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Schulentwicklung: »Freies Lernen ist unser geheimes Hauptfach geworden«

Unterrichtsforscherin Miriam Vock und Schulleiter Volker Franken erklären im Doppelinterview, wie selbstbestimmtes Lernen und Talentförderung trotz verkrusteter Strukturen gelingen.
Zwei Personen stehen vor einer Glaswand, die mit bunten Haftnotizen bedeckt ist. Eine Person zeigt auf eine der Notizen, während die andere aufmerksam zusieht. Die Szene findet in einem hellen Raum mit großen Fenstern statt. Die Notizen sind in verschiedenen Farben wie Gelb, Orange und Blau gehalten.
Was in anderen Berufen selbstverständlich ist, ist an deutschen Schulen noch die Ausnahme: Teamarbeit – zum Beispiel als Lesson Study. Mit dieser aus Japan stammenden Methode verbessern Lehrkräfte ihren Unterricht gemeinsam. (Symbolbild)

Wie sollte die Schule der Zukunft aussehen? Führende deutsche Bildungsforscherinnen und -forscher haben diese Frage für »Spektrum der Wissenschaft« in Form von 15 eng aufeinander abgestimmten Denkanstößen beantwortet. Nun geht die Diskussion weiter: Wie kann Schulentwicklung gelingen?

Frau Vock, Herr Franken, 17 Expertinnen und Experten wie Sie haben für Spektrum »Die Schule der Zukunft« beschrieben. Was an dem entstandenen Positivbild von Schule finden Sie überzeugend – und was vielleicht weniger?

Miriam Vock: Das ist ein sehr gelungener, umfassender Blick auf gute Schule. Alle wichtigen Punkte werden behandelt. Was mir beim Lesen durch den Kopf ging: Die Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises verkörpern bereits vieles davon, zumindest in ihrer Gesamtheit. Man kann sich die Schule der Zukunft in verschiedenen Ausschnitten also bereits heute anschauen.

Volker Franken: Manche Dinge, die in den Texten sehr prägnant zusammengefasst sind, finden sich an unserer Schule auch schon wieder. Was mir fehlt, ist der Gedanke, Ungleiches ungleich zu behandeln, nämlich Schulen in herausfordernden Lagen auch mit mehr Mitteln auszustatten – ein zentraler Hebel für mehr Bildungsgerechtigkeit.

Kommt das Thema Ressourcen in dem Zukunftsbild zu kurz?

Volker Franken: Es taucht ein bisschen versteckt auf, etwa beim Thema Lernen mit digitalen Medien. Ich sage es Ihnen, wie es ist: Wir arbeiten an unserer Schule noch mit iPads, die wir vor sieben, acht Jahren angeschafft haben und die sich zum Teil nicht mehr updaten lassen. Auch gibt es keine Mittel für Verwaltung und Support. Das müssen unsere Lehrerinnen und Lehrer alles nebenbei stemmen.

Ist das gezeichnete Positivbild von Schule aus Ihrer Sicht dann eher ein Wolkenkuckucksheim in utopischer Ferne – angesichts der vielen Zwänge, mit denen Schulen in der Praxis zu kämpfen haben?

Volker Franken: Nein, einige Dinge sind sehr gut umsetzbar. Gerade im Ganztag kann man Spielräume nutzen, um gesundes Arbeiten zu unterstützen: Lehrkräfte können etwa auch einmal zu zweit in den Unterricht gehen, sich gegenseitig Feedback geben oder besondere Angebote schaffen, die dennoch in ihrem persönlichen Stundendeputat angerechnet werden. Dem steht leider die Ministerialbürokratie entgegen, die will, dass bestimmte Dinge an jeder Schule identisch laufen. Da würde ich mir mehr Vertrauen in die Personen wünschen, die nach bestem Wissen und Gewissen vor Ort Schule machen. Es wird viel zu viel geregelt, reguliert und kontrolliert.

»Manches ist so stark reguliert, dass Schulleitungen Regeln und Gesetze bewusst ignorieren müssen, um innovativ sein zu können«Miriam Vock

Miriam Vock: Ressourcen sind wichtig – und sie sind teils echt zu knapp. Wenn in Turnhallen die Matten schimmeln oder kein Geld für Schulpsychologen und Sozialarbeiterinnen da ist, dann ist das ein Problem. Gleichzeitig zeigen die vielen Bewerbungen für den Deutschen Schulpreis, dass an ganz unterschiedlichen Schulen in ganz unterschiedlichen Umgebungen ganz viel möglich ist.

Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Miriam Vock: Oft ist es die Schulleitung mit einem schlagkräftigen Team, das mutig, kreativ und gut organisiert Dinge voranbringt, das weitere Kollegium überzeugt und es irgendwie auch schafft, Mittel zu organisieren. Aber manches ist so stark reguliert, dass Schulleitungen Regeln und Gesetze bewusst ignorieren müssen, um innovativ sein zu können. Dabei müsste die Schulaufsicht die Schulleitungen vielmehr darin ermutigen, Schule weiterzuentwickeln und kreativ zu sein.

Herr Franken, Ihre Schule setzt stark auf freies und individualisiertes Lernen – und wurde hierfür 2025 mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Was ist der Kern Ihres Konzepts?

Volker Franken: Das Konzept ist über Jahre gewachsen. Der Weg war verschlungen, anstrengend und führte auch in Sackgassen. Für solche Prozesse braucht man als Schulleitung eine Pressure Group an der Schule, die sagt: Das ist genau unser Ding, dafür setzen wir uns ein.

Volker Franken | Der Pädagoge leitet die Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck. Die Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe wurde 2025 mit dem deutschen Schulpreis (2. Platz) ausgezeichnet.

Wie viele engagierte Kollegen braucht es, damit das funktioniert?

Volker Franken: Bei uns waren es etwa zehn Prozent. Die können Veränderungen aber nicht allein durchsetzen; die müssen schon noch die Hälfte des Kollegiums für das Entwicklungsvorhaben einnehmen, und der Rest muss auch noch nach und nach ins Boot geholt werden. In einer Schule mit 110 Lehrkräften wie bei uns geht das nicht ruck, zuck! So gibt es bis heute noch einige, die klassisch, also ohne freie Elemente, unterrichten; hier gehen wir aktuell top-down als Schulleitung dran.

Bei Ihnen gibt es ein Fach Freies Lernen. Was hat es damit auf sich?

Volker Franken: In unsere 5. Klasse kommen Kinder aus 37 verschiedenen Grundschulen, und zwar mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen. Die einen haben zum Beispiel noch nie eine Stunde Englisch gehabt, andere hatten schon zwei Jahre Englisch. Auch die Art und Weise, wie die Kinder lernen, ist sehr verschieden. Deshalb nehmen wir sie eng an die Hand. Sie müssen erst mal lernen, wie man selbstständig und selbstreguliert lernt. Und darüber ist Freies Lernen unser geheimes Hauptfach geworden – mit insgesamt vier 60-Minuten-Stunden pro Woche von Klasse 5 bis Klasse 8, anfangs stark angeleitet und materialgestützt, später mit frei gewählten Projekten, die die Jugendlichen auch öffentlich präsentieren.

Welche Themen werden da beackert?

Volker Franken: Die Themen wachsen mit – von Kleidung in Klassenstufe 6 über Nahrungsmittel in Klasse 7 bis hin zu frei gewählten eigenen Vorhaben in Klasse 8. Die Schüler knüpfen sich dann zum Beispiel die Frage vor: Warum hat eine Schlange eine gespaltene Zunge? Das sollen sie dann selbst herausfinden und werden erst mal bewusst allein gelassen, um eigenständig Antworten zu entwickeln.

Was kennzeichnet eine Stunde Freies Lernen?

Volker Franken: Da passiert selbstreguliertes, projektbasiertes Lernen. Zu Beginn jeder Stunde setzt sich jeder Schüler ein persönliches Ziel, das er am Ende reflektiert: Habe ich es erreicht, was hat mich abgelenkt, wo hatte ich Probleme? Die Kinder gucken quasi aus der Vogelperspektive noch mal auf den eigenen Lernprozess. Aktuell sind wir dabei, diese Art zu lernen über gemeinsame Unterrichtsreflexion im Kollegenkreis auch in den Fachunterricht zu bringen. Unsere zehn Prozent Pioniere machen das längst, egal ob in Englisch, Mathematik oder Deutsch. Aber wir wollen es in die ganze Breite bringen.

Wie ändert sich der Fachunterricht, wenn dort selbstreguliertes Lernen einzieht?

Volker Franken: Die Elemente des selbstregulierten Lernens lassen sich in jedem Fach einsetzen. Das muss nicht in jeder einzelnen Stunde der Fall sein, aber regelmäßig. Denn wir sehen, dass Schüler, die damit groß werden, deutlich kompetenter werden: Sie können ihren Lernweg reflektieren, wissen, mit wem und wo sie gut arbeiten, und erkennen, was sie vom Lernen abhält. Und das sind ganz wichtige Faktoren dafür, dass sich Lernleistungen verbessern.

Frau Vock, sind die Lehrkräfte der Zukunft dann eher Lernbegleiter statt Wissensvermittler?

Miriam Vock: Wissen bleibt wichtig, aber es verschiebt sich aktuell viel, auch durch die rasante Entwicklung von KI. Noch sind Lehrkräfte zumindest in Teilen Wissensvermittler, aber ihre Rolle wandelt sich. Und da finde ich den Ansatz von Herrn Franken sehr sinnvoll: Freiräume zu schaffen, in denen Schüler selbst lernen, Informationen zu beschaffen, ihren Lernprozess zu strukturieren und zu reflektieren. Das ist die eigentliche Anforderung in der Zukunft: nicht dazusitzen und lange zuzuhören, dass mir jemand etwas erklärt, sondern mir das Wissen selbst anzueignen. Wichtig ist aber, die Schüler nicht mit Freiheit zu überfordern, sondern sie Schritt für Schritt an diese Selbstständigkeit heranzuführen. Wie viel Unterstützung jemand braucht, ist alters- und typabhängig. Deshalb ist der individuelle Blick auf jedes einzelne Kind entscheidend.

»Dass im traditionellen Unterricht alle im Gleichklang lernen, ist ein Mythos«Volker Franken

Gibt es auch Nachteile, auf diese Art zu lernen?

Volker Franken: Ich höre oft von Kollegen, die bei uns hospitieren: Dieser eine Schüler hat ja gar nichts gemacht in der Stunde. Dann frage ich zurück, ob wirklich jemand glaubt, dass im klassischen Unterricht alle 30 Kinder durchgehend zuhören und ihre Lernziele erreichen. Auszeiten, Ablenkungen und Leerlauf gehören immer dazu. Dass im traditionellen Unterricht alle im Gleichklang lernen, ist ein Mythos. Und natürlich haben auch wir in Klasse 7 und 8 pubertierende Jugendliche, die nicht in jeder Stunde konzentriert dabei sind – auch dann nicht, wenn sie ihr Thema frei wählen durften.

Frau Vock, in Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich unter anderem mit der Methode Lesson Study. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Miriam Vock: Die Methode stammt ursprünglich aus Japan. Die Grundidee lautet: Unterricht ist anspruchsvoll, daher braucht man ein Team, um ihn richtig gut zu machen. Wir führen Lesson Study in vier Phasen durch: Zunächst findet sich ein kleines Team von Lehrkräften zusammen, das sich eine konkrete Herausforderung sucht. Das kann etwas im Curriculum sein, ein Verhaltensproblem in der Klasse, die Einführung von KI … was auch immer. Steht die Fragestellung, recherchiert das Team selbstständig dazu, organisiert vielleicht auch selbst eine Fortbildung und plant dann ganz intensiv eine Stunde oder eine kleine Unterrichtsreihe. In der nächsten Phase unterrichtet eine Lehrkraft aus dem Team, die anderen hospitieren und beobachten das Lernverhalten einzelner Schülerinnen und Schüler, auf die man sich vorher geeinigt hat. Das ist oft extrem erhellend. Denn wenn man als Lehrkraft allein ist, kann man nie so detailliert auf einzelne Kinder schauen. Im Anschluss wird systematisch ausgewertet: Welche Phasen haben wen aktiviert, wo wurde es für wen zu schwer, wer hat sich ausgeklinkt, wer ist überraschenderweise aufgeblüht?

Und solche Teamarbeit gibt es normalerweise kaum an deutschen Schulen?

Miriam Vock: Das ist in der Tat für viele Lehrkräfte ungewöhnlich, insbesondere an weiterführenden Schulen.

Was ist das Ziel des Ganzen?

Miriam Vock: Es geht nicht um die perfekte Stunde, sondern darum, Unterricht gemeinsam zu gestalten. Wir empfehlen die Durchführung eines Lesson-Study-Zyklus zwei- bis dreimal pro Jahr pro Team. Das stärkt die Kooperation im Team, entlastet die Lehrkräfte und ermöglicht einen professionellen Austausch, der in anderen sozialen Berufen völlig selbstverständlich ist. Wenn man nur ins Lehrerzimmer kommt und sagt, dass die 8a heute wieder schlimm war, dann ist das kein Austausch. Es geht darum, wirklich gemeinsam pädagogisch zu überlegen: Wie können wir unsere Arbeit in der 8a zusammen verbessern?

Volker Franken: Wir haben etwas Ähnliches – wir nennen es kollegiale Unterrichtsreflexion – mit drei Lehrkräften, die auch nicht demselben Fach angehören müssen. Eine unterrichtet, zwei geben Feedback. Das ist bei uns verpflichtend mit selbstreguliertem Unterricht verknüpft, damit jede Lehrkraft dort einmal hineinschnuppert. Aber ich finde den Ansatz spannend, schon vorher gemeinsam zu planen. Nur wo holt man die nötige Zeit dafür her?

Miriam Vock: Ideal ist eine feste Kooperationszeit im Schulalltag, in der sich das Team treffen kann. Für die Hospitationsstunde braucht es dann klassische Vertretung – das lässt sich meist gut organisieren. Und selbst wenn man es nur zweimal pro Jahr macht, sind das unglaublich intensive Lernprozesse für die Teams, die dem Einzelnen auch Sicherheit geben. Denn den eigenen Unterricht für die Kollegen zu öffnen, fühlt sich für viele Lehrkräfte in Deutschland erst mal unbehaglich an. Hier gibt Lesson Study Sicherheit, denn die Stunde wurde mit dem ganzen Team geplant und von allen verantwortet. Beobachtet wird nicht die Lehrkraft, sondern das Lernverhalten bestimmter Schülerinnen und Schüler.

»Deutschlands Schulen achten zu wenig auf Talententwicklung«Miriam Vock

Frau Vock, Sie sind Teil des von Bund und Ländern angeschobenen Forschungsverbundes LemaS (Leistung macht Schule), bei dem es um die Förderung leistungsstarker und potenziell besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler geht. Achten Deutschlands Schulen zu wenig auf Leistung?

Miriam Vock: Sie achten zu wenig auf Talententwicklung. Es geht nicht darum, eine Leistungselite weiter zu fördern – um die muss man sich meist keine Sorgen machen –, sondern um Potenziale, die noch zu häufig übersehen werden. Nicht jedes begabte Kind läuft einfach problemlos durch die Schule und schließt am Ende mit tollem Abi ab. Da geht zu viel Potenzial verloren.

Aber Begabungsförderung ist doch nichts Neues.

Miriam Vock: Sie ist noch immer unterentwickelt. Früher hieß es: Geh in den Ferien zur Schülerakademie, mach eine Schach‑AG oder überspring eine Klasse – aber im normalen Unterricht musst du dich leider gedulden. Für viele schnelle Lerner ist das die reinste Verschwendung von Lernzeit. Manche Kinder denken dann, Schule ist nicht sinnvoll, werden leistungsschwach oder gehen auf Distanz zum Schulsystem. Deshalb brauchen wir Konzepte für den regulären Unterricht, damit diese Kinder nicht ständig ausgebremst werden. Das ist das eine. Das andere ist, überhaupt zu entdecken, welche Talente die Kinder haben.

Wie entdeckt man Talent und Begabung eines Kindes?

Miriam Vock: Schule ist eigentlich ein toller Ort dafür, aber bisher hat das oft noch nicht gut geklappt. Wir empfehlen, bei jüngeren Kindern erst einmal sehr breit Angebote zu machen – in Naturwissenschaften, Sprachen, Kunst, Musik, Sport. Schule kann Impulse geben, die das Elternhaus nicht bieten kann. Und dann genau beobachten: Wo zeigt ein Kind Interesse, wo lernt es schnell, wo beißt es an? Und wenn ich als Lehrkraft etwas entdecke, biete ich mehr davon an. Wichtig ist, dass der pädagogische Blick geschärft wird und wirklich jemand hinschaut.

Miriam Vock | Die Professorin für Empirische Unterrichts- und Interventionsforschung arbeitet an der Universität Potsdam. Sie untersucht unter anderem, wie Lehrkräfte gemeinsam Unterricht gestalten und weiterentwickeln können.

Also erst breit fördern und dann diagnostizieren? 

Miriam Vock: Erst Möglichkeiten schaffen, ja. Schauen, wo etwas zündet, und dann überlegen, ob dahinter eine besondere Begabung steckt. Das stellt die klassische Begabungsförderung auf den Kopf. Früher brauchte man oft erst einen Intelligenztest von der Schulpsychologin, bevor man ein Kind als besonders begabt erkannte und auch besonders fördern konnte. Vor der Förderung stand erst die Diagnose. Das ist kein falscher Ansatz, er eignet sich aber nicht für die Talententwicklung bei großen Schülerzahlen. Wir holen die Talent- und Begabungsförderung zurück in die Schule, weil jedes Kind irgendwo ein Talent hat und es äußerst wertvoll ist, das zu entdecken. Wenn sich dann ein außergewöhnliches Talent äußert, braucht es systematische Förderung. Im Sport ist das selbstverständlich, an vielen deutschen Schulen kommt das zu kurz.

Das klingt so, als wäre die Herangehensweise noch stark in Fächern verhaftet: mathematische Begabung oder musische oder motorische. Wie steht es da mit dem Konzept der Zukunftskompetenzen: allgemeine Kreativität, Problemlösekompetenz, Resilienz …? Kreativität etwa beschränkt sich ja nicht auf den Kunstunterricht, sondern ist auch eine ganz wichtige Voraussetzung für eine mögliche spätere wissenschaftliche Arbeit …

Miriam Vock: Das stimmt.

Aber wenn ich mir das jetzt konkret vorstelle: Da sind Lehrkräfte, die den Auftrag bekommen, auf alle Talente in ihrer Klasse zu achten – mathematische, sprachliche, sportliche – und obendrein auch noch auf übergreifende Zukunftskompetenzen. Ist das überhaupt leistbar? 

Miriam Vock: Ich glaube, dass gute Lehrkräfte das im Grundsatz schon immer tun. Sie brauchen aber Unterstützung und Ideen, wie sie eine Begabung dann weiter fördern können. Entscheidend ist hier, nicht allein auf Leistung zu schauen. Also nicht: Wer eine Eins schreibt, der ist begabt. Sondern potenzialorientiert zu beobachten: Wo bringt ein Kind eine gute Idee ein? Wo legt jemand innovatives Denken an den Tag? Dafür muss ich aber Gelegenheiten schaffen – etwa indem ich offene Aufgaben stelle oder in Mathe verschiedene Lösungswege zulasse. Sonst wird mir nicht auffallen, dass da jemand innovativ denkt.

Wie kann solche Unterstützung für Lehrkräfte aussehen?

Miriam Vock: Wir haben in LemaS passende Materialien entwickelt. Eine Kollegin hat einen ganzen Talentkoffer für die Grundschule erstellt. Darin gibt es vorbereitete Unterrichtsstunden, aber auch Anleitungen für die Lehrkräfte, worauf sie bei Kindern achten können, um zu entdecken, wer wo ein bestimmtes Talent zeigt. Offene Aufgaben helfen hierbei auch, weil es unterschiedliche Lösungswege gibt. Herr Franken hat in seiner Schule wahrscheinlich beste Voraussetzungen dafür. Denn wenn ich nur frontal unterrichte und die Kinder still sein sollen, ist die Chance viel geringer, dass sich Talente offenbaren.

Volker Franken: Wir machen zwei Dinge in Sachen Begabungsförderung: Zum einen haben wir neben dem Freien Lernen einen Expertenclub. Dort können Schülerinnen und Schüler ein Thema vertiefen, begleitet von einem Kollegen, der eine Zusatzausbildung in Hochbegabtenförderung hat. Begabung ist ja selten in allen Fächern gleich ausgeprägt, deshalb schauen wir dort sehr gezielt hin. Zum anderen gibt es in Gelsenkirchen das Talentscouting der Fachhochschule. Da kommt wöchentlich jemand von außen, meist für Kinder aus bildungsfernen Milieus. Und das sind dann nicht nur die mit den besten Noten, sondern auch musisch oder künstlerisch begabte Kinder. Über dieses Talentscouting bekommen sie zusätzliche Angebote: Museumsbesuche, Einladungen zu Events und vieles mehr. Das Programm ist in Nordrhein-Westfalen schon so etabliert, dass alle Hochschulen des Landes mitmachen.

Miriam Vock: Das mit den bildungsfernen Familien finde ich sehr wichtig, denn in den wohlhabenden Akademikerfamilien organisieren die Eltern die Talentförderung für ihre Kinder meist selbst. Aber wo das familiär nicht geleistet werden kann, ist es besonders wichtig, in der Schule Talente zu entdecken und Chancen für ihre Entwicklung zu eröffnen.

»Lernen ohne Anstrengung gibt es nicht«Volker Franken

Herr Franken, von den knapp 1200 Schülern an Ihrer Schule kommen rund 40 Prozent aus Familien mit Einwanderungsgeschichte. Wie gelingt es Ihnen, Kinder und Jugendliche mit sehr unterschiedlichen, auch sprachlichen Voraussetzungen individuell zu fördern?

Volker Franken: Dass wir unseren Weg zum selbstregulierten Lernen gegangen sind, ist eine Folge genau dieses Umstands. Jetzt haben die Schülerinnen und Schüler mehr Freiräume, sich mit solchen Themen zu beschäftigen, die sie wirklich interessieren – aber gleichzeitig auch die Verpflichtung, etwas daraus zu machen: etwas zu verschriftlichen, etwas zu präsentieren, sich vor andere zu stellen. Das ist anstrengend, aber Lernen ohne Anstrengung gibt es nicht. Und die nehmen sie eher auf sich, wenn sie ihr Thema selbst wählen. Hinzu kommt, dass wir als Ganztagsschule in NRW einen 20‑prozentigen Stellenzuschlag haben. Den nutzen wir für gezielte Fördermaßnahmen in alle Richtungen: Förderung für Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie‑Förderung, aber auch Motopädie, weil extrem viele Kinder zum Beispiel nicht mehr in der Lage sind, zehn Meter auf einer Linie auf einem Bein zu hüpfen. Das sind schon heftige Defizite. Wir schauen also hin, wo unsere Schülerinnen und Schüler Bedarf haben, und justieren dann nach.

Was ist mit Unterschieden in Bezug auf Herkunft und Religion?

Volker Franken: Wir sind eine evangelische Gesamtschule, bieten aber ab Klasse 5 auch islamischen Religionsunterricht an. Bis zur 8. Klasse lernen die Kinder in ihrer eigenen Religion. Ab Klasse 9 unterrichten wir Religion dann im Klassenverband – immer mit einer muslimischen und einer christlichen Lehrkraft. Da geht es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede, und in Klasse 11 diskutieren wir dann auch die hoch kontroversen Themen: Kopftuch, Fasten, Muezzinruf. Die Doppelbesetzung ist bewusst gewählt, weil wir die gesellschaftlichen Debatten in den Unterricht holen und auf einem hohen Niveau führen wollen.

Ist Umgang mit Vielfalt heute die größte Herausforderung für Schulen – oder sind es eher verminderte Aufmerksamkeitsspannen oder Fragen rund um Handy- und Social-Media-Nutzung?

Volker Franken: Ich finde den Umgang mit Vielfalt herausfordernd, aber auch spannend. Damit möchte ich mich als Lehrkraft bewusst auseinandersetzen, das heißt, mit den Kindern arbeiten und verstehen, was aus meinem Unterricht überhaupt in ihrem Leben vorkommt. Aber Medienkonsum ist natürlich auch ein herausforderndes Thema. Gerade in der Oberstufe erlebe ich, dass viele Jugendliche kaum noch klassische Nachrichten konsumieren. Eine Tageszeitung nimmt da keiner mehr in die Hand, und »Tagesschau« schaut kaum mal jemand. Die Jugendlichen holen sich ihre Informationen anders, oft aus ihrer eigenen Blase. Genau dafür muss ich kritisches Bewusstsein schaffen: Wo kriege ich meine Informationen her, und wo sind sie dementsprechend auch problematisch?

Frau Vock, Sie sagten eingangs, dass es die »Schule der Zukunft« ja bereits gibt, zumindest in Ausschnitten. Wie kann das, was bereits hier und da vorhanden ist, in die Breite ausstrahlen?

Miriam Vock: Das ist die riesengroße Frage: Wie bringen wir solche Ansätze in die Fläche? Im Kleinen funktioniert es – an anderen Schulen hospitieren, gute Beispiele sehen, sich inspirieren lassen, auch international. Viele erfolgreiche Schulen haben genau so angefangen. Aber über den Tellerrand schauen dann eben doch nur wenige, und eigentlich wollen wir ja alle Schulen in Deutschland erreichen. Deshalb setzt man dann in Großprojekten wie LemaS auf Konzepte, Strukturen und Materialien, die schon entwickelt wurden. Aber das ist ein langwieriger Prozess.

Müsste es mehr Vorgaben seitens der Kultusministerien geben?

Miriam Vock: Ein Hebel, den wir an der Uni haben, ist die Lehrerausbildung. Da müssen wir von Anfang an klarmachen, dass auch der Lehrerberuf ein kooperativer Beruf ist. Ein neues Verständnis von der Lehrerrolle, das wäre schon einmal ein Ansatz. Bestimmte Impulse werden aber auch top-down gesetzt im hierarchischen System Schule, also durch veränderte Vorgaben in den Bundesländern.

Was könnte man denn ganz konkret top-down verändern?

Miriam Vock: Wo wir gerade bei der Lehrerausbildung sind: mehr Vielfalt zuzulassen auch bei der Einstellung von Lehrkräften. Gerade internationale und geflüchtete Lehrkräfte, mit denen wir an der Universität Potsdam intensiv gearbeitet haben, werden oft kritisch betrachtet, weil sie nur ein Unterrichtsfach mitbringen. Der deutsche Reflex ist dann: Das reicht nicht. Mein Argument dagegen lautet: Ein Kollegium ist ein großes Team. Nicht alle müssen dieselbe Qualifikation haben, jeder bringt unterschiedliche Stärken ein.

»Im jetzigen Deputatsmodell fühlt sich das für Lehrkräfte immer so an, als gehe jede Innovation von ihrer Freizeit ab«Miriam Vock

Was würden Sie noch von oben verändern?

Miriam Vock: Das Arbeitszeitmodell. Alles Neue kostet Zeit – etwa die Methode Lesson Study –, und im jetzigen sogenannten Deputatsmodell fühlt sich das für Lehrkräfte immer so an, als gehe jede Fortbildung und jede Innovation von ihrer Freizeit ab.

Was genau bedeutet Deputatsmodell?

In diesem Modell sind nur die zu gebenden Unterrichtsstunden klar definiert, alles andere kommt obendrauf. Das müsste aber nicht so sein: In Norwegen habe ich eine Schule kennengelernt, die schon lange mit Lesson Study arbeitet. Dort gibt es zwei feste Nachmittage Präsenzzeit für sämtliche Lehrkräfte. Ohne Unterricht, aber alle sind vor Ort, bereiten vor, korrigieren, sprechen miteinander, entwickeln etwas gemeinsam. Das sind Strukturen, die von oben gesetzt wurden – und die offenbar hervorragend funktionieren.

Volker Franken: Es ist eine Frage, was man sich politisch traut. Ich bin seit 20 Jahren in der Schulleitung, und bei uns hat inzwischen jede Lehrkraft eine zusätzliche Aufgabe übernommen. Das war am Anfang ein harter Kampf, heute gehört es einfach dazu. Und genau das treibt unsere Schulentwicklung an: Menschen tun sich zusammen, weil sie ähnliche Interessen haben – ob Auslandsprojekte in Sambia, Argentinien oder Spanien, ob Sprachförderung, bewegte Pause oder Fußball‑AG. Bei uns arbeitet jede Lehrkraft über das reine Unterrichtsdeputat hinaus an dem mit, was Schule ausmacht und weiterbringt. Sonst ist Schule natürlich ein starres System, sowohl bei der Frage von Beförderung als auch bei der Frage von Besoldung.

Was kann oder sollte denn aus Ihrer Sicht top-down geschehen?

Volker Franken: Nordrhein-Westfalen geht aufgrund der schlechten Ergebnisse in großen Vergleichstests aktuell einen neuen Weg. Alle Schulen müssen ab dem Schuljahr 2026/27 datenbasiert arbeiten: Der einzelnen Schule werden landesweit erhobene Daten zur Verfügung gestellt, damit diese konkret damit weiterarbeiten kann. Zudem wird es ein Schülerfeedback geben und eine Lernstandserhebung in Klasse 5. Diesen Top-down-Ansatz finde ich gut nachvollziehbar. Begleitet wird das ambitionierte Vorhaben durch Zielvereinbarungsgespräche mit den schulischen Dezernenten.

Miriam Vock: Das ist ein großer Hebel. Ich finde es auch sehr sinnvoll, dass die Länder Datenbasierung jetzt auf mehreren Ebenen stärker in den Blick nehmen: beim Lernverlauf einzelner Schülerinnen und Schüler ebenso wie auf der Ebene von Klassen und Schulen. Das kann die Politik setzen – und sie kann es durch passende Instrumente und Fortbildungen unterstützen, damit Schulen lernen, sinnvoll und gewinnbringend mit den Daten umzugehen.

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