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Acting out of character: Man muss nicht immer man selbst sein

Authentizität gilt als große Tugend. Dabei kann es Vorteile haben, sich auch mal anders zu verhalten, als es der eigenen Veranlagung entspricht.
Zwei Personen stehen nebeneinander in einem Garten vor einem Holzzaun. Die linke Person trägt einen silbernen Helm, der an einen Raumanzug erinnert, und eine gestreifte Bluse. Die rechte Person trägt einen großen Hasenkopf mit rosa Details und eine Jeansjacke. Im Hintergrund sind blühende Büsche und ein weißes Gebäude zu sehen.
So klappt es bestimmt: einfach mal jemand (oder etwas) anders sein.

In der eigenen Komfortzone lebt es sich gemütlich. Sie zu verlassen, ist aber gar nicht so anstrengend wie gedacht – und lohnt sich. Zu diesem Schluss kommt eine Forschungsgruppe um Evy Kuijpers von der Freien Universität Brüssel anhand von Alltagsprotokollen von knapp 200 überwiegend weiblichen, jungen Erwachsenen. Das Fazit der Psychologin und ihrer Kollegen im Fachjournal »Personality and Social Psychology Bulletin«: Wer sich zeitweise »untypisch« offen für neue Erfahrungen zeigt, fühlt sich damit eher besser als schlechter.

Die Versuchspersonen wurden über soziale Netzwerke angeworben und zunächst zu ihrer Offenheit für neue Erfahrungen befragt, einer der fünf großen Persönlichkeitsdimensionen (Big Five). Als Kennzeichen galten zum Beispiel Neugier, Experimentierfreude und die Neigung, kreativen und intellektuellen Aktivitäten nachzugehen. Dann wurden sie zwei Wochen lang fünfmal täglich zu verschiedenen Uhrzeiten per App kontaktiert, sodass mehr als 14 000 Einzelmessungen zusammenkamen. Hatten sie in der zurückliegenden Stunde etwas Kreatives vollbracht? Wie typisch war das für sie? Und wie fühlten sie sich gerade?

Je offener sich die Befragten kurz zuvor verhalten hatten, desto besser war ihr Befinden und desto weniger erschöpft fühlten sie sich. Hochgradig offene Personen profitierten besonders davon, noch offener zu handeln. Nur bei einem extrem ungewohnten Verhalten gab es schwach negative Effekte. Für die Ergebnisse spielte es keine Rolle, ob das unübliche Verhalten von den Teilnehmenden selbst als solches definiert wurde oder ob es von den Forschenden mit dem übrigen protokollierten Verhalten verglichen und für untypisch befunden wurde.

Eine mögliche Erklärung für die positive Wirkung: Wer sich offener verhält, erlebt oder erfährt etwas Neues – und das inspiriert, motiviert und hebt die Stimmung. Die Autoren appellieren deshalb, das sogenannte Acting-out-of-character, in der Fachsprache »counterdispositional behavior«, nicht automatisch negativ zu bewerten. Ältere Untersuchungen ergaben bereits, dass es für Introvertierte vorteilhaft sein kann, sich öfter extravertiert zu zeigen. Für Extravertierte hingegen war es eher anstrengend, sich introvertiert zu verhalten.

Der neue Befund ist allerdings mit Vorsicht zu interpretieren. Zum einen wegen der mehrheitlich weiblichen jungen Stichprobe, zum anderen, weil das Verhalten nicht zwangsweise auferlegt wurde. Wahrscheinlich verhielten sich die Teilnehmenden eher dann untypisch, wenn sie es selbst so wollten oder die Umstände es ihnen leicht machten. Wer dazu gezwungen wird, die eigene Komfortzone zu verlassen, könnte darauf auch anders reagieren.

  • Quellen
Kuijpers, E. et al., Personality and Social Psychology Bulletin 10.1177/01461672261424004, 2026

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