40 Jahre nach Tschernobyl: Von der ewigen Katastrophe zum europäischen Schatz

In der Nacht zum 26. April 1986 kam es um 1:23 Uhr zur Katastrophe: ein routinemäßiger Sicherheitstest, dann die verheerende Explosion. Die Konstruktion des Reaktors war fehlerhaft, Sicherheitsvorkehrungen waren nicht ausreichend. In der Folge verbreitete sich radioaktives Material um die ganze Erde. Innerhalb von nur 48 Stunden wurde Tschernobyl zum Schauplatz der schlimmsten Nuklearkatastrophe der Geschichte. 40 Jahre später reise ich in die Ukraine, um mehr über ihr Erbe zu erfahren.
Meine erste Begleiterin ist Kateryna Shavanova, eine Wissenschaftlerin, die ursprünglich Bakterien erforschte, die Strahlung abbauen – bis Russland 2022 einmarschierte. Heute arbeitet sie im Team der ukrainischen Armee für chemische, biologische, radiologische und nukleare Risiken. An ihrer Uniform trägt sie einen Aufnäher mit der sinngemäßen Aufschrift »Noch brauchst du kein Jod einzunehmen«. Es ist ein optimistischer Hinweis auf die Notfallbehandlung bei einer Strahlenvergiftung. In einem ehemaligen Einfamilienhaus in der Stadt Tschernobyl schützen wir uns vor der Kälte. Die Stadt liegt 15 Kilometer südlich des gleichnamigen Kernkraftwerks. Ob die Region heute sicher ist, frage ich sie. Darauf gebe es keine einfache Antwort, erklärt Shavanova, das hänge davon ab, wer fragt und was er vorhat.
Fest steht: Durch die Explosion von Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl wurden 1986 mehr als 100 verschiedene radioaktive Stoffe freigesetzt. Einer der gefährlichsten war Iod-131, das der menschliche Körper in der Schilddrüse anreichert. Mit einer Halbwertszeit von etwas mehr als einer Woche war dieses Radionuklid aber nur kurzfristig problematisch. Auch die Gefahr durch andere, langlebigere Stoffe wie Cäsium-137 und Strontium-90, die beide eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren haben, beginnt allmählich zu schwinden.
Klar ist aber auch: Wir werden noch lange mit den Folgen von Tschernobyl leben müssen. Der am stärksten kontaminierte Bereich ist der Reaktorblock 4 selbst, der zum Zeitpunkt der Explosion 1900 Kilogramm Uran-235 und 760 Kilogramm Plutonium-239 enthielt. Diese Stoffe haben Halbwertszeiten von 704 Millionen beziehungsweise 24 110 Jahren. Glücklicherweise wurde von diesen langlebigen Stoffen deutlich weniger freigesetzt als von den kurzlebigen. Ein Großteil des radioaktiven Materials vor Ort wurde von bis zu 600 000 »Liquidatoren« eingesammelt und vergraben, also von Soldaten und Arbeitern, die sich unter großem Risiko der Katastrophe stellten.
Ein Ort für die Wissenschaft
Trotzdem beschäftigt mich das Thema. Ich schreibe seit Jahren über nukleare Sicherheit und stand schon – sicher abgeschirmt – wenige Meter entfernt von tödlichem Material in britischen Reaktoren. Doch Tschernobyl fühlt sich anders an. Radioaktive Stoffe lauern direkt unter der Erde. Ich weiß, dass ich sicher bin, wenn ich den Anweisungen meiner Begleiter folge. Mein Risiko für strahlenbedingte Krankheiten steigt durch meinen Aufenthalt hier nur minimal an. Doch die potenzielle Gefahr erzeugt ein unangenehmes Gefühl im Hinterkopf. Die Strahlung ist unsichtbar, dadurch ist das Risiko schwer zu fassen. Zugegebenermaßen hat mich die anhaltende Radiophobie so weit im Griff, dass ich meine Stiefel noch vor der Heimkehr entsorge.
Nach der Katastrophe wurden die einst lebhaften Städte Tschernobyl und das nahe gelegene Prypjat evakuiert. Das Personal des Kraftwerks zog mit seinen Familien in die neu aufgebaute Stadt Slawutytsch. Die Arbeiter leben dort bis heute, doch ihre Arbeit wird dadurch erschwert, dass sie nun täglich 260 Kilometer über die nächste Dnjepr-Brücke pendeln müssen. Die kurze Zugfahrt aus früheren Zeiten führte ein kurzes Stück durch Belarus, ein Land mit gefährlich engen Verbindungen zu Russland.
»Danach ging es hier zu wie in Disneyland – wir konnten unsere Arbeit nicht mehr machen«Kateryna Shavanova, Biologin
Jahrzehntelang waren hauptsächlich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Tschernobyl beschäftigt. Sie überwachten die Kontamination und erforschten, wie sich die Strahlenbelastung auf die Umwelt auswirkt. Doch das änderte sich 2010, als mit dem Bau der neuen Schutzhülle begonnen wurde, die man im Englischen als New Safe Confinement bezeichnet. Dieses gigantische Schutzdach schützt die Ruinen des Reaktorblocks 4 und die nach der Katastrophe hastig errichtete Betonhülle darüber. Als das Bauwerk 2016 fertiggestellt wurde, atmeten die Wissenschaftler auf und begannen, langfristige Pläne für die Stilllegung des Reaktors und die sichere Lagerung seiner tödlichen Überreste zu schmieden – ein Prozess, der ein Jahrhundert dauern soll.
Die Menschen, die ich treffe, erinnern sich gerne an die vergangene Zeit. Sie beschreiben den Ort als ebenso schön wie faszinierend. »Die Leute, die hier arbeiten, lieben es. Sie können nicht weg. Sie haben Wurzeln«, sagt Shavanova. Man kann das gut nachvollziehen – dieser Ort wirkt wie das malerischste Naturschutzgebiet der Welt. Die Abwesenheit von Menschen und die verfallenden Überreste fremder Infrastruktur verleihen ihm eine fast unwirkliche Atmosphäre.
Kurze Besatzung mit langen Folgen
Dieses überraschende Idyll wurde 2019 durchbrochen, als der Fernsehprogrammanbieter HBO eine äußerst erfolgreiche Dramaserie ausstrahlte, die die Schrecken der Katastrophe in grellen Details ausmalte und einer neuen Generation vor Augen führte. »Danach ging es hier zu wie in Disneyland«, erzählt Shavanova. »Wir konnten unsere Arbeit nicht mehr machen.«
Doch dieser Ansturm war nichts im Vergleich zu dem, was noch folgen sollte. Als Russland am 24. Februar 2022 die groß angelegte Invasion in der Ukraine begann, lag Tschernobyl für die Truppen direkt auf dem Weg zur Hauptstadt Kiew. In der Region sieht man heute deutliche Spuren der Invasion: bombardierte Gebäude, Militärfriedhöfe und endlose Minenfelder.
In kontaminierten Gebieten gruben russische Soldaten Schützengräben, sie plünderten und zerstörten Labore, Experimente und Daten. Denys Vyshnevskiy leitet das strahlenökologische Biosphärenreservat, ein großes Naturschutzgebiet innerhalb der Sperrzone rund um das ehemalige Kraftwerk. Nach der Besetzung kehrte er zurück und fand sein Büro verwüstet vor. Schuhe, eine Mikrowelle und Karten waren gestohlen worden. Dagegen blieb seine Bibliothek nahezu unversehrt – bis auf ein fehlendes Exemplar der Autobiografie von Keith Richards.
Computer wurden mitgenommen. Deswegen änderte er seine Passwörter, in der Annahme, dass Geheimdienste die Geräte für wertvolle Daten oder Karten entwendet hatten. Später entdeckte er jedoch einzelne Bauteile in verlassenen russischen Schützengräben: Gelangweilte Soldaten hatten offenbar Teile ausgebaut, die sie selbst nutzen oder verkaufen konnten. »Das ist typisch für eine mittelalterliche Armee«, sagt Vyshnevskiy, während uns eine Smartphone-Warnung unterbricht wegen eines Luftangriffs in Kiew.
Die Besatzung endete im April 2022, als ukrainische Truppen das Kraftwerk zurückeroberten. Doch bis heute prägt sie das Bild von Tschernobyl. In einem Gebäude des Instituts für Sicherheit von Kernkraftwerken (ISPNPP) sah ich mehrere verwüstete Räume, die wie Zeitkapseln erhalten bleiben. Papiere und Geräte liegen verstreut, Computer sind zerstört, Möbel zerbrochen. Es wirkt, als seien die russischen Truppen gerade erst abgezogen. Die Forscherin Olena Pareniuk zeigte mir ihr Labor. Ihre Arbeit an Bakterien, die radioaktiven Abfall zersetzen können, wurde durch den Vandalismus irreparabel zurückgeworfen.
Ein komplexes Problem
Ich darf keine Details zu Armee und militärischen Befestigungen preisgeben, die ich in der 2600 Quadratkilometer großen Sperrzone rund um den zerstörten Reaktor sah. Die Gegend ist heute stark gegen weitere russische Angriffe gesichert. Doch was wird aus Tschernobyl und der Aufräumarbeit? Das Problem war aus wissenschaftlicher und ökologischer Sicht schon zuvor komplex, nun wird es durch geopolitische und logistische Herausforderungen weiter verschärft.
In vielen der Lebensräume rund um Tschernobyl sind Exkursionen heute unmöglich, da sie von Minen übersät sind
Die früher durchgeführten umfangreichen Forschungen sind heute nicht mehr möglich. Das berichtet Sergii Obrizan, ein Kollege von Vyshnevskiy im Biosphärenreservat. »Der Krieg und alles, was damit zusammenhängt – Truppen, Besatzung, Militarisierung – beeinflussen die Zone und unsere Arbeit stark.« Ein Teil ihrer Aufgabe ist die Überwachung der Tierwelt in der Sperrzone, deren Artenvielfalt schwer zu erfassen ist. Ich sah Spuren von Wölfen und Elchen, die Tiere selbst verhalten sich jedoch scheu. »Sie sind schlau und meiden Menschen«, erklärt Vyshnevskiy. In seinen 26 Jahren in der Sperrzone habe er fünf- oder sechsmal Wölfe gesehen, Luchse oder Bären hingegen nie – obwohl Kollegen davon berichten.
In vielen der Lebensräume rund um Tschernobyl sind Exkursionen heute unmöglich, da sie von Minen übersät sind, die sowohl von russischen als auch von ukrainischen Truppen gelegt wurden. Vyshnevskiy erzählt von einem Feuerwehrmann, der bei der Bekämpfung eines Waldbrands, ausgelöst durch eine abgeschossene russische Drohne, auf eine Mine trat. Seine Überreste wurden 70 Meter entfernt gefunden. Drei wilde Pferde seien auf ähnliche Weise ums Leben gekommen, doch aufgrund der Größe der Zone bleiben die meisten Tieropfer unbemerkt.
Minenfelder und Militärkontrollen wurden während meiner Reise zur Normalität. Orte, die früher touristische Ziele oder öffentliche Gebäude waren, sind heute streng geheime Anlagen. Diese Militarisierung hat die Wissenschaftler verdrängt. Wo früher Hunderte arbeiteten, passen wir bei meinem Besuch alle an einen Tisch, während Vyshnevskiy das Abendessen zubereitet.
Vor dem Krieg nutzten Institutionen und Forschungsgruppen eine Häuserreihe nahe der Lenin-Straße, jeweils ein Haus pro Gruppe. Heute treffen wir uns in einem Haus, das einst ein provisorisches Labor des Ukrainischen Instituts für Agrarradiologie war. Der große Garten beherbergt mehrere alte Apfelbäume, deren Früchte gelegentlich gegessen werden. Im Nebengebäude hängen Baumwollbeutel von der Decke – Experimente zur Insektenwelt. Regale sind gefüllt mit Notizbüchern voller handschriftlicher wissenschaftlicher Daten aus früheren Studien.
Eine Heimat mit gepflegtem Garten
Die Kunsthistorikerin Oksana Semenik erzählt mir beim Abendessen, dass ihr Vater tief getroffen war, als er hörte, dass sein ehemaliges Zuhause in einem evakuierten Dorf abgerissen wurde. Niemand weiß, warum oder ob Russland oder die Ukraine dafür verantwortlich ist. Als Kind durften die Bewohner früher einmal im Jahr informell zurückkehren. Sie scherzt, die Sowjets hätten der Strahlung dann einen freien Tag verordnet.
Einige kehrten dauerhaft zurück. Rund 1200 Evakuierte zogen in den späten 1980er- und frühen 90er-Jahren wieder nach Tschernobyl, ohne dass es eine offizielle Rückkehrinitiative gab. Sie leben in einer rechtlichen Grauzone, die seit 2022 noch undurchsichtiger geworden ist. Obrizan sagt, die Zahl nehme mit dem Alter ab, doch noch immer leben 40 Zivilistinnen und Zivilisten in der Stadt Tschernobyl und sechs weitere in einem nahe gelegenen Dorf.
Tatsächlich ist die Vorstellung, Tschernobyl sei seit 1986 menschenleer, ein Mythos
Einer von ihnen ist der pensionierte Lehrer Yevhen Markevich, heute 88 Jahre alt. Er hat sein ganzes Leben in Tschernobyl verbracht, abgesehen von dem Monat nach der Katastrophe, als er kurzzeitig umgesiedelt wurde. Markevich und seine Frau Galyna luden mich herzlich in ihr Holzhaus ein, das sie mit einem Hund und 15 Katzen teilen, die durch eine Klappe in der Küchenwand kommen und gehen, wie sie wollen. Trotz altersbedingter Einschränkungen scheinen sie nicht unter den Folgen der Strahlung zu leiden. Ihren Garten pflegen sie liebevoll, und sie sprechen mit Zuneigung von ihrem Zuhause.
Tatsächlich ist die Vorstellung, Tschernobyl sei seit 1986 menschenleer, ein Mythos. Der Reaktorblock 2 war bis 1991 in Betrieb, Reaktor 1 bis 1996 und Reaktor 3 wurde erst im Jahr 2000 abgeschaltet. Die Beschäftigten arbeiteten in normalen Büros, nur wenige Hundert Meter von einem der am stärksten radioaktiv belasteten Orte der Erde entfernt.
Tschernobyls tödlichstes Erbe
Jim Smith von der University of Portsmouth in Großbritannien erklärt, dass rund zwei Drittel der Sperrzone technisch gesehen für Menschen bewohnbar sind. »Die Gefahr für Menschen ist heute nicht mehr so groß, und sie war es eigentlich auch nie«, sagt Smith. »Die Sowjets haben enorm viel unternommen: Als sie erkannten, was sie angerichtet hatten, gingen sie fast zu weit bei der Evakuierung und den Maßnahmen.«
Smith betont, dass Millionen Menschen weltweit höhere natürliche Strahlendosen durch Gestein oder Flugreisen erhalten als die Markevichs und andere Selbstansiedler in der Sperrzone. Das bedeutet jedoch nicht, dass Tschernobyl keine Krankheiten oder Todesfälle verursacht hat. Zwei Menschen starben bei der Explosion, etwa 28 Feuerwehrleute und Einsatzkräfte erlagen innerhalb von drei Monaten den Strahlenfolgen. Jahre oder Jahrzehnte später ist es deutlich schwieriger, einzelne Todesfälle der Katastrophe zuzuschreiben. Die verlässlichste Schätzung auf Basis großer Bevölkerungsmodelle geht von etwa 15 000 Todesopfern aus, sagt Smith. Schlechte Daten vor 1986, überhöhte Zahlen und ein öffentliches Missverständnis von Strahlung führten zu einer weit übertriebenen Wahrnehmung.
Das tödlichste Erbe von Tschernobyl könnte die Verschlechterung der öffentlichen Meinung zur Kernenergie sein. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2024 schätzt, dass der dadurch bedingte Mehrverbrauch fossiler Brennstoffe zu mehr Luftverschmutzung führte und weltweit die kollektive Lebenserwartung um 318 Millionen Lebensjahre verkürzte.
Durch die Erforschung von Tschernobyl hoffen die Wissenschaftler, das öffentliche Misstrauen gegenüber Kernenergie zu mildern und ihre Expertise bei anderen Nuklearkatastrophen anzuwenden. Einige von ihnen besuchten Fukushima nach der Katastrophe 2011, wo ihr Wissen entscheidend war. Physikalisch sind die Situationen ähnlich, doch wirtschaftlich und politisch unterscheiden sie sich stark. Die Ukraine hatte genug Fläche, um Tschernobyl abzusperren und aufzugeben, während Land in Japan knapp ist und kulturell erwartet wird, Fehler zu beheben. Dort wurde das betroffene Gebiet auf eine Weise dekontaminiert, die in der Ukraine wirtschaftlich undenkbar wäre. Dennoch zögern viele ehemalige Bewohner der Fukushima-Region, zurückzukehren. Strahlung bleibt für die Öffentlichkeit beunruhigend und unbekannt. Ihre Auswirkungen sind manchmal minimal, manchmal aber auch katastrophal – ihr Verständnis erfordert Kenntnisse in Physik, Biologie und Geografie.
Um mehr zu erfahren, betrete ich das Herz der Sperrzone: den Standort von Block 4. Als ich mich der 36 000 Tonnen schweren Schutzhülle nähere, die von 2010 bis 2016 für 1,5 Milliarden Euro errichtet wurde, fällt es mir schwer, ihre Dimensionen zu erfassen. Sie wirkt gedrungen, doch die große Außentreppe am Ende macht ihre Größe deutlich. Die Bögen überspannen 257 Meter und ragen 100 Meter weit in den Himmel. Rund 650 000 Schrauben halten das Gerüst zusammen.
Von allen ungewöhnlichen Bauwerken in der Region ist die Schutzhülle das unheimlichste. Sie ist relativ neu und schmucklos, doch nur wenige Meter entfernt liegen der zerstörte Reaktor, der hastig errichtete sowjetische Sarkophag aus früheren Zeiten, die Überreste mindestens eines Kraftwerksarbeiters und einige der berüchtigtsten und gefährlichsten Räume der Erde, in denen ein falscher Kontakt oder zu langes Verweilen schnell tödlich sein können. Ein Teil von mir wünscht sich, hineinzukriechen, um Brennstofffragmente, groteske Lavaformen und verrostete Maschinen zu sehen, während ein anderer Teil so weit wie möglich weg will.
Im Inneren befinden sich an der Decke der Schutzhülle Kranbahnen, die eine langsame, sorgfältige Demontage von Sarkophag und Reaktor ermöglichen sollen. Doch im Jahr 2025 schoss Russland eine Drohne in das Dach des Bauwerks und riss ein Loch durch die mehrschichtige Konstruktion. Aufnahmen von jener Nacht zeigen Feuer und Rauch, die aus der klaffenden Lücke aufsteigen. Glücklicherweise war der Einschlag nahe genug am Rand, sodass kein Schutt auf den fragilen Reaktor oder den alten Sarkophag fiel, was einen Einsturz und die Freisetzung gefährlich radioaktiven Materials hätte verursachen können. Heute sehe ich die provisorische Reparatur auf dem Dach, bis plötzlich Zivilbeamte des Sicherheitsdienstes auftauchen und mich wegführen.
Der Bogen besteht aus zwei Schichten, die etwa zwölf Meter auseinanderliegen. Jede Schicht ist ein Sandwich aus Isoliermaterial zwischen Metallplatten. Viktor Krasnov, der stellvertretende Wissenschaftsdirektor des Instituts für Sicherheit von Kernkraftwerken ISPNPP, zeigt mir ein kleines Querschnittsstück des Dachs, das er in einer Plastiktüte hinter seinem Schreibtisch aufbewahrt. Er erklärt, dass das Metall nicht brennbar sei, und zupft ein Stück Isolierung heraus, um mit einem Feuerzeug zu demonstrieren, dass auch diese nicht entflammbar sei. Das Problem liege in der Mitte, bei einer Gummischicht, die in der Isolierung eingebettet ist und die gesamte Konstruktion luftdicht hält.
Schwer zu reparieren
Es war dieses Gummi, das Feuer fing und drei Wochen lang glimmte. Anatoly Doroshenko, ein junger Wissenschaftler am ISPNPP, steuerte in dieser Zeit eine Drohne mit einer Infrarotkamera über das Gebäude, um heiße Stellen zu finden und die Feuerwehr zu leiten. Die Drohne war zudem mit Strahlungssensoren ausgestattet, damit die Einsatzkräfte keine gefährlichen Dosen abbekamen. Am Ende war das ursprüngliche Loch von etwa 60 Quadratmetern – etwa so groß wie ein Squashfeld – aber nur noch das kleinste Problem. Schwerer wog, dass die Feuerwehr rund 200 neue Löcher in die Struktur bohren musste, um ihre Schläuche an den Brandherd zu bringen, während zugleich das Gummimaterial über weite Teile des riesigen Gebäudes verbrannt war.
Krasnov berichtet, dass die sorgfältige Überwachung des Block 4 nach der russischen Besetzung zwar schnell wieder aufgenommen wurde, doch nun müsse man das Gebäude erneut sicher machen – ein Rückschlag, den man gut hätte vermeiden können. »Radioaktivität hört nicht einfach auf, radioaktiv zu sein«, sagt er. »Der Krieg hat uns nicht aufgehalten. Wir arbeiten daran, es wiederherzustellen.«
»Es ist äußerst schmerzhaft zu sehen, wie dieses Gebäude zerstört wird, das ohnehin schon sehr schwer zu errichten war«Balthasar Lindauer, Experte für öffentliche Investitionen
Im April 2025 reparierten Ingenieure provisorisch die innere und äußere Hülle der Schutzhülle, um sie gegen Winterregen und Schnee abzudichten. Krasnov erklärt, dass die Hülle inzwischen wieder luftdicht sei, doch die Überreste der Drohne liegen auf einem Laufsteg im Inneren, und die Schienen der dort fahrenden Brückenkräne sind beschädigt. Ohne diese Kräne steht das langfristige Ziel, Reaktor 4 stillzulegen, vor einer weiteren technischen Hürde. Normalerweise wäre die Reparatur nicht allzu schwierig, doch hier in Tschernobyl schießt weiterhin ein starker Fluss an Neutronen aus den zertrümmerten Reaktorresten. »Ich würde das nicht machen wollen«, sagt Pareniuk. »Und ich möchte nicht für die Menschen verantwortlich sein, die es reparieren.«
»Es ist äußerst schmerzhaft zu sehen, wie dieses Gebäude zerstört wird, das ohnehin schon sehr schwer zu errichten war«, sagt Balthasar Lindauer von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, die die Finanzierung und den Bau der Schutzhülle betreute. Gelder, die eigentlich für die Stilllegung vorgesehen waren, wurden bereits umgeleitet, um das Gelände nach der russischen Besetzung zu sichern. Nun werden weitere Mittel allein für die Reparatur des Bauwerks benötigt. »Wenn die Ukraine mit diesem Problem alleingelassen wird, sehe ich sehr schwierige Zeiten auf sie zukommen«, warnt Lindauer. »100 Jahre waren ein ziemlich großzügiger Zeitrahmen. Dieses Privileg könnte sich verkürzen.« Ein detaillierter Plan für den endgültigen Rückbau und die sichere Lagerung der radioaktiven Reaktorreste existiert bislang nicht.
Anderswo gibt es jedoch auch Veränderung im positiven Sinne. Zum Beispiel bei den riesigen Kühlseen von Tschernobyl, die durch Pumpen konstant sieben Meter über dem Niveau des Flusses Pripyat gehalten wurden. Ganze Dörfer, die früher neben dem Kraftwerk standen, wurden bei der Anlage dieser Becken überflutet. Heute sieht man noch Betonmasten, die einst Stromleitungen über das Gebiet führten, lange bevor das Kraftwerk gebaut wurde.
Ein Wissenschaftler erzählt, dass sie vor Jahren nach einem Tag mit Strahlenmessungen in der staubigen Sperrzone in einem der Becken schwimmen gingen, um sich zu reinigen. Solche scheinbar widersprüchlichen und unlogischen Situationen sind in Tschernobyl Alltag, wo Experten täglich mit Risiken leben, die sie abwägen müssen. Die Pumpen dieser Seen wurden 2014 abgeschaltet, und es dauerte vier Jahre, bis sich das Wasser mit dem Fluss einpegelte. Die tiefsten Stellen bleiben überflutet und zeigen die Form der alten, mäandernden Flussläufe, die dort jahrzehntelang verborgen waren. Schwere radioaktive Elemente haben sich dort abgelagert. Diese Bereiche sind heute noch gefährlicher kontaminiert, als es die großen Seen unmittelbar nach dem Unfall waren.
Ich unternehme mit Olena Burdo vom Kiewer Institut für Kernforschung eine kurze Wanderung über einen inzwischen trockenen Teil der Seen. Knirschend überqueren wir eine dicke Schicht von Muschelschalen, passieren Wildschweinknochen und junge Birkenwälder. Dabei bleiben wir in Bereichen, die mit weißem Band abgesperrt sind, weil dort Pioniere der Armee nach Minen gesucht haben. Wir gehen an verlassenen Booten und einem Feuerwehrauto vorbei. Vor weniger als 100 Jahren war dieses Gebiet Land, dann wurde es See, und nun ist es wieder Land. »Vor 2022 dachten wir nur an Strahlung«, sagt Burdo. »Jetzt denken wir an Strahlung und Minen.«
Strontium kommt wieder an die Oberfläche
Burdo erklärt, dass der Boden, der durch das Trockenlegen der Seen entstanden ist, an der Oberfläche relativ sicher sei. Verunreinigungen wie Strontium seien aber bereits 20 Zentimeter darunter zu finden. Die Wissenschaftlerin untersucht inzwischen Nagetiere, um herauszufinden, welche Lebewesen das neu gewonnene Land besiedeln. Während wir gehen, entdeckt Burdo einen winzigen Bau, von dem sie vermutet, dass er einer neuen Nagetierart gehört, die bisher auf dem Gebiet der Sümpfe nicht nachgewiesen wurde – ein Thema für zukünftige Forschung.
»Vielleicht gibt es weltweit keinen vergleichbaren Ort; ich denke, das ist wirklich einzigartig«Olena Burdo, Expertin für ökologische Strahlenfolgen
Vor zwei Jahren begann die Vegetation stark zu wachsen, was jedoch bedeutet, dass Strontium wieder an die Oberfläche gelangt. Gras mit hoher Kontamination wird von Nagetieren verspeist, die wiederum von größeren Tieren gefressen werden. Strahlung beeinflusst die Tiere im Gebiet der ehemaligen Seen zweifellos, doch das heißt nicht, dass sie gefährlich ist. Burdo möchte Experimente durchführen, um ökologische von strahlenbedingten Effekten zu unterscheiden. »Das ist Neuland. Vielleicht gibt es weltweit keinen vergleichbaren Ort. Ich denke, das ist wirklich einzigartig.«
Sie registriert Anzeichen, dass das Gebiet der Seen sich allmählich zu seinem früheren Zustand zurückentwickeln könnte: zu einem funktionierenden Wald und einem gesunden Ökosystem. »Vielleicht ist das möglich, aber wir wissen es nicht«, sagt Burdo. »Wir werden es vielleicht in zehn Jahren erfahren.«
Die raschen Veränderungen und die unerwarteten Folgen menschlichen Eingreifens zeigen, dass jede zukünftige Nutzung gut überlegt sein muss. Vyshnevskiy berichtet, dass die ersten zehn Jahre nach der Katastrophe von einer Reihe gescheiterter Experimente geprägt waren. Politiker versuchten verzweifelt, die Sperrzone landwirtschaftlich zu verwerten. Fischzucht, Imkerei, Getreideanbau, Milchviehhaltung – nichts funktionierte wirklich. All diese Pläne sahen aber auch darüber hinweg, dass das Gebiet schon vor dem Bau des Kraftwerks nie besonders fruchtbar war, sagt er. »Das war Unsinn«, urteilt Vyshnevskiy. »Es wurde viel Geld verschwendet.«
Die meisten Menschen sind sich in einem Punkt einig: Sie wollen keinen »Dark Tourism« zurückhaben
Manche glauben dennoch, dass Landwirtschaft möglich wäre, auch wenn der Status der Zone als Naturschutzgebiet eine großflächige Nutzung unwahrscheinlich macht. Smith arbeitete an einem Projekt, um Wodka in der Sperrzone herzustellen. Das Getreide, das sie nahe der Stadt Tschernobyl anbauten, enthielt zwar so viel Cäsium, dass es den Grenzwert der Europäischen Union von 1250 Becquerel pro Kilogramm überschritt, doch der daraus destillierte Wodka wies keine nachweisbaren Mengen an Strontium oder Cäsium auf. Im Jahr 2025 wurden 2000 Flaschen verkauft, deren Erlös an die Ukraine gespendet wurde.
Die Zukunft Tschernobyls
Wenn die Sperrzone kaum wieder besiedelt oder landwirtschaftlich genutzt wird, wofür kann sie dann dienen? Die meisten Menschen, die ich treffe, sind sich in einem Punkt einig: Sie wollen keinen »Dark Tourism« zurückhaben, bei dem Menschen verlassene Häuser in Pripyat durchstöbern, um Tagebücher, Puppen oder Gasmasken für aufregende Instagram-Fotos zu finden. »Das ist respektlos«, sagt Pareniuk. »Das ist, als würde man auf einen Friedhof gehen, nur um Geister und Zombies zu sehen. Aber diejenigen, die hier lebten, waren echte Menschen, keine Geister oder Zombies.«
Viele betonen auch, dass Tschernobyl ein einzigartiger Ort für die Erforschung radiologischer Katastrophen ist und hier wieder viele Wissenschaftler arbeiten sollten. »Die Tschernobyl-Zone ist ein einzigartiger Forschungsort, es gibt keinen anderen solchen Platz auf der Welt«, sagt Obrizan. Er erinnert sich gern an die westlichen Universitäten, die vor dem Krieg zu Besuch kamen, und vermisst die gemeinsame Arbeit.
Vyshnevskiy bezeichnet die Zone als »Supermarkt für Forscher«. Die Auswirkungen von Caesiumstrahlung auf Teiche oder Flüsse untersuchen, die Effekte von Strontium auf Insekten, Nagetiere, Vögel oder große Säugetiere, die Wiederherstellung der Natur auf ehemaligen Industrieflächen erforschen oder neue Sicherheits- und Überwachungstechniken für andere Reaktoren testen – all das ist hier möglich.
Es ist eine düstere Vorstellung, doch solche Erkenntnisse werden wahrscheinlich nützlich sein. Nukleare Unfälle haben stattgefunden und werden sich vermutlich wiederholen. Eine Studie aus dem Jahr 2016 legt nahe, dass wir alle 25 Jahre mit einem Unfall rechnen müssen oder mit einem Unfall pro 3704 Betriebsjahre aller Reaktoren weltweit – wir sind also vielleicht überfällig. »Das ist keine Glaubensfrage, sondern eine Frage der Berechnungen«, sagt Pareniuk.
Positiv ist, dass wir – ähnlich wie in der Luftfahrt – aus jedem Unfall lernen und zukünftige ähnliche Ereignisse seltener werden. Doch wir befinden uns auch in einer bisher beispiellosen Situation: Ein Krieg tobt in der Nähe von Kernkraftwerken, und die Kämpfe am Atomkraftwerk Saporischschja im Süden der Ukraine gefährden weiterhin die Sicherheit. »Es ist schade, aber Russland wird immer unser Nachbar sein, und sie besitzen viele Atomwaffen und Kernkraftwerke, mit denen sie nicht sorgsam umgehen«, sagt Shavanova. »Man sollte unsere Erfahrungen verstehen und nutzen. Man kann hier üben. Wir können das für etwas Gutes verwenden.«
Die Sperrzone von Tschernobyl als gefährliche Einöde zu bezeichnen, trifft zwar technisch zu, greift aber zu kurz. Hunderte Arten entwickeln sich hier besser als anderswo. Die Natur bekommt Raum, sich zu erholen und zu gedeihen. Die Strahlung ist weiterhin vorhanden, mal in isolierten Hotspots, mal gebunden in Pflanzen und Tieren. Und obwohl Waldbrände, Überschwemmungen und das russische Militär diese Strahlung zeitweise freisetzen können, ist das Gebiet sicher genug, solange es nicht gestört wird. Mit sorgfältiger Pflege und einer Rückkehr zum Frieden könnte Tschernobyl zu einem europäischen Schatz werden – statt zu einer ewigen Katastrophe.
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