Raumfahrt: Der mühsame Start der deutschen Raketen

2018 wird vielleicht einmal als das Wunderjahr der deutschen Raumfahrtgeschichte gelten. Damals gründeten sich gleich drei deutsche Raketen-Start-ups: Isar Aerospace, Rocket Factory Augsburg und HyImpulse. Sieben Jahre später sind die Jungunternehmen dabei, ihre Produkte auf die Startrampen zu bringen. Nun hat Isar Aerospace die Genehmigung der Zivilluftfahrtbehörde Norwegens erhalten, seine 28 Meter hohe Rakete Spectrum hoch im Norden Europas von der Halbinsel Andøya aus zu starten.
Gelingt der Start, der für den 27. März 2025 ab 12.30 Uhr deutscher Zeit geplant ist, wäre Isar Aerospace das erste deutsche Unternehmen, das ohne fremde Unterstützung eine selbst entwickelte Trägerrakete in den Orbit geschossen hat. Zudem plant ein Industriekonsortium bereits seit Längerem, eine schwimmende Startplattform in der Nordsee zu errichten. Damit würde Deutschland – innerhalb eines bescheidenen Rahmens – zu einer selbstständigen Raumfahrtnation.
Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Zum einen müssen die kommerziellen Raketenhersteller beweisen, dass sie mit ihren Starts auch wirtschaftlich erfolgreich sein können. Und zum anderen verfügt die Bundesrepublik bislang nicht einmal über ein Weltraumgesetz. Außerdem schläft die Konkurrenz nicht: Weltweit entwickeln gerade dutzende Unternehmen Raketen für die gleiche Kundschaft. Haben die drei jungen deutschen Start-ups also überhaupt eine Chance? Welche Rolle spielt dabei das politische und wirtschaftliche Ökosystem?
Dass der Spruch »Space is hard« keine Binse ist, bekam die Rocket Factory Augsburg (RFA) bereits zu spüren. Lange sah es so aus, als würde sie das Rennen um den deutschen Erststart gewinnen. Als sie jedoch im August 2024 die Triebwerke ihrer dreistufigen und 30 Meter großen RFA One testeten, fing die Turbopumpe Feuer. Sekunden später explodierte die Rakete in einem riesigen Feuerball. Die Augsburger müssen nun erstmal eine neue Rakete bauen. Neues Datum für den Erststart: frühestens 2026.
HyImpulse, das dritte des deutschen Raketentrios schaffte immerhin schon einen ersten suborbitalen Hüpfer. Im Mai 2024 schickte das Start-up aus Neuenstadt am Kocher erfolgreich ihre elf Meter große SR 75 von Südaustralien aus etwa 50 Kilometer hoch in den Himmel, bevor die Rakete wieder zurück auf die Erde fiel. Nun arbeitet HyImpulse an dem größeren Raketenmodell SL1, das mit etwa 500 Kilogramm Nutzlast beladen werden kann.
Marktnische im Weltraum?
Anlass für die jungen Ingenieure, sich auf das Abenteuer Weltraum einzulassen, ist die Aussicht, an der Kommerzialisierung des erdnahen Orbits teilzunehmen. Bereits im Jahr 2023 wurden etwa 750 Klein- und Kleinstsatelliten dort platziert, nicht mitgezählt sind dabei die Starlink-Internetsatelliten des US-amerikanischen Unternehmens SpaceX. Die Beratungsfirma Novaspace geht davon aus, dass in den kommenden zehn Jahren mehr als 14 000 solcher Kleinsatelliten eine Transportgelegenheit ins All benötigen.
Das Problem: Bislang fliegen diese bis etwa 500 Kilogramm schweren Geräte als sekundäre Nutzlast auf großen Trägerraketen mit und müssen sich nach Zeitplan und Zielorbit der großen Satelliten richten. Kleine Raketen, so genannte Microlauncher, sollen in diese Lücke stoßen und die Geräte exklusiv an ihren Bestimmungsort transportieren.
Zumindest die wichtigste Ressource, um in Deutschland Raketen zu entwickeln, ist vorhanden: Humankapital. Mit den Instituten für Luft- und Raumfahrt etwa an den Universitäten Stuttgart und München verfügt die Bundesrepublik über erstklassige Ausbildungsorte für Raumfahrt-Ingenieure und -Ingenieurinnen, die dann bei etablierten Unternehmen wie Airbus in Hamburg und dem Satellitenhersteller OHB in Bremen lernen können, wie man Raumfahrzeuge baut.
Doch im Gegensatz zu den häufig mit staatlichen Aufträgen abgesicherten Großunternehmen brauchen die deutlich kleineren Raumfahrt-Start-ups enormes Startkapital und gleichzeitig geringe regulatorische Hürden, um das erste Stadium ihres Daseins zu überstehen.
Das Beste am deutschen Weltraumgesetz: Es gibt keins
Immerhin stellt es kein größeres bürokratisches Hindernis dar, die deutschen Microlauncher in den Orbit zu befördern. Ironischerweise liegt das daran, dass die Bundesrepublik bisher weder über einen nationalen Startplatz verfügt noch über ein Gesetz, das die Starts regulieren könnte. Zwar hatte das Kabinett Scholz bereits Eckpunkte für ein Weltraumgesetz beschlossen; zu einer Umsetzung kam es aber nicht mehr. Daher sind Isar Aerospace und Co. gezwungen, ihre Raketen außerhalb Deutschlands zu starten. Die Briten etwa haben sich im Jahr 1989 ein Weltraumgesetz gegeben, die Norweger bereits 1969.
Weltraumgesetze sind nicht nur für die Allgemeinheit, sondern auch für Unternehmen sinnvoll. Nach dem gültigen internationalen Weltraumvertrag von 1967 kommen für alle Schäden, die bei einem Raketenstart entstehen, die Länder auf, von deren Grund und Boden die Rakete startet. Heißt: Würden Trümmer einer deutschen Rakete, die in Schottland startet, auf die isländische Hauptstadt Reykjavík fallen, käme Großbritannien dafür auf, selbst wenn es sich um die Rakete eines privaten, deutschen Unternehmens handelt.
Daher verpflichten Raumfahrtnationen die Raketenbetreiber per Gesetz, ihre Starts bis zu einer Haftungsobergrenze zu versichern. In Großbritannien etwa liegt diese je nachdem bei etwa 60 Millionen Euro, alles darüber hinaus übernimmt der Staat. Mit dieser Zweiteilung des Risikos sind die Raketenbetreiber in der Lage, ihr Geschäftsmodell mit bezahlbaren Versicherungsprämien abzusichern. Ein Weltraumgesetz bedeutet also auch einen Standortvorteil.
»Wir brauchen kein Weltraumgesetz, sondern Klarheit, um einen versicherbaren Start anzubieten«Jörn Spurmann, Raumfahrt-Ingenieur und Mitgründer der RFA
Die Union allerdings hatte das Eckpunkte-Papier der gescheiterten Ampelkoalition nach Erscheinen als »Raumfahrtverhinderungsgesetz« bezeichnet. Da es nicht nur die Unternehmen beträfe, die ihre Raketen in Deutschland starten, sondern auch ihren Sitz hier zu Lande haben, könnte es die Start-ups bewegen, sich gleich ganz aus dem Land zu verabschieden. Zwar wird in dem Entwurf formelhaft die Förderung junger Start-ups erwähnt. Aber neben der obligatorischen Haftungsobergrenze von maximal 50 Millionen Euro, geht es darin ausdrücklich auch um das Sauberhalten des Weltraums und die Sichtbedingungen für die Astronomie.
Daher ist den deutschen Raketenbetreibern gar kein Gesetz lieber als ein schlechtes. »Wir brauchen kein Weltraumgesetz, sondern Klarheit, um einen versicherbaren Start anzubieten«, sagt etwa Jörn Spurmann, Raumfahrt-Ingenieur und Mitgründer der RFA. »All das regelt für uns schon das britische Gesetz. Was Deutschland jetzt an Gesetzen noch dazu erfindet, ist für uns nur ein zusätzlicher regulatorischer Aufwand.«
Der Traum von einem deutschen Startplatz
Ein Weltraumgesetz wäre erst dann sinnvoll – und notwendig – sobald es einen Startplatz auf dem Hoheitsgebiet der Bundesrepublik gibt, wie vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) schon im Jahr 2019 gefordert. Das würde den deutschen Unternehmen zum einen die langwierigen Verfahren des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) ersparen, die sie derzeit durchlaufen müssen. Zum anderen würde ein deutscher Startplatz bedeuten, sich von konkurrierenden Nationen unabhängig zu machen. »Das ganze Projekt hat mit dem Ukrainekrieg sowie mit dem Gebaren von US-Präsident Trump und seinem Berater Elon Musk weiter an Dynamik gewonnen«, sagt Matthias Wachter, verantwortlich für Internationale Zusammenarbeit, Sicherheit, Rohstoffe und Raumfahrt beim BDI. »Wir dürfen uns bei strategischen Fähigkeiten nicht von Personen und Ländern abhängig machen, auch wenn es Verbündete sind. Dazu gehört nicht nur, mehrere Anbieter für Trägerraketen zu haben, sondern auch eine Startplattform in EU-Kontinentaleuropa.«
Zwar hat Deutschland Zugang zum europäischen Weltraumstartplatz der ESA in Kourou. Doch Hausherr im äquatorialen Französisch-Guyana ist rechtlich gesehen die französische Raumfahrtbehörde CNES. Zudem ist der Transport dorthin teuer und die erreichbaren Orbits sind vor allem jene entlang des Äquators, nicht die für Kleinsatelliten relevante Route über die Pole.
Da eine Startrampe im dicht besiedelten Deutschland unrealistisch ist, haben sich vier Unternehmen zum Konsortium German Offshore Spaceport Alliance (GOSA) zusammengetan, darunter das Bremer Unternehmen OHB, um eine schwimmende Startplattform in der Nordsee zu bauen. Nach den derzeitigen Plänen könnte eine Rakete in Bremerhaven auf ein Spezialschiff verladen und in die etwa 450 Kilometer weit entfernte »ausschließliche Wirtschaftszone« der Bundesrepublik geschippert werden. Von dort könnten die Raketen abheben, ohne über bewohnte Gebiete zu fliegen.

Auch wenn die deutschen Raketenbauer derzeit nicht auf einen deutschen Startplatz angewiesen sind, würden sie die Nordsee-Rampe als Alternative begrüßen. HyImpulse entwickelt eine eigene mobile Startrampe, um seine Starts je nach Bedarf auf dem Staatsgebiet anderer Nationen anbieten zu können. Christian Schmierer, Mitgründer von HyImpulse, sieht in den Plänen der GOSA-Allianz daher eine willkommene Option, wenn auch mit kritischem Unterton. »Es kann sich lohnen, aus Deutschland zu starten. Es hängt aber von einem künftigen deutschen Weltraumgesetz ab, ob es damit einfacher und schneller geht als von Großbritannien aus. Ich bin momentan skeptisch, dass dies in Deutschland gelingt.«
Raketen verschlingen Geld – viel Geld
Immerhin ist es den Unternehmen gelungen, erkleckliches Wagniskapital einzusammeln. HyImpulse beispielsweise kann 25 Millionen Euro ausgeben. Das hört sich zwar nach viel Geld an, reicht aber nicht, um eine orbitale Rakete zu bauen. SpaceX-Gründe Elon Musk investierte umgerechnet etwa 100 Millionen Euro in seine erste, kleine Rakete, die Falcon 1. Das gilt bis heute als Mindestsumme für die Entwicklung eines Microlaunchers. Daher ist HyImpulse darauf angewiesen, schon bald weitere Geldgeber zu finden.
Etwas besser sieht es bei der RFA aus, die nicht nur 30 Millionen Euro von der Beteiligungsgesellschaft KKR, sondern auch 11 Millionen vom Bremer Satellitenbauer OHB erhalten hat – und damit gleichzeitig einen potenziellen Kunden als Anteilhaber. Isar Aerospace konnte sogar 300 Millionen Euro einwerben und gehört damit zu den am besten finanzierten Raketen-Start-ups in Europa.
»Wir hoffen, dass wir in der neuen Legislaturperiode unter einem Bundeskanzler Friedrich Merz mehr Startaufträge bekommen, und zwar direkt von deutschen Institutionen«Christian Schmierer, Mitgründer von HyImpulse
Zuletzt ließ das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz Ende 2024 über das ESA-Programm »Boost!« 95 Millionen Euro auf die drei deutschen Start-ups regnen. Diese Summe ist aber im europäischen und internationalen Vergleich eher gering. Die französische Regierung kündigte Anfang 2025 an, über ihre Raumfahrtagentur CNES nationale Start-ups wie Latitude mit 400 Millionen Euro zu fördern. Weitere staatliche Unterstützung könnte über die noch in diesem Jahr Gestalt annehmende European Launcher Challenge der ESA in die Start-ups fließen – ein Programm soll langfristig eine Nachfolgerin der Ariane 6 gebären.
Letztlich ist aber neben einer funktionierenden Rakete ein volles Auftragsbuch die härteste Währung im kommerziellen Raumtransport. Daher wünschen sich Spurmann und Schmierer langfristig lieber öffentliche Aufträge als staatliches Geld oder gar Investoren, die für ihre Kapitalspritzen große Anteile des Unternehmens erhalten. »Wir hoffen, dass wir in der neuen Legislaturperiode unter einem Bundeskanzler Friedrich Merz mehr Startaufträge bekommen, und zwar direkt von deutschen Institutionen«, sagt Schmierer. »Das ist ja keine Subvention, Deutschland erhält eine Gegenleistung – nur eben mit einer anteiligen Vorkasse.« Das wäre auch im internationalen Vergleich keine Besonderheit. »SpaceX bekam in der Anfangszeit 80 Prozent der Aufträge von der amerikanischen Regierung, und noch immer sind es etwa 50 Prozent«, merkt Wachter vom BDI an. »Wenn der Staat als Kunde ausbleibt, dann wird das gesamte Innovationsökosystem nicht fliegen lernen.
Das Problem der Microlauncher: der Kilopreis
Die Frage ist allerdings, ob sich das öffentliche Investment lohnt, denn es gibt berechtigte Zweifel am Geschäftsmodell. Der größte Vorteil von Microlaunchern, ihre Flexibilität, hat einen Preis. Denn in der Raumfahrt gilt: Je größer eine Rakete ist, umso kostengünstiger wird das Kilogramm Nutzlast – und umgekehrt.
Elon Musk hat das schnell erkannt und bereits 2005 begonnen, die größere Falcon 9 zu entwickeln, drei Jahre bevor die Falcon 1 erstmals den Orbit erreichte. Bei SpaceX kostet das Kilogramm Fracht durchschnittlich umgerechnet etwa 3000 Euro. Bei Rocket Lab, einem der wenigen Unternehmen, die bereits einen Microlauncher im Angebot haben, sind es hingegen umgerechnet fast 24 000 Euro pro Kilogramm.
Die süddeutschen Raketenbauer versprechen bessere Preise. Bei Isar Aerospace soll das Kilogramm langfristig 10 000 Euro kosten, bei HyImpulse 7000 Euro und bei RFA sogar nur 5000 Euro. Aber: Sollte dieser Preisbereich tatsächlich Realität werden, läge er immer noch um ein Vielfaches höher als bei einem Start mit der Falcon 9.
Das globale Rennen der Microlauncher
Die Deutschen sind also weder die Einzigen noch die Ersten mit der Idee, Kleinraketen zu entwickeln. Weltweit sind bereits 20 davon im Einsatz – wobei der überwiegende Teil in staatlicher Hand ist oder aus China stammt. Damit sind die Raketen entweder sehr teuer oder haben aus politischen Gründen keinen Zugang zum westlichen Markt. Auch im Vergleich mit kommerziellen Anbietern gehen die Deutschen mit viel Rückstand ins Rennen. Die Electron von Rocket Lab hebt schon seit 2018 ab, die zweistufige Alpha des texanischen Unternehmens Firefly Aerospace seit 2023. Dazu kommen weltweit etwa 20 Unternehmen (ohne China), die ebenfalls orbitale Kleinraketen entwickeln.
Da stellt sich die Frage, woher die Kunden und die Satelliten kommen sollen, um all diese Unternehmen auszulasten. Denn um eine Rakete lukrativ zu betreiben, muss sie häufig abheben. RFA rechnet beispielsweise mit zwölf Starts im Jahr, Isar Aerospace mit zehn und HyImpulse mit sieben, um auf dem Markt zu bestehen.
Wer wird überleben?
Spurmann rechnet allerdings gar nicht erst mit einem Überangebot. »Die Zahl an Firmen, die in Europa vor einem orbitalen Erststart stehen, ist sehr klein. Am Ende geht es nicht darum, wer zuerst startet, sondern den nachhaltigeren Business Case hat.« Denn auch ein erfolgreiches Abheben garantiert nicht, dass ein Microlauncher rentabel fliegt. Die Terran-1-Rakete des mit umgerechnet 1,2 Milliarden luxuriös finanzierten Unternehmen Relativity Space startete zwar 2023 erfolgreich, aber die Oberstufe versagte. Die Kalifornier motteten die Kleinrakete unversehens ein und entwickeln nun eine deutlich größere Trägerrakete. Andere Firmen wie Virgin Orbit von Milliardär Richard Branson haben sogar ganz aufgegeben, obwohl der Microlauncher viermal die Umlaufbahn erreichte.
Spurmann glaubt daher nicht, dass sehr viele Anbieter überleben werden. »In den USA gibt es derzeit Rocket Lab und Firefly, obwohl früher mal zehn Firmen aktiv waren. In Europa gibt es inzwischen ebenfalls zehn derartige Unternehmen«, sagt Spurmann. »Schaffen es alle, die nötigen Mittel aufzutreiben? Kriegen alle zuverlässig eine Rakete in den Himmel und können davon leben? Wenn davon mehr als zwei oder drei übrig bleiben, wäre ich wirklich verwundert.« Sich selbst jedenfalls zählt er selbstbewusst dazu.
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