Verirrter Buckelwal : »Ein sehr sichtbares und tragisches Opfer der Fischerei«

Für den verirrten Buckelwal in der Ostsee gibt es wohl keine Hoffnung mehr. Wie Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) heute bekannt gab, werden alle Rettungsversuche eingestellt. Der Wal solle an seinem jetzigen Aufenthaltsort, in der Kirchsee vor Poel, in Ruhe gelassen werden. Meeresbiologe und Walschützer Fabian Ritter hat das Geschehen medial begleitet und stand in regelmäßigem Kontakt mit Akteuren vor Ort. Im Interview spricht er über die schwere Entscheidung und darüber, was sich in der Politik und im Handeln jedes Einzelnen ändern muss.
Herr Ritter, wie wir heute erfahren haben, werden alle Versuche eingestellt, den Buckelwal in der Wismarer Bucht zu retten. Was hat zu dieser Entscheidung geführt?
Die Expertinnen und Experten vor Ort haben festgestellt, dass der Wal nur noch unregelmäßig atmet und kaum noch reagiert. Man geht davon aus, dass er an der Stelle sterben wird, wo er aktuell liegt.
Bezüglich seines Gesundheitszustands gingen die Meinungen immer wieder sehr auseinander. Warum war das so schwierig einzuschätzen?
Wir sind da in erster Linie auf äußere Anzeichen angewiesen. Also: Wie verhält sich das Tier? Atmet es regelmäßig und wie kraftvoll? Wie sieht die Haut aus? Wie ist die generelle Konstitution? Man kann das nur annähernd erfassen. Was man allerdings weiß, ist, dass der Buckelwal eine wochenlange Leidensgeschichte hinter sich hat, weil er in ein Fischernetz eingewickelt war – was ihn mit Sicherheit stark geschwächt hat. Und es befinden sich noch immer Netzreste im Maul, weshalb er vielleicht keine Nahrung zu sich nehmen kann, selbst wenn er wollte. Er wird immer schwächer und bewegt sich nun wahrscheinlich auf sein Lebensende zu.
Haben Sie jemals eine reelle Chance gesehen, dass der Wal es schafft?
Vor fünf, sechs Tagen habe ich dem Wal gar keine Chance eingeräumt – und war dann überrascht, als er sich doch noch einmal befreit hat. Allerdings blieb meine Hoffnung gering. Er hat in den letzten Tagen nur ein paar Runden gedreht und sich dann wieder abgelegt. Das deutet darauf hin, dass er psychisch und physisch ziemlich am Ende ist.
Und selbst wenn er es ins offene Meer geschafft hätte – in Sicherheit wäre er dann noch lange nicht gewesen, oder?
Wäre er wieder in Gang gekommen und dann auch in die richtige Richtung geschwommen, so hätte er noch Hunderte Kilometer bis in den Atlantik vor sich gehabt. Dass er den Weg findet, wäre ihm durchaus zuzutrauen gewesen. Allerdings hat er aufgrund des Netzes in seinem Maul möglicherweise Schmerzen und kann nur wenig bis nichts fressen. Das wäre letztendlich sein Todesurteil, egal wie weit er schwimmen kann.
Wie geht man jetzt konkret vor? Lässt man den Meeressäuger einfach sterben? Es war auch schon die Rede von Sterbehilfe.
Sterbehilfe ist von allen Beteiligten ausgeschlossen worden. Ein solches Unterfangen ist logistisch zu schwierig, zumal das Tier aktuell auf schlammigem Grund liegt. Und da wäre außerdem die Frage, wie genau man es macht. Es gibt drei Möglichkeiten: Man injiziert zum Beispiel einen hoch dosierten Giftstoff. Doch kein Mensch weiß, wie viel man für einen Buckelwal braucht. Die zweite Option ist der Einsatz großkalibriger Schusswaffen. Das Problem dabei ist, dass man den Schuss sehr präzise setzen muss, sonst leidet das Tier noch mehr. Die dritte Option wäre ein Sprengsatz. Das wäre zwar am effektivsten – aber während Kameras draufhalten? Die Welt schaut zu. Nein, das wäre keine gute Lösung.
Das heißt, es wird jetzt weiter nichts unternommen?
Ich denke, dass man den Wal nun allein und in Ruhe sterben lässt und ihm vermutlich damit einen Gefallen tut.
Wie geht es nach dem Tod des Meeressäugers weiter?
Der Kadaver wird mit schwerem Gerät an Land geholt und die Veterinäre checken alles durch: Blutwerte, innere Verletzungen, Schadstoffbelastung, Parasiten. Und alle sind natürlich daran interessiert, welchen Schaden das Netz in seinem Maul oder Verdauungstrakt tatsächlich angerichtet hat. Danach muss der Wal zerlegt und entsorgt werden.
Wie ist der Wal überhaupt in die missliche Lage geraten? Weiß man mittlerweile mehr darüber?
Der Hauptgrund ist vermutlich das Netz. Es ist nicht klar, ob er sich erst in der Ostsee darin verfangen hat oder schon im Nordatlantik. Falls Letzteres zutrifft, kam er geschwächt bei uns an, war also bereits in großer Not. Eine andere Möglichkeit ist, dass er als Irrgänger in der Ostsee gelandet ist – vielleicht mit einer Vorerkrankung und einer bereits bestehenden Desorientierung. Gründe hierfür könnte etwa eine Gehörschädigung durch Unterwasserlärm sein. Manchmal tauchen Buckelwale auch einfach in Gegenden auf, wo man sie nicht erwartet. Insofern könnte es sein, dass er einfach neugierig war und deswegen in der Ostsee gelandet ist. So etwas kommt immer mal wieder vor.
Was ist denn das wahrscheinlichste Szenario?
Vermutlich hat er sich verirrt. Dass er bewusst in die Ostsee geschwommen ist, halte ich für eher unwahrscheinlich. Sicher ist: Als er zum ersten Mal gesichtet wurde, hatte er das Netz bereits um den Körper. Das hat seine Notlage mindestens verschärft.
Obwohl er von den Leinen größtenteils befreit wurde – es hat seine Lage offensichtlich nicht verbessert. Besteht vielleicht ein tiefer gehendes Problem mit der Navigation?
Die Frage ist, wie genau er in der Ostsee navigiert. Nutzt er dafür den Geschmacksinn, das Magnetfeld der Erde, sein Gehör oder orientiert er sich an der Wassertemperatur? Es wird in der Fachwelt darüber diskutiert, was dabei für einen Bartenwal der wichtigste Sinn ist. Fakt ist, er wird schwächer, und somit schwinden ihm auch seine Sinne. Und vielleicht verliert er damit auch die Motivation, die Kraft und die Fähigkeit, zu entscheiden, wohin er schwimmen soll.
»Falls der Wal stirbt, kann man das im Nachhinein niemandem von dem Rettungsteam vorwerfen«
Wie bewerten Sie die Maßnahmen zur Rettung des Buckelwals im Nachhinein?
Das ist eine schwierige Frage. Aus meiner Sicht war die Strategie in Ordnung. Dem Tier immer wieder Ruhe zu gönnen und es dann wieder zu motivieren – das war schon richtig. Hingegen war die Entscheidung, zu ihm ins Wasser zu steigen, eher ungünstig. Fragt man Walexperten aus Rescue-Teams weltweit danach, sagen diese unisono: Geht nicht zu dem Wal ins Wasser – und schon gar nicht allein! So kann eine unbedachte Bewegung dazu führen, dass man von einer Fluke erwischt oder anderweitig verletzt wird. Für solche Fälle gibt es kein Rezept. Die Beteiligten vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW), vom Deutschen Meeresmuseum und von Greenpeace haben letztlich nach dem Trial-and-Error-Prinzip geschaut, was sich machen lässt. Falls der Wal stirbt, kann man das im Nachhinein niemandem von dem Rettungsteam vorwerfen. Die Chancen waren von Anfang an schlecht.
Und was ist mit der Entscheidung, das Stellnetz nicht aus dem Maul zu entfernen – halten Sie das ebenfalls für richtig?
Ich denke, man hätte es versuchen sollen. Als der Wal noch in Timmendorf lag, gab es zumindest die Chance. Allerdings nur als darauf spezialisiertes Team und mit speziellem Gerät. Im Nachhinein sollten wir uns aber eher Gedanken darum machen, was wir in Zukunft anders machen können, um einen Wal nicht mehr in diese Situation zu bringen. Er ist ja ein sehr sichtbares und tragisches Opfer der Fischerei.
Was fordern Sie konkret von der Politik? Der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, zeigt sich ja die ganze Zeit sehr betroffen. Folgen dem Taten?
Herr Backhaus zeigt sich in der Tat sehr betroffen – und das kann man ihm auch glauben. Aber weder die Politik in Mecklenburg-Vorpommern noch die der Bundesregierung ist besonders bekannt dafür, die notwendigen Schritte in Richtung einer ökologisch nachhaltigen Fischerei zu gehen.
Die Meeresschutzverbände, die sich mit dem Walschutz befassen, fordern seit Langem ein Ende der Schleppnetz- und Stellnetzfischerei – zumindest innerhalb von Schutzgebieten. Sie zerstören Habitate und sind für horrenden Beifang verantwortlich. Jedes Jahr sterben weltweit 300 000 Wale und Delfine, Millionen von Seevögeln, und von Haien gar nicht zu sprechen. Tausende Schweinswale finden jährlich in Europa den Tod in Netzen. Und das, obwohl es sich um eine streng geschützte Art handelt!
»Es ist absurd, was da heute in sogenannten Schutzgebieten los ist«
Wie kann es sein, dass trotz dieses Wissens seitens der Politik so wenig unternommen wird?
Der politische Wille fehlt, und die Fischerei hat eine sehr starke Lobby. Dabei gibt es in der Ostsee gerade noch etwa 300 Berufsfischer; die ganze Branche in Deutschland beschäftigt circa 3000 Menschen, inklusive der Fischverarbeitung. Wir reden hier also von einem kleinen Wirtschaftssegment, das aber einen riesigen Einfluss hat, politisch und auf die Umwelt. Deswegen werden Entscheidungen verzögert oder verhindert.
Dabei ist die Lage dramatisch. Es ist das eingetreten, wovor Umweltschützer seit Jahrzehnten gewarnt haben: Wir werden an den Punkt kommen, dass die Fischpopulationen zusammenbrechen. Und da sind wir jetzt in der Ostsee. Für den westlichen Hering und den Dorsch sind die Fangquoten gezwungenermaßen auf null runter, weil einfach nichts mehr da ist. Wir müssen dem Ökosystem dringend eine Pause gönnen. Doch selbst in Meeresschutzgebieten wird Raubbau betrieben. Es passiert nur ganz langsam etwas, in winzigen Schritten. Das ist viel zu wenig, gemessen an der Größe des Problems!
Wie kann es überhaupt sein, dass in einem Meeresschutzgebiet gefischt wird?
Das fragen wir Meeresschützer uns seit Jahrzehnten. Fischerei ist dabei nur eine von vielen Nutzungen. In Schutzgebieten finden außerdem Schifffahrt, Kiesabbau, Tourismus und militärische Übungen statt, teilweise befinden sich Windparks darin. Es ist absurd, was da heute in sogenannten Schutzgebieten los ist.
»Wenn wir unser Mitgefühl in Handeln ummünzen, wird der Wal nicht umsonst gestorben sein«
Sehen Sie eine Chance in dem aktuellen Fall, hier ein Umdenken zu erwirken?
Ja, denn deutlicher kann der Zusammenhang eigentlich nicht sichtbar werden. Herr Backhaus ist jetzt gefragt, dem Problem des Beifangs in der Stellnetzfischerei große Wichtigkeit einzuräumen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und auch auf Bundesebene. Ich hoffe, dass das Schicksal des verirrten Wals einen Wachrütteleffekt hat und Menschen zum Handeln bewegt. Damit meine ich nicht nur Politiker – wir alle sind gefragt. Letztendlich beteiligt man sich mit jedem Thunfischsteak, jedem Lachsfilet oder Dorsch auf seinem Teller an der Plünderung der Ozeane. Zumindest, wenn die Fische nicht aus explizit nachhaltiger Fischerei beziehungsweise Aquakultur stammen.
Dass so viele Menschen von dem Schicksal des Wals berührt sind – ist das nicht ein gutes Zeichen? Findet vielleicht ein Wertewandel statt?
Ich denke, es könnte eine Chance für einen Wertewandel sein. Wir sollten uns vor Augen führen, dass unsere Rührung eine Ambivalenz offenbart. Wir fiebern mit dem Buckelwal mit, gleichzeitig liegen bei uns im Kühlschrank das Lachsfilet und die Schinkenwurst. Wenn uns das Schicksal eines Wals so nahegeht, müsste uns der Tod der 300 000 in Netzen verendeten Meeressäuger auch nahegehen. Wir sollten uns dringend die Frage stellen: Wie sollten wir mit den Meeren und Tieren umgehen? Das sind schon große ethische Fragen, aber auf die Ebene muss die Geschichte gehoben werden. Wenn wir unser Mitgefühl in Handeln ummünzen, wird der Wal nicht umsonst gestorben sein.
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