Sport: Verschossene Elfmeter haben Langzeitfolgen
Bastian Schweinsteiger und die deutsche Nationalmannschaft sollten es während der Europameisterschaft besser nicht auf ein Elfmeterschießen ankommen lassen – eine jüngst veröffentlichte Studie legt nahe, dass das verlorene Endspiel der Bayern gegen Chelsea in einer solchen Situation zur folgenschweren Belastung für die vorbelasteten Spieler werden könnte. Sportwissenschaftler aus Norwegen und den Niederlanden haben anhand von Welt- und Europameisterschaften untersucht, ob die Ergebnisse früherer Elfmeterschießen die Treffsicherheit von Spielern beeinflussen. Demnach schießen Spieler schlechter, wenn ihre Mannschaft beim letzten Durchgang verloren hatte – selbst wenn dies viele Jahre zurückliegt und sie selbst gar nicht dabei waren.
Ein Fußballspiel auf diese Weise zu entscheiden, gilt weithin als unbefriedigende Notlösung – ein reines Glücksspiel sei es, so unkalkulierbar, dass bestenfalls durch Zufall der Bessere gewinne. Doch tatsächlich entscheiden oft psychische Faktoren über den Ausgang des Spiels: Elfmeterschießen gewinnt man im Kopf. Und wenn im Kopf noch das letzte verlorene Elfmeterschießen stecke, sinken die Chancen deutlich, behauptet jetzt ein Team um Geir Jordet von der Norwegian School of Sport Sciences in Oslo.
Die Forscher besorgten sich Videoaufzeichnungen von allen Elfmeterschießen bei Welt- und Europameisterschaften seit 1976, insgesamt 309 Schüsse in 31 Spielen. Dann sortierten sie alle beteiligten Mannschaften in drei Kategorien – jene, die das vorangegangene Elfmeterschießen gewonnen hatten, jene, die es verloren hatten, und Mannschaften, die zuvor noch kein Elfmeterschießen mitgemacht hatten. Außerdem bezogen sie für jeden Spieler mit ein, ob er beim vorherigen Elfmeterschießen angetreten war oder nicht und berücksichtigten anhand von Sportlerpreisen und Turniersiegen die ungefähre Spielstärke der Mannschaften.
Nach den Daten der Forscher erhöhen vorhergegangene Siege die Trefferchance erheblich: In diesem Fall trafen 83 Prozent der Spieler, während nach verlorenen Elfmeterschießen nur etwa 72 Prozent der Bälle im Tor landeten. Noch deutlicher ist der Effekt bei Serien: Zwei und mehr gewonnene Elfmeterschießen hintereinander bedingten eine Trefferwahrscheinlichkeit von nahezu 90 Prozent, gegenüber 57 Prozent bei Serienverlierern.
Verantwortlich für den Effekt ist nach Ansicht der Forscher der psychische Druck, der durch das Wissen um die Elfmeterhistorie entsteht. Das schließen Jordet und seine Kollegen aus systematischem Vermeidungsverhalten betroffener Spieler, das Hinweise auf hohe psychische Belastung gibt und das die Forscher in den Videoaufzeichnungen ebenfalls aufspürten. So wenden ängstliche Spieler dem Torwart den Rücken zu, wenn sie ihre Position für den Anlauf einnehmen und blicken auch beim Schuss nicht auf den gegnerischen Torwart – alles Symptome, die nach vorhergegangenen Niederlagen häufiger auftraten. Jene Spieler schossen ihre Elfmeter zudem schneller, um die unangenehme Situation hinter sich zu bringen, wie frühere Studien nahelegen.
Bemerkenswert ist, dass nach den Daten der Forscher gerade die Teams mit den nominell besseren Spielern nach vorhergegangenen Niederlagen besonders unter dem Druck litten. Spieler in Top-Teams, die am zuvor verlorenen Elfmeterschießen beteiligt waren, hatten eine der schlechtesten Trefferquoten in der gesamten Studie. Auch wenn die Arbeit nicht untersucht hat, wie sich Ergebnisse auf Vereinsebene auf die Elfmeterleistung auswirken – womöglich ist Bundestrainer Jogi Löw gut beraten, vor Ende einer eventuellen Verlängerung die Bayernspieler vom Platz zu nehmen.
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