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Drogen in der Umwelt: Lachse auf Kokain schwimmen weitere Strecken

Kokain gelangt über das Abwasser in Flüsse und Seen. Ein Forscherteam hat die Auswirkungen des Rauschmittels auf Lachse untersucht. Unter seinem Einfluss legen die Fische weitere Strecken zurück – für die Tiere ist das kein Vorteil.
Ein Lachs schwimmt in einem klaren Fluss über einem steinigen Flussbett. Der Fisch hat einen schlanken Körper mit einem silbrig-grauen Schimmer und ist mit kleinen schwarzen Punkten und rötlichen Flecken bedeckt. Im Hintergrund sind große, glatte Steine und leicht trübes Wasser zu sehen.
Viele Gewässer sind mit Kokain belastet. Wie sich das auf die Tierwelt auswirkt, haben Fachleute an wilden Lachsen untersucht.

Fische auf Koks: Das mag nach einem ungewöhnlichen Forschungsthema klingen. Doch wie viele Drogen und Medikamente findet Kokain über das Abwasser seinen Weg in die Umwelt. Wissenschaftler versuchen nun herauszufinden, wie sich die Substanzen auf Wildtiere auswirken.

Der Ökologe Jack Brand und seine Kollegen von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften konzentrierten sich auf wilde Atlantische Lachse (Salmo salar). Sie versahen 105 Jungtiere, die in Gefangenschaft aufgewachsen waren, mit akustischen Peilsendern und Implantaten, die kontrolliert Wirkstoffe freisetzen können. Bei einem Drittel der Tiere bestückten die Fachleute das Implantat mit Kokain, beim zweiten Drittel mit Benzoylecgonin – einem Stoffwechselprodukt, das beim Abbau von Kokain im menschlichen Körper entsteht. Im Abwasser finden sich davon meist höhere Konzentrationen als von Kokain. Bei den übrigen Tieren setzte das Implantat nichts frei.

Anschließend setzten die Forscher die Lachse im schwedischen Vättersee aus und verfolgten ihre Bewegung. Die in der Fachzeitschrift »Current Biology« veröffentlichten Ergebnisse zeigen: Die Fische, die dem Abbauprodukt Benzoylecgonin ausgesetzt waren, schwammen pro Woche durchschnittlich bis zu 1,9-mal so weit wie die der Kontrollgruppe. Außerdem verteilten sie sich mehr und entfernten sich bis zu zwölf Kilometer weiter von dem Ort, an dem sie ausgesetzt worden waren – eine Steigerung um 60 Prozent.

Dabei wirkte das Stoffwechselprodukt Benzoylecgonin noch einmal stärker auf das Schwimmverhalten als das Kokain selbst. Warum das so ist, ist noch unklar. »Damit hatten wir nicht gerechnet. Das Ergebnis gibt uns einen wichtigen Hinweis, weil Umwelt-Risikobewertungen typischerweise eher den Ausgangsstoff als dessen Abbauprodukte in den Blick nehmen«, sagt Brand.

Das Experiment sei ein wichtiger Schritt nach vorn, weil frühere Studien nur im Labor durchgeführt worden seien, sagt Rachel Ann Hauser-Davis, Biologin an der Oswaldo-Cruz-Stiftung in Brasilien. Allerdings kämen die Fische in der Natur über verunreinigtes Wasser mit den Drogen in Kontakt – nicht über ein Implantat, das die Stoffe nach und nach freigibt.

Wenn Lachse Kokain ausgesetzt sind, kann das weitreichende Folgen für die Tiere haben: Fische, die längere Strecken zurücklegen, könnten in Lebensräume gelangen, die für sie nicht geeignet sind. Energie, die sie fürs Schwimmen aufwenden, fehlt ihnen bei der Nahrungssuche und zum Wachsen – und möglicherweise stoßen sie auf neue Nahrungsquellen und Fressfeinde. »Atlantische Lachse sind bereits durch den Klimawandel und den Verlust ihres Lebensraums beeinträchtigt«, sagt Brand. Zusätzlicher Druck »könnte einen Dominoeffekt auslösen«.

Benzoylecgonin und Kokain sind in vielen natürlichen Lebensräumen zu finden. Deshalb könnten auch andere Tierarten den Substanzen ausgesetzt sein. Frühere Studien hatten bereits die Auswirkungen von Kokain auf Europäische Aale und Flusskrebse nachgewiesen. Eine neuere Untersuchung beschäftigte sich mit der Frage, wie Kokain und seine Abbauprodukte sich in wild lebenden Fischen wie Haien anreichern.

Essen könne man die Fische jedoch nach wie vor: Brand betont, dass die Konzentration der Drogen in den Lachsen deutlich unter den Werten liegen dürften, die einen Einfluss auf Menschen haben.

  • Quellen

Brand, J. A. et al., Current Biology 10.1016/j.cub.2026.03.026, 2026

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