»Das Kuchen-Paradox«: Wo Verschwendung gesund ist
Evolutionär betrachtet, machten ausreichende Energiereserven oft den Unterschied bei der Frage, wer Hungerzeiten überlebte und wer nicht. Wären unsere Vorfahren und ihr Stoffwechsel nicht in der Lage gewesen, sparsam mit vorhandenen Ressourcen umzugehen, gäbe es uns Menschen heute wohl nicht mehr.
In den letzten Jahrzehnten hat sich allerdings in vielen Gesellschaften – einschließlich der deutschen – der Blick auf die Ernährung angesichts des allzu großzügigen Lebensmittelangebots verändert. »Während starkes Übergewicht in den 1970er-Jahren noch eine Seltenheit war, bringt heute etwas mehr als die Hälfte der Erwachsenen zu viele Kilos auf die Waage«, schreibt der Arzt und Stoffwechselforscher Tim Hollstein über unsere heutige »Zuviel-isation«. Menschen, die mit häufigen Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden zu kämpfen haben, sieht er als Oberarzt an der Abteilung für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährungsmedizin am Kieler Universitätsklinikum Schleswig-Holstein sicherlich täglich. Doch die Frage, warum manche scheinbar essen können, was sie wollen, und trotzdem schlank bleiben, während andere beinahe schon zunehmen, wenn sie nur an das Verspeisen eines Stücks Kuchens denken, beschäftigt ihn bereits viel länger – nämlich seit seiner Jugend.
»Team Hunger« vs. »Team Sättigung«
Hollstein beschreibt zu Beginn seines Buchs launig, wie jene frühen Beobachtungen rund um Ernährung und Gewicht schließlich seine medizinische Karriere beeinflussten. Und dann geht es auch schon ans Eingemachte: Wie funktioniert der Stoffwechsel? Welche Botenstoffe und Signalwege steuern ihn? Der Mediziner bedient sich hier diverser Analogien aus dem Sport, um den Wettstreit von »Team Hunger« und »Team Sättigung« greifbarer zu machen; das macht die komplexen Zusammenhänge anschaulich.
Im Anschluss widmet sich der Experte den Faktoren, die dafür sorgen, dass die Gewichtskurve in vielen westlichen Ländern zuletzt so angestiegen ist. Er diskutiert unter anderem die Datenlage zu Fertignahrung, Bewegungsmangel, Genen und Stress. Und er räumt dabei mit einigen Klischees auf. So ist die Menschheit nicht einfach fauler geworden. Studien deuten sogar darauf hin, dass sich unser Energieverbrauch durch körperliche Aktivität in den letzten Jahrzehnten sogar erhöht hat. Bewegung bleibt zwar weiterhin ein wichtiger Faktor für ein gesundes Leben, jedoch lautet das Fazit der einschlägigen Forschung: »Ernährung ist zum Abnehmen zehnmal wichtiger als Bewegung.« Auch das scheint auf den ersten Blick so paradox wie das »Kuchen-Paradox«. Denn die landläufige Meinung, adipöse Menschen müssten einfach nur mehr Sport treiben, ist wissenschaftlich nicht korrekt. Verbrauchten sie mehr Energie durch sportliche Aktivität, sparte ihr Körper an anderer Stelle, etwa beim Grundumsatz.
Auf den Typ kommt es an
Den Schlüssel zu der Frage, warum manche Menschen im ständigen Clinch mit der Waage sind, während andere ihr Gewicht mühelos konstant halten, bilden die zwei verschiedenen Stoffwechseltypen: der sparsame und der verschwenderische Typ. Ersterer zeichnet sich dadurch aus, dass sein Energieverbrauch bei Überernährung kaum ansteigt und beim Fasten sogar stark abfällt. Das macht ihm das Abnehmen so schwer. Der Energieverbrauch des verschwenderischen Typs schießt hingegen bei Überernährung regelrecht in die Höhe und bleibt auch beim Fasten relativ stabil. Dadurch nimmt er nicht so schnell zu, auch wenn er regelmäßig über die Stränge schlägt.
Die positive Nachricht: Wir sind unserem Stoffwechseltyp nicht hilflos ausgeliefert, sondern können ihn mit einigen Tricks und neuen Angewohnheiten von »sparsam« auf »verschwenderisch« umprogrammieren. Hollstein stellt hierfür acht verschiedene Werkzeuge vor, bei denen etwa verschiedene Aspekte von »Kälte« und »Hitze« zum Tragen kommen. Die Mahlzeitenfolge und deren Zusammensetzung spielen ebenso eine Rolle wie die Essgeschwindigkeit. Tipps, die man vielleicht schon einmal gehört hat, untermauert der Autor hier mit wissenschaftlichen Studien – nur die entsprechenden Quellenangaben muss man sich leider auf der das Buch begleitenden Website heraussuchen. Abschließend bekommt man noch einen Sechs-Wochen-Plan dafür, wie sich das Erlernte schrittweise in den Alltag integrieren lässt.
Informative Grafiken bieten einen zusätzlichen Mehrwert, Kästen mit lustigen oder interessanten Fakten lockern den Text weiter auf (allerdings hätte das Konterfei des Autors nicht unbedingt jedes Kapitel zieren müssen). Auch wenn die Botschaften teilweise recht plakativ daherkommen, sollten sich auch Leser mit Vorwissen davon nicht abschrecken lassen. Insgesamt bietet Tim Hollstein fundierte Informationen zum Thema Ernährung und kann mit diesem Buch vielleicht die eine oder andere »Umprogrammierung« anstoßen.
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