine Spendenkampagne für Krebsforschung. In der jüngeren Vergangenheit wurden wir zudem von der wallonischen Region gefördert.
Was wünschen Sie sich, wie Hypnose im Gesundheitssystem der Zukunft eingesetzt wird?
Mein Traum ist, dass Patienten im Krankenhaus aus allen möglichen ergänzenden Ansätzen wählen können: Meditation, Hypnose, kognitive Trance und andere. Ich bin davon überzeugt, dass es keine einzelne Methode gibt, die für alle passt. Es geht auch nicht darum, die Schulmedizin zu ersetzen. Indem wir unsere Kräfte bündeln, können wir den Menschen besser helfen.
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