Teppich von Bayeux: Archäologen lokalisieren das Haus von König Harald

Der berühmte Teppich von Bayeux erzählt auf 68 Meter Länge die Geschichte der normannischen Eroberung Englands. Protagonist der Handlung ist Wilhelm der Eroberer, der durch seinen Feldzug im Jahr 1066 die angelsächsische Krone in seinen Besitz brachte. Aber auch sein Widersacher taucht in der gestickten Bildergeschichte auf: der gerade frisch zum Herrscher gekrönte Harald II. (auch Harold Godwinson genannt). Eine Szene zeigt ihn etwa beim Kirchgang und anschließenden Festessen mit seiner Entourage. Ein herrschaftliches Gebäude bildet den architektonischen Rahmen für diesen Akt der Repräsentation.
Doch außer dass dieses Gebäude, das auf dem Teppich gleich zweimal abgebildet ist, in einem Ort namens Bosham zu finden sei, verrät der Teppich wenig über den Schauplatz der Handlung. Im besagten Bosham aber war kein mittelalterliches Herrschaftshaus zu finden.
Nun hat ein Forscherteam in der Ortschaft doch noch Spuren von Haralds Machtzentrum gefunden: unter den Mauern und auf dem Gelände eines Privathauses aus dem 17. Jahrhundert. Auf die Spur brachte das Team um Duncan Wright von der Newcastle University eine Latrine, die an ein Gebäude angeschlossen war: Eine solche luxuriöse Annehmlichkeit war im angelsächsischen England der Oberschicht vorbehalten. Folglich mussten die angrenzenden Grundmauern zu einem solchen herrschaftlichen Anwesen gehören. Ab dem 9. Jahrhundert spendierte die Elite des mittelalterlichen Englands ihren Häusern derartige Abortanbauten, schreibt die Gruppe im »The Antiquaries Journal«.

Mittels geomagnetischer Prospektionen und unter Rückgriff auf Ausgrabungsergebnisse aus dem Jahr 2006 konnten die Wissenschaftler die Gebäudesituation vor Ort teilweise rekonstruieren. Auch die noch heute erhaltene Kirche habe mittelalterliche Bestandteile und gehörte wohl ebenso zu dem Ensemble von Haralds Herrschaftssitz wie eine Mauer, die im Garten des frühneuzeitlichen Gebäudes von Pflanzen überwuchert stehen blieb.
Bosham liegt in der südenglischen Grafschaft West Sussex unweit von Portsmouth. Harald II. teilte sich dort eine Art Landzunge mit einem reichen, im Frühmittelalter gegründeten Kloster. Er hatte sich dort neben seinen repräsentativen Unterkünften wohl auch einen Wildpark für die Jagd angelegt sowie einen Hafen. Von hier brach er 1064 auf seine schicksalhafte Reise über den Ärmelkanal auf – so wie es auch der Teppich von Bayeux berichtet.
Diese Fahrt Haralds, der damals lediglich den Titel Earl of Wessex trug, markiert einen Wendepunkt im Machtkampf zwischen den Angelsachsen und den Normannen. Was auch immer Haralds ursprüngliche Intention gewesen sein mochte, er landete nach einigen Umwegen bei Wilhelm, dem (späteren) Eroberer, damals noch »der Bastard« genannt, in Rouen in der Normandie. Normannischen Quellen zufolge soll Harald dem normannischen Herrscher Treue geschworen haben und diesen Schwur gebrochen haben, als er im Januar 1066 die Wahl zum englischen König annahm. Am Ende unterlag Harald II. der Invasionsarmee Wilhelms in der Schlacht bei Hastings.
Der Sieg über Harald veränderte die Gesellschaft auf der Insel radikal. »Mit der normannischen Eroberung wurde die gesamte englische Aristokratie von einer neuen herrschenden Klasse verdrängt. Nur wenige materielle Überreste blieben erhalten«, sagt Oliver Creighton von der University of Exeter in einer Pressemitteilung. Das mache die Entdeckung in Bosham nur umso bedeutender, weil sie Rückschlüsse auf andere Machtzentren zulasse: »Wir haben dort eine Art angelsächsisches Musterhaus gefunden.«
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