Sonnensystem: 3I/ATLAS – der dritte interstellare Besucher

Am 1. Juli 2025 gelang mit dem Teleskopverbund ATLAS ein spektakulärer Fund: Es wurde ein weiteres mysteriöses Himmelsobjekt einer sehr seltenen Klasse entdeckt. ATLAS steht für »Asteroid Terrestrial-impact Last Alert System« und ist ein globales Frühwarnsystem für Asteroiden, die der Erde gefährlich werden und sogar auf unserem Planeten einschlagen könnten. Initiiert wurde diese Himmelsüberwachung vom Institute for Astronomy (IfA) an der University of Hawaii, und finanziert wird es unter anderem von der US-Weltraumbehörde NASA. Nachdem im Jahr 2015 das erste Teleskop auf Hawaii in Betrieb genommen worden war, folgten weitere Observatorien für ATLAS in Südafrika, Chile und auf den Kanarischen Inseln.
Im chilenischen Río Hurtado steht ein ATLAS-Teleskop, das eine Öffnung von 50 Zentimetern aufweist. Es war im Juli 2025 gerade mit einer automatischen Himmelsdurchmusterung beschäftigt, bei der zufällig ein Objekt auffiel, das sich vor dem fernen Sternenhintergrund bewegte (siehe »Erstes Bild von 3I/ATLAS«). Zunächst erhielt es die Bezeichnung A11pI3Z. Der Himmelskörper war mit einer Helligkeit von ungefähr 18 Magnituden (abgekürzt: mag) zum Zeitpunkt seiner Entdeckung sehr lichtschwach, sodass er nur mit Teleskopen auszumachen war. Zum Vergleich: Mit unseren Augen können wir Himmelsobjekte bis 6 mag am Nachthimmel erkennen; mit einem normalen Fernglas sehen wir kosmische Quellen bis 10 mag. Je größer die Zahl vor der Magnitude ist, umso lichtschwächer sind sie. Die Helligkeit von 18 mag ist etwa um den Faktor 60 000 geringer als die von 6 mag.
Ein rätselhafter Sonderling
Um was genau handelt es sich nun bei A11pI3Z? Zunächst sah das Objekt aus wie einer der typischen Kleinkörper des Sonnensystems, also wie ein Asteroid, der aufgrund seiner winzigen Größe kaum Sonnenlicht reflektiert und daher schwer zu erkennen ist. A11pI3Z bewegte sich zum Zeitpunkt seiner Entdeckung im Asteroidenhauptgürtel zwischen den Planetenbahnen von Mars und Jupiter. Er war seinerzeit 3,5 Astronomische Einheiten (AE; 1 AE = 150 Millionen Kilometer) oder 525 Millionen Kilometer von der Erde und 4,51 AE (677 Millionen Kilometer) von der Sonne entfernt. Doch er näherte sich unserem Tagesgestirn. Bezogen auf Sternbilder bewegte sich A11pI3Z durch den Kopf der Schlange und den Schützen. Aus dieser Richtung war er auch gekommen.
Schnell wurde klar, dass die Geschwindigkeit von A11pI3Z auffallend hoch ist. Sie übertraf sogar deutlich die Fluchtgeschwindigkeit des Sonnensystems. So bezeichnet man die ortsabhängige Geschwindigkeit, die überschritten werden muss, um der gravitativen Anziehung der Sonne zu entkommen. Auf der Erdbahn beträgt die solare Fluchtgeschwindigkeit 42 Kilometer pro Sekunde oder gut 150 000 Kilometer pro Stunde. Je näher ein Objekt der Sonne rückt, desto größer muss diese Geschwindigkeit sein, um der Gravitation unseres Tagesgestirns zu entgehen.
Mit rund 60 Kilometern pro Sekunde oder fast 220 000 Kilometern pro Stunde relativ zur Sonne war A11pI3Z sehr flott unterwegs, so schnell, dass er mühelos der Gravitation der Sonne entfliehen konnte. Gleichzeitig verriet dieser Befund, dass A11pI3Z aus einem Bereich außerhalb unseres Sonnensystems stammen musste, weil kein natürlicher Prozess bekannt ist, der das Objekt innerhalb des Sonnensystems dermaßen beschleunigen kann. A11pI3Z ist somit extrasolaren Ursprungs und kommt von einem Ort zwischen den Sternen: Er ist wortwörtlich interstellar.
Das war nicht das erste Objekt dieser Art: Schon im Oktober 2017 wurde der erste interstellare Sonnensystemkreuzer überhaupt entdeckt: 1I/‘Oumuamua. Er war ebenfalls extrem schnell. Die spektakuläre Entdeckung begründete damals eine völlig neue Klasse von Himmelskörpern: interstellare Objekte. Da ‘Oumuamua (hawaiianisch: der Botschafter aus fernen Zeiten) der erste Körper dieser Art war, erhielt er den Namenszusatz »1I« mit dem Großbuchstaben »I« für »interstellar«.
Im Jahr 2019 folgte das zweite interstellare Objekt: 2I/Borisov, benannt nach seinem russischen Entdecker, dem Amateurastronomen Gennadi Wladimirowitsch Borissow. Im Unterschied zu 1I/‘Oumuamua zeigte er einen Schweif wie ein Komet. Daher gehört 2I zu den interstellaren Kometen, auch Exokometen genannt. Schon zwei Tage nach der Entdeckung wurde Himmelsobjekt Nummer 3 offiziell vom Minor Planet Center (MPC) in Cambridge, Massachusetts (USA), entsprechend C/2025 N1 (ATLAS) als Komet und 3I/ATLAS als interstellares Objekt getauft.
Noch ein interstellarer Komet
Natürlich wurden umgehend erdgebundene Teleskope und Weltraumteleskope auf 3I/ATLAS gerichtet. In »Sterne und Weltraum« wurde bereits Bildmaterial von den Astrofotografen Michael Jäger und Gerald Rhemann präsentiert, das in Österreich nur einen Tag nach der Entdeckung mit einem 40-Zentimeter-Teleskop aufgenommen worden war. Gleichzeitig entstanden erste detaillierte Aufnahmen mit dem Nordic Optical Telescope (NOT) auf der kanarischen Insel La Palma sowie mit Teleskopen am Teide-Observatorium, das am ATLAS-Projekt beteiligt ist und sich auf der Nachbarinsel Teneriffa befindet. Sie dokumentierten schon am 2. und 3. Juli 2025 eine kometare Aktivität und einen für Kometen typischen Schweif des neu entdeckten Objekts (siehe »Detailaufnahmen des Neulings«).
Im weiteren Verlauf des Sommers folgten Aufnahmen des Gemini-Teleskops auf Hawaii und später auch vom Very Large Telescope (VLT) in Chile sowie vom Weltraumteleskop Hubble. Sie bestätigten die deutlich ausgedehnte leuchtende Koma und den Schweif von 3I/ATLAS (siehe »3I/ATLAS mit Großteleskopen«). Anfänglich war die Koma allerdings kleiner. Während die Teide-Beobachtungen im Juli 2025 auf einen Komadurchmesser im Bereich von 25 000 Kilometern führten, sprachen Messungen danach für größere Werte. Der Grund: Mit Annäherung an die Sonne blähte sich die Gas- und Staubhülle durch den größer werdenden Strahlungseintrag auf. Das NASA-Weltraumteleskop SPHEREx maß im August 2025 die Koma von 3I/ATLAS im Nahinfraroten mittels ihrer Kohlendioxidemission aus und dokumentierte eine Ausdehnung bis zu etwa 350 000 Kilometern. Im Dezember 2025 veröffentlichte die Europäische Weltraumbehörde ESA ein Röntgenbild von 3I/ATLAS. Die Emission dieser energiereichen Strahlung rührt daher, dass Gasmoleküle von der Koma mit dem Sonnenwind kollidieren. Es ist Bremsstrahlung.
Im Hinblick auf den Schweif ähnelt 3I dem zuvor entdeckten 2I. Bei 1I/‘Oumuamua konnte indes keinerlei Schweif beobachtet werden. 1I schien deutlich kleiner als die anderen beiden zu sein, vielleicht nur wenige Hundert Meter groß. Zudem verriet die Lichtkurve von 1I/‘Oumuamua eine außergewöhnliche Zigarren- oder Scheibenform. Im Gegensatz dazu ist 3I/ATLAS der bislang größte unter den drei interstellaren Besuchern. Anfängliche Schätzungen von einigen zehn Kilometern Durchmesser für den Kometenkern mussten allerdings wieder nach unten korrigiert werden. Erste Bilder des Weltraumteleskops Hubble, die am 21. Juli aufgenommen wurden, legen eine Größe von höchstens etwa fünf Kilometern nahe. Vielleicht ist der eigentliche Kern von 3I sogar nur 320 Meter groß.
Fünf Kilometer – das sind vergleichbare Abmessungen wie bei dem bekannten Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko, der von der Raumsonde Rosetta im Jahr 2014 besucht wurde, welche die ESA auf den Weg gebracht hatte. Kosmische Körper dieser Größe sind zu massearm, als dass die Gravitation sie schön kugelrund formen könnte; sie sind typischerweise asymmetrisch und kartoffelförmig. Erst bei einigen Hundert Kilometern Durchmesser kann die Schwerkraft ein Objekt kugelrund gestalten – gut zu sehen am Beispiel des Zwergplaneten Ceres im Asteroidenhauptgürtel.
Nach der Entdeckung wurden auch alte Beobachtungsdaten nach 3I/ATLAS durchkämmt. Tatsächlich fand man ihn unter anderem auf älteren Aufnahmen der Zwicky Transient Facility (ZTF) am kalifornischen Palomar Observatory vom 14. Juni 2025. Es gibt sogar Beobachtungen mit dem Weltraumteleskop TESS (Transiting Exoplanet Survey Satellite), die 3I/ATLAS bereits am 8. Mai 2025 mit einer Helligkeit von rund 22 mag dokumentieren. Die Sichtungen gestatten es, die Bahn von 3I/ATLAS durch unser Sonnensystem zu rekonstruieren.
Was ist eine hyperbolische Bahn?
Das Kepler-Problem beschreibt mathematisch die Frage, welche Bahnen von Testmassen wie Planeten oder Asteroiden um eine viel größere Masse, zum Beispiel unsere Sonne, möglich sind. Im Allgemeinen handelt es sich dabei um Kegelschnitte, das heißt, die Bahnen ergeben sich als Schnittfiguren eines Kegels mit einer Ebene. Die Lösungen heißen Kreis, Ellipse, Parabel und Hyperbel.
Die Exzentrizität e charakterisiert die unterschiedlichen Bahnformen von Himmelskörpern im Sonnensystem. Planeten bewegen sich auf geschlossenen Umlaufbahnen, die entweder kreisförmig (e = 0) oder ellipsenförmig (0 < e < 1) sind. Die Erdbahn hat mit e = 0,017 fast exakt die Gestalt eines Kreises. Nur die Bahn der Venus weist eine noch geringere Exzentrizität auf. Anders ist es bei Merkur, der als innerster Planet die Sonne umkreist und schon eine höhere Exzentrizität von e = 0,2 aufweist. Bei gebundenen Kreis- und Ellipsenbahnen überwiegt die potenzielle Energie des Körpers im Zentralpotenzial der Sonne gegenüber der Bewegungsenergie. Für Parabelbahnen gilt e = 1. In diesem Grenzfall sind potenzielle und kinetische Energie gleich, und die Bahnen sind demnach offen. Die extremste Bahnform ist die Hyperbelbahn mit e > 1, die ebenfalls offen ist. Hierbei überwiegt die Bewegungsenergie.
In der Raumfahrt lassen sich die Bahnformen anschaulich beschreiben, wenn wir von einem Orbiter auf einer Kreisbahn um die Erde ausgehen. Beschleunigt er in Bewegungsrichtung mit einem Schubmanöver, dann verformt sich seine Bahn zunächst zu einer Ellipse. Beschleunigt er weiter, wird diese immer mehr in die Länge gestreckt. Schließlich erreicht der Orbiter bei zusätzlicher Beschleunigung den Grenzfall der Parabel: Die Bahn öffnet sich. Wird noch mehr beschleunigt, geht die Bahnform in die Hyperbel über: Der Orbiter verlässt den gravitativen Einflussbereich der Erde, weil er genügend kinetische Energie hat.
Der berühmte Halleysche Komet kehrt ungefähr alle 73 Jahre wieder und muss demnach eine geschlossene Bahn um die Sonne aufweisen. Mit einer Exzentrizität von e = 0,97 liegt er gerade noch so unterhalb der »magischen Grenze« von e = 1. Seine Bahn ist nicht hyperbolisch, sondern elliptisch, aber seine Bahnellipse ist extrem lang gestreckt. Fast wäre er ein ähnliches Objekt wie 3I/ATLAS geworden, das nur einmal das Sonnensystem durchwandert und auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Die Exzentrizität des dritten interstellaren Besuchers ist mit e ≈ 6,18 außergewöhnlich hoch.
Die Exzentrizität eines Körpers im Sonnensystem bleibt in der Regel nicht bei einem festen Zahlenwert. Gravitative Störungen durch andere Massen, zum Beispiel bei Vorbeiflügen an Planeten, können dazu führen, dass ein Objekt eine neue Exzentrizität annimmt. Somit kann es ebenfalls vorkommen, dass ein Körper durch eine solche Störung eine Exzentrizität e > 1 erhält und auf eine hyperbolische Bahn gerät. Dieses Objekt würde dann das Sonnensystem verlassen. Ein konkretes Beispiel dafür ist der Komet C/1980 E1 (Bowell), der ursprünglich aus unserem Sonnensystem stammt. Doch bei einem nahen Vorbeiflug am Jupiter wurde er auf eine hyperbolische Bahn mit einer Exzentrizität von e = 1,0577 abgelenkt. Er wird somit das Sonnensystem verlassen.
Rendezvous mit einem Exokometen
Das Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA veröffentlichte auf der Grundlage der Bahndaten eine Grafik, die zeigt, wie sich der dritte interstellare Besucher durch das Sonnensystem bewegt (siehe »Weg durch das Sonnensystem«). Zum Glück führte die Bahn von 3I nicht zu nahe an der Erde vorbei. Das Frühwarnsystem ATLAS musste daher nicht Alarm schlagen, dass dieser interstellare Gast zum gefährlichen erdnahen Himmelskörper werden könnte. Am 19. Dezember 2025 erreichte 3I/ATLAS den erdnächsten Punkt seiner Bahn mit einem Abstand von 269 Millionen Kilometern zur Erde.
Die JPL-Grafik enthüllt, dass die Bahn von 3I fast in der Ebene des Sonnensystems (Ekliptik) liegt. Bei ‘Oumuamua war das völlig anders: Er traf die Ekliptik fast senkrecht und bewegte sich innerhalb der Merkurbahn an der Sonne vorbei. Dort passierte er das Perihel, den sonnennächsten Punkt, und die Gravitation unseres Tagesgestirns schleuderte ihn dann wieder mit rasanter Geschwindigkeit von beinahe 320 000 Kilometern pro Stunde (88 Kilometern pro Sekunde) in die Tiefen des Alls. Nach dem Periheldurchgang und mit zunehmender Entfernung von der Sonne nimmt die Geschwindigkeit der interstellaren Sonnensystemkreuzer wieder ab und erreicht einen konstanten Grenzwert. Das ist die hyperbolische Exzess- oder Überschussgeschwindigkeit. Es ist eine Grenzgeschwindigkeit, die außerhalb des Sonnensystems erreicht wird. Für die drei interstellaren Besucher ist sie im Fall von 3I/ATLAS am größten:
- 1I/‘Oumuamua: 26 Kilometer pro Sekunde
- 2I/Borisov: 32 Kilometer pro Sekunde
- 3I/ATLAS: 58 Kilometer pro Sekunde
Die Exzessgeschwindigkeit von 58 Kilometern pro Sekunde entspricht etwa 1 AE pro Monat.
Interstellare Objekte sind so schnell, dass sie die Gravitation unseres Sonnensystems nicht einfangen kann
Die Grafik zur Bahn von 3I/ATLAS zeigt, dass er auf seinem Weg einige interessante Objekte kreuzte. Unter anderem begegnete er dem Mars. Am 3. Oktober 2025 nahm die ESA-Marssonde Trace Gas Orbiter (TGO), die den Roten Planeten umkreist, aus rund 30 Millionen Kilometern Distanz (1/5 AE) den interstellaren Vagabunden ins Visier. Eigentlich ist die Kamera CaSSIS (Colour and Stereo Surface Imaging System) gar nicht für so weit entfernte Objekte gemacht! Im Video, das aus Einzelaufnahmen von je fünf Sekunden Belichtungszeit zusammengesetzt wurde, erscheint 3I/ATLAS als helles, ausgedehntes Objekt, nicht punktförmig, aber klein. In den TGO-Bildern ist sogar die Gas- und Staubhülle erkennbar. Es ist eine beeindruckende technische Leistung, dass die Aufnahme eines interstellaren Objekts an einem marsianischen Außenposten gelungen ist.
Auf seiner Reise kam 3I/ATLAS auch bei interplanetaren Raumsonden vorbei, die sich zufällig in seiner Nähe befanden. Dazu gehört die ESA-Sonde JUICE. Diese Mission wurde von der Europäischen Weltraumbehörde im April 2023 gestartet und befindet sich auf dem Weg zum Jupiter und seinen Monden, wo sie im Sommer 2031 ankommen soll. Nachdem JUICE im August 2025 einen Vorbeiflug an der Venus absolviert hatte, um Schwung für die Weiterreise zu Jupiter zu nehmen, passierte die Sonde am 2. November 2025 den interstellaren Körper. Mit der Navigationskamera wurden Komet, Koma und Schweif erfasst.
Steckbrief von 3I/ATLAS
- Größe: 320 Meter bis 5 Kilometer
- Alter: vermutlich einige Milliarden Jahre
- Herkunftsort: Sternbild Schütze (lateinisch: Sagittarius)
- lichtschwach: etwa 18 mag bei Entdeckung
- sehr hohe Exzentrizität: e ≈ 6,14 (hyperbolische Bahn)
- Bewegung im Sonnensystem: retrograd
- Rotationsperiode: rund 16 Stunden
- enthält Wasserdampf, Wassereis, Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Nickel
- giftig: enthält Blausäure und Methanol
Und die NASA?
Erste Hubble-Bilder wurden am 21. Juli 2025 aufgenommen und am 7. August veröffentlicht. Im November folgten weitere Aufnahmen des Weltraumteleskops Hubble. Im Dezember 2025 erschienen Bilder der NASA-Mission Psyche, die schon im September entstanden waren, als 3I/ATLAS ungefähr 53 Millionen Kilometer von der Raumsonde entfernt war. Auch hier sieht das dritte interstellare Objekt aus wie ein Lichtpunkt. Die Sonde soll den gleichnamigen Asteroiden Psyche besuchen und wird ihn voraussichtlich im Juli 2029 erreichen.
Kurz vor Weihnachten 2025 veröffentlichte die NASA weitere Bilder von 3I/ATLAS, die im Ultravioletten mit der Raumsonde Europa Clipper und mit der Sonnensonde Parker Solar Probe aufgenommen worden waren. Beide lieferten Bildmaterial, das aufgrund der großen Abstände 3I/ATLAS als unscheinbaren Lichtpunkt zeigt. Es gibt auch Aufnahmen des dritten Sonnensystemkreuzers, die vom Mars Reconnaissance Orbiter (MRO) der NASA stammen.
So rotiert 3I/ATLAS
Lichtkurven sind mächtige Werkzeuge in der Astronomie, um etwas über kosmische Objekte zu lernen. Im Fall von Asteroiden und Kometen liefern diese Helligkeitsänderungen, die in Abhängigkeit von der Zeit aufgezeichnet werden, wertvolle Erkenntnisse über Rotation und Form der Kleinkörper. Anschaulich wird klar, dass die im Allgemeinen sehr asymmetrisch geformten Objekte der Sonne und der Erde immer wieder andere Seiten präsentieren und so im nächsten Moment eine völlig andere Lichtmenge reflektieren. Astronomisch werden diese Lichtwechsel über längere Zeit verfolgt.
Für 1I/‘Oumuamua lieferte die Lichtkurve die Erkenntnis, dass er eine längliche Zigarren- oder Scheibenform mit einem Achsenverhältnis Länge zu Breite zu Höhe von ungefähr 10 : 1 : 1 aufweist. Auch die Rotation von ‘Oumuamua ließ sich aus der Lichtkurve ableiten. Ihre Periode beträgt etwa 7,3 Stunden. Allerdings rotierte der erste interstellare Besucher nicht fest um seine Hauptträgheitsachsen, sondern vollführte eine Taumelbewegung.
Bei 3I/ATLAS funktioniert diese Methode ganz ähnlich. Doch der Kometenkern befindet sich in einer ausgedehnten Gas- und Staubhülle, welche die Strahlung des eigentlichen festen Zentralobjekts dämpft. Das erschwert die Bestimmung von Form und Rotation. Bei ‘Oumuamua konnte indes keine signifikante Koma nachgewiesen werden, sodass es einfacher war, eine Zigarren- oder Scheibenform abzuleiten.
Mit dem aktuell größten erdgebundenen Teleskop, dem Gran Telescopio Canarias (Grantecan) auf La Palma, das einen Hauptspiegel von stattlichen 10,4 Metern aufweist, war eine erste Messung der Eigenrotation mit einer Periode von rund 16,8 Stunden gelungen. Andere Forschungsgruppen kamen zu ähnlichen Ergebnissen.
Astronomische Beobachtungen am Teide-Observatorium enthüllten einen »Schweif«, der zur Sonne hin ausgerichtet ist. Normalerweise zeigen Schweife aufgrund des Strahlungsdrucks von der Sonne weg. Bei dem am Teide-Observatorium dokumentierten Gegenjet von 3I/ATLAS ist das nicht der Fall (siehe »Der Gegenjet«). Das lässt sich schlüssig erklären: Bei Annäherung an die Sonne wird die Koma immer aktiver und vergrößert sich. Auf der sonnenzugewandten Seite wird das Kometenmaterial viel stärker erwärmt und tritt explosionsartig am Kometenkern aus. Derartige Beobachtungen wurden auch mit der Rosetta-Sonde beim Kometen »Tschuri« gemacht. Das Material wird dann in Form von Jets – gebündelten Materiestrahlen – in Richtung Sonne geschossen.
Woraus besteht der Sonnensystemkreuzer?
Die Zusammensetzung der Kometengase von 3I/ATLAS zeigte schon auf der Grundlage von Hubble-Bildern Wasserdampf (H2O). Mit dem James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) folgte eine Analyse mit Nahinfrarotbildern vom 6. August 2025 (siehe »Infrarotspektrum mit Webb«). Diese bestätigen das Vorkommen von Wasserdampf sowie Wassereis, zeigen aber auch Anteile von Kohlendioxid (CO2), Kohlenmonoxid (CO) sowie Carbonylsulfid (COS). Ähnlich ist die Zusammensetzung von Kometen des Sonnensystems. Ungewöhnlich ist jedoch, dass 3I deutlich mehr Kohlendioxid enthält als Wasserdampf – etwa das Achtfache. Molekularer Kohlenstoff oder Sauerstoff konnten mit dem VLT in 3I/ATLAS nicht aufgespürt werden. Zudem ließ sich das Vorkommen von Nickel nachweisen, von Eisen jedoch nicht.
Kurioserweise ist der dritte interstellare Besucher giftig. So konnte von der Erde aus mit dem Radioantennenverbund Atacama Large Millimeter/submillimeter Array (ALMA) in Chile Blausäure (HCN) identifiziert werden. Ganz neu ist das nicht: Blausäure fand sich bereits im Halleyschen Kometen im Jahr 1910. Und nicht nur das, auch Methanol (CH4O), das zu den Alkoholverbindungen gehört, findet sich in der Koma von 3I/ATLAS. Methanol (»Holzalkohol«) ist ebenfalls giftig.
Ursprung und Alter
Der dritte Besucher kam aus der Richtung des Sternbilds Schütze (lateinisch: Sagittarius). Dort befindet sich in rund 27 000 Lichtjahren Distanz auch das Zentrum des Milchstraßensystems. Wir wissen nicht, von wo genau der interstellare Vagabund gekommen war. Es ist durchaus denkbar, dass er schon durch mehrere Systeme reiste. Wie lange ist 3I/ATLAS bereits unterwegs? Millionen bis Milliarden Jahre? Wir wissen auch das nicht genau, aber mithilfe der Theorie lassen sich zumindest Abschätzungen durchführen. Aus der hohen Geschwindigkeit kann ein kinematisch abgeleitetes Alter von drei bis elf Milliarden Jahren für 3I bestimmt werden. Das neue Objekt könnte demnach älter als unser Sonnensystem sein!
Über die Ursache der hohen Geschwindigkeit, die 3I/ATLAS auf eine hyperbolische Bahn brachte, kann ebenfalls nur spekuliert werden. Er kam auf seinem Weg zumindest keinem größeren Objekt des Sonnensystems nahe, sodass er die hohe Geschwindigkeit nicht in unserem System erhalten haben kann. Das lässt sich mit den Mitteln der Himmelsmechanik sagen. Zog in seinem Heimatsystem ein Stern recht nahe vorbei und katapultierte 3I/ATLAS und eventuell weitere Objekte aus dem anderen System heraus? Oder kollidierten Körper miteinander? Gab es in dem anderen System einen Swing-by-Effekt – ein Manöver, das bei irdischen Raumsonden gezielt genutzt wird, um sie beim »Anfliegen« auf Planeten zu beschleunigen? Oder war es eine Kombination dieser Mechanismen, die 3I/ATLAS so beschleunigten?
3I/ATLAS verlässt nun wieder das Sonnensystem und wird schwieriger zu beobachten sein
Ein außerirdisches Raumschiff?
Schon bei 1I/‘Oumuamua wurde wild spekuliert, dass dieses außergewöhnliche Objekt ein Alien-Raumschiff sein könnte. Ein Astronom hatte sich mit dieser hanebüchenen Spekulation auch bei 3I/ATLAS zu Wort gemeldet. Als Argumente führen die Forscher an, dass es für einen Körper extrem unwahrscheinlich sei, sich derart in unser Sonnensystem hineinzubewegen, dass seine Bahn fast genau in der Ekliptik liegt. Ebenso verwundert es, so die Autoren, dass sich 3I/ATLAS auf seinem Weg gleich mehreren Planeten annähert: der Venus, dem Mars und dem Jupiter – ein Zufall? Die Proponenten der Alien-Hypothese wundern sich auch darüber, dass der sonnennächste Punkt der Bahn von 3I/ATLAS dann durchlaufen wurde, als sich die Erde gerade auf der anderen Seite des Sonnensystems befand. Schließlich ähnelt die Bahnform des dritten Sonnensystemkreuzers einem Oberth-Manöver an der Sonne, bei dem Triebwerke eines potenziellen Raumschiffs während des Vorbeiflugs an unserem Heimatgestirn gezündet werden, um eine »Flugbahn« zu vollführen, die besonders energiesparend und optimal für ein Abfangmanöver ist.
Zusammengenommen sind das alles recht schwache Argumente. Es ist festzuhalten, dass keine ungewöhnliche Zickzackbahn, kein abruptes Abbremsen und keine plötzliche Beschleunigung von 3I/ATLAS dokumentiert wurden. Die beobachteten Bewegungen stehen völlig in Einklang mit der Himmelsmechanik von unbelebten, ungesteuerten Objekten. Es gibt keine überzeugenden Hinweise auf ein Raumschiff, erst recht nicht auf Aliens. Die Berichte hatten im letzten Jahr für einen enormen Medienhype gesorgt, müssen jedoch als unseriös zurückgewiesen werden. Man muss 3I/ATLAS nicht in ein fragwürdiges Licht rücken: Der interstellare Besucher ist so schon interessant genug.
Wie geht es weiter mit 3I/ATLAS?
Der dritte Sonnensystemkreuzer hatte den sonnennächsten Punkt seiner Bahn am 29. Oktober 2025 durchlaufen. Seither nimmt seine Geschwindigkeit wieder ab, wie das zweite keplersche Gesetz besagt: »In gleichen Zeiten überstreicht die Verbindungslinie von Objekt und Sonne (Fahrstrahl) gleich große Flächen.« 3I/ATLAS ist also gerade dabei, unser Sonnensystem zu verlassen. Er bewegt sich inzwischen in Richtung der Sternbilder Zwillinge und Orion. Wir können den Vagabunden noch mit Teleskopen auf seinem Weg verfolgen (siehe »Himmelskarte für 3I/ATLAS«).
Im März 2026 passierte 3I/ATLAS den Gasriesen Jupiter. Die NASA plant, den interstellaren Besucher mit der im Jupitersystem befindlichen Sonde Juno aufzunehmen. Es gibt sonst keine weiteren Sonden vor Ort, die Bilder liefern könnten. Wir dürfen auf weitere Erkenntnisse über dieses faszinierende und exotische Himmelsobjekt gespannt sein.
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