Mentales Training: Entrümpeln beginnt im Kopf

Der Kleiderschrank ist zum Platzen voll. In den Regalen stapeln sich die Bücher. Und im Keller steht Gerümpel, das schon lange niemand mehr braucht. Also endlich mal ausmisten? Allein der Gedanke daran weckt bei manchen Menschen schon Verlustängste. Eine Forschungsgruppe von der University of New South Wales in Australien hat deshalb eine einfache Methode getestet, die in solchen Situationen helfen soll: eine Imaginationsübung.
Das Team um den Psychologen Isaac Sabel warb rund 100 junge Erwachsene an, die sich nach eigener Einschätzung mit dem Ausmisten schwertaten. Zunächst beantworteten sie mehrere Fragebögen; dann sollten sie per Video einen Gegenstand präsentieren, von dem sie sich nicht trennen konnten, obwohl sie es wollten. Dann leitete ein Psychologe die Hälfte von ihnen an, sich ganz genau vorzustellen, wie sie den Gegenstand wegwerfen oder weggeben würden und welche positiven Folgen das hätte. Die Übrigen absolvierten eine Übung aus der kognitiven Verhaltenstherapie: Sie sollten vor allem die Argumente, die für das Wegwerfen sprachen, genauer darstellen.
Beide Übungen minderten negative Gefühle wie Anspannung, Angst und Traurigkeit, und sie förderten positive Gefühle sowie die Motivation, sich von dem fraglichen Gegenstand zu trennen. Auch typische Überzeugungen nahmen ab, etwa dass die Besitztümer eine wichtige Erinnerungsstütze oder Teil der eigenen Identität wären. Einige dieser Effekte fielen in der Imaginationsgruppe stärker aus, und dieser Gruppe gelang es auch rund doppelt so oft, sich gleich nach der Übung tatsächlich von dem Gegenstand zu trennen. Eine Woche später hatte die andere Gruppe allerdings so weit aufgeholt, dass der Vorsprung nicht mehr bedeutsam war.
Was die Autorinnen und Autoren dennoch an die Kraft der Imagination glauben lässt: Ein großer Teil der Versuchspersonen hatte über innere Bilder berichtet, die sie vom Ausmisten abhielten, etwa die Vorstellung, den Gegenstand doch wieder zu brauchen – und nur nach der Imaginationsübung verloren diese Bilder an Lebendigkeit. Die Übung könnte außerdem wie »mentales Probehandeln« wirken, erklären Sabel und sein Team im »Journal of Experimental Psychopathology«: Wer eine Handlung im Kopf durchspiele, führe sie später auch eher aus.
Die Studie belegt allerdings nicht eindeutig, dass es wirklich die Imaginationsübung war, die diese Veränderungen verursacht hat. Denkbar wäre auch, dass bereits die intensive Beschäftigung mit dem Thema half. Überdies hatten die Versuchspersonen keine klinische Diagnose, sondern lediglich Probleme beim Ausmisten eingeräumt. Ob Imagination bei pathologischem Horten hilft, ist daher ungeklärt – und die Übungen sollten auch lediglich ein Therapiebaustein im Rahmen einer professionellen Behandlung sein.
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