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Vogelzug: Wie ein winziger Singvogel die große Wüste quert

Der Sprosser wiegt gerade einmal 25 Gramm. Und doch wagt der kleine Vogel jedes Jahr den Flug von Schweden nach Ostafrika. Für die Wüste wählt er eine besondere Strategie.
Ein kleiner Vogel sitzt auf einem Ast in einem grünen, verschwommenen Hintergrund. Der Vogel hat braunes Gefieder und hält den Schnabel offen, als ob er singt. Die Szene vermittelt einen Eindruck von Natur und Lebendigkeit.
Der Sprosser ist ein naher Verwandter unserer Nachtigall und ersetzt die Art nach Nordosten hin.

Jedes Jahr fliegen Millionen kleiner Singvögel von Europa zu ihren afrikanischen Winterquartieren und zurück: tausende Kilometer über unwirtliche Meere und Wüsten. Dabei nutzen Zugvögel ganz unterschiedliche Strategien, die im Fall des Sprossers (Luscinia luscinia) ein Forschungsteam um Pablo Macías-Torres und Anders Hedenström von der Universität Lund mithilfe winziger Satellitensender untersucht hat. Dieser Verwandte der Nachtigall zieht im Herbst von Schweden über das Mittelmeer und die Sahara nach Südostafrika, während er im Frühling die Route über die Arabische Halbinsel und den Vorderen Orient einschlägt. Die unwirtlichsten Abschnitte über die Wüsten überquert er den Daten nach nur nachts.

Für ihre Studie hatten die beiden Biologen zehn Sprosser mit den kleinen Sensoren ausgerüstet, auf die Reise entlassen und über drei Jahre hinweg beobachtet. Insgesamt benötigten die Zugvögel jeweils vier bis fünf Nächte, bis sie nach Ankunft auf dem afrikanischen Kontinent die Sahara wieder hinter sich gelassen hatten. Tagsüber ruhten sie nahezu regungslos in der Wüste: Die Sensoren zeichneten während der Tagesstunden keinerlei Aktivität auf. Nach Sonnenuntergang flogen die Tiere hingegen stramm südostwärts. Die Sprosser suchten also tagsüber kaum nach Nahrung oder Wasser, sondern zehrten von ihren Reserven, die sie sich vor dem Abflug aus dem Brutgebiet angefressen und vielleicht noch in den letzten Stopps am Mittelmeer aufgefüllt hatten.

Mit der Strategie vermieden sie die heißesten Stunden des Tages. Wo genau sie rasteten – etwa in Oasen oder der offenen Wüste an schattigen Plätzen –, bleibt jedoch unklar. Ein ähnliches Verhaltensmuster zeigten die Sprosser auf dem Rückflug, der sie über das Rote Meer auf die Arabische Halbinsel und entlang der Levante in die Türkei und schließlich über Osteuropa heimführte. Hin und zurück legten die Vögel eine Gesamtstrecke von 18 000 Kilometern zurück: eine beachtliche Leistung für Tiere, die gerade einmal 25 Gramm wiegen.

Damit der Vogelzug gelingen kann, benötigen die Singvögel ausreichend Nahrung in den Sommer- und Winterquartieren sowie an geeigneten Rastplätzen am Rande des Mittelmeers und der Wüsten. Doch Lebensraumzerstörung oder das Insektensterben beeinträchtigen diese Zugvögel. Viele Langstreckenzieher gehören dadurch zu den Arten, deren Bestände vielerorts stark zurückgegangen sind.

  • Quellen
Macías-Torres, P., Hedenström , A., Biology Letters 10.1098/rsbl.2026.0055, 2026

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