Kosmologie: Wenn die Milchstraße zum kosmischen Zwerg wird
Mit einem Durchmesser von rund 100 000 Lichtjahren ist unser Milchstraßensystem ein typischer Vertreter einer normal großen Spiralgalaxie. Nun stießen Forscher um Patrick Ogle vom California Institute of Technology bei der systematischen Auswertung von Datenmaterial in der Extragalactic Database (NED), die Informationen und Messdaten von etwa 100 Millionen Welteninseln im Universum enthält, auf riesige Spiralgalaxien, die unser Milchstraßensystem klein erscheinen lassen. Dafür werteten sie eine Stichprobe von 800 000 Welteninseln in der NED aus, die zwischen 1,2 und 3,5 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt sind. Dabei fielen ihnen 53 besonders helle Spiralgalaxien auf. Die Forscher nannten diese "Superspiralen", nachdem feststand, dass sie erheblich heller und größer als andere Spiralen mit gleicher Entfernung sind.
Die Superspiralen sind zwischen 8- und 14-mal so hell wie unser Milchstraßensystem und können bis zum Zehnfachen seiner Masse enthalten. Die größte von ihnen mit der sperrigen Katalogbezeichnung 2MASX J16394598+4609058 erstreckt sich über rund 440 000 Lichtjahre, was dem 4,4-fachen Durchmesser unserer Galaxis entspricht. Tatsächlich sind Galaxien mit so großen Durchmessern bekannt, sie gehören aber fast alle der Gruppe der elliptischen Galaxien an. Diese Welteninseln haben keine Spiralarme; ihre Sterne verteilen sich innerhalb eines elliptischen bis kugelförmigen Volumens relativ homogen um das jeweilige galaktische Zentrum. Ein bekanntes Beispiel ist die elliptische Riesengalaxie Messier 87 im Sternbild Jungfrau. Die großen Helligkeiten der Superspiralen gehen auf hohe Sternentstehungsraten zurück, in manchen von ihnen bilden sich pro Jahr zwischen 5 und 65 Sonnenmassen an Sternen. Letzteres entspricht rund der 30-fachen Sternentstehungsrate in unserem Milchstraßensystem.
Vier von den 53 Superspiralen enthalten jeweils einen doppelten Kern: ein Hinweis darauf, dass sie aus der Verschmelzung zweier kleinerer Welteninseln hervorgingen. Der Vereinigungsprozess ist aber noch nicht völlig abgeschlossen, über längere Sicht werden auch die beiden Kerne miteinander verschmelzen. Die Verschmelzung von Galaxien ist im Universum ein häufig zu beobachtender Vorgang. Normalerweise entstehen bei der Kollision und Vereinigung von zwei Spiralgalaxien eher weitgehend strukturlose elliptische Galaxien. Die Forscher um Ogle vermuten aber, dass bei der Verschmelzung von zwei gas- und staubreichen Galaxien sich diese Materie in einer riesigen Scheibe ansammeln kann. Darin werden dann neue Sterne in großer Zahl geboren, was sich durch ihre hohen absoluten Helligkeiten widerspiegelt.
Schreiben Sie uns!
Beitrag schreiben