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Selbstverstärkender Naturschutz: Positive Kipppunkte könnten Umweltkrisen beheben

Kipppunkte funktionieren auch in die andere Richtung: Bestimmte Maßnahmen können stabilisierende Veränderungen in Gang setzen, die sich selbst antreiben. Entscheidend ist, dass man ökologische und soziale Prozesse auf die richtige Weise koppelt.
Ein Seeotter schwimmt auf dem Rücken im Wasser, umgeben von Seetang. Der Otter hat die Augen geschlossen und wirkt entspannt. Der Seetang treibt um ihn herum und spiegelt sich leicht auf der Wasseroberfläche.
Mit den bejagten Seeottern verschwanden vielerorts die Fressfeinde von Seeigeln. Diese dezimierten daraufhin ungestört Algenwälder. Eine gezielt erhöhte Otterdichte stabilisierte zusammen mit Schutzmaßnahmen das wichtige Ökosystem der Kelpwälder (hier eine Aufnahme vor der Pazifikküste Kanadas).

Kipppunkte haben derzeit ein eher apokalyptisches Image, und das zu Recht. Doch solche »points of no return« funktionieren auch in die andere Richtung – und man kann mit ihnen Umweltschäden verhindern oder gar rückgängig machen. Diese hoffnungsvolle These vertritt der Erdsystemforscher Tim Lenton von der University of Exeter in einem Übersichtsartikel. Wie er in der Fachzeitschrift »Nature Sustainability« schreibt, lassen sich Maßnahmen identifizieren, die sich selbst antreibende, positive Veränderungen in Gang setzen. Er identifiziert dabei vier Kategorien möglicher Kipppunkte, die durch gezielte, oft wenig aufwendige Eingriffe erreichbar sind.

So führt er die Westküste Nordamerikas an, vor der in den letzten Jahrzehnten Ökosysteme rund um Kelpwälder stark geschädigt worden waren. Schutz und Wiederansiedlung von Seeottern führten demnach zur Erholung der Kelpwälder und in der Folge auch der von diesen Unterwasserwäldern abhängigen Ökosysteme. Weitere Beispiele sind Meeresschutzinitiativen, die nicht nur marine Nahrungsketten wiederherstellen, sondern auch stark zurückgegangene Fischereierträge nachhaltig verbessern. Daneben nennt Lenton Naturschutzinitiativen und verändertes Konsumverhalten, die sich beide über Verhaltensvorbilder und soziale Normen verbreiten und auf die Weise ebenfalls dauerhafte positive Veränderungen anstoßen.

Das Modell unterscheidet sich in mehreren Punkten von Maßnahmen des klassischen Naturschutzes, zum Beispiel Umweltgesetzen, die einen gewünschten Zustand effektiv vorschreiben, aber oft unterlaufen werden. Ein gezielt herbeigeführter Kipppunkt zeichnet sich jedoch laut Lenton dadurch aus, dass sich die Veränderungen ab einem bestimmten Punkt selbst antreiben. Zusätzlich entsteht dabei ein neuer Zustand, der sich selbst stabilisiert und gegenüber äußeren Störungen widerstandsfähig ist. Zum Beispiel würde man nicht bloß ein Meeresschutzgebiet einrichten, sondern zudem die betroffene Bevölkerung einbeziehen. Die durch das Schutzgebiet steigenden Fischfänge könnten dann, anders als bisher, von den Menschen als entscheidend für den eigenen Wohlstand betrachtet und entsprechend verteidigt oder gar ausgeweitet werden.

Demnach sind die von Lenton ins Auge gefassten Klassen von Kipppunkten keine rein ökologischen Prozesse, sondern meist eng mit sozialen Prozessen verbunden. Solche sich selbst verstärkenden sozialen Normen, die Umweltschutz fördern, haben sich in den letzten Jahrzehnten weltweit stark verbreitet. Der entscheidende Punkt ist nach Ansicht des Forschers jedoch, dass man ökologische und soziale Prozesse so koppelt, dass beide sich gegenseitig verstärken. Um solche Veränderungen anzustoßen, müsse man vor allem solche möglichen Kopplungen identifizieren und gezielt verstärken, schreibt er deswegen.

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  • Quellen

Lenton, T., Nature Sustainability 10.1038/s41893–026–01803–0, 2026

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