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»Der Gedanken-Code«: Lässt sich KI überhaupt regulieren?

Janosch Delcker betrachtet den möglichen Nutzen und potenzielle Gefahren neuer Technologien insbesondere im Bereich der KI. Sein differenzierter Ansatz überzeugt

Im September 2024 hatte Tesla-Chef Elon Musk etwas zu verkünden: Seine Firma Neuralink, die sich mit der Entwicklung einer Schnittstelle zwischen digitalen Geräten und dem menschlichen Gehirn beschäftigt, habe einen Durchbruch bei der Entwicklung einer Apparatur erzielt, die von Geburt an blinden Menschen zum Sehen verhelfen soll. Hierzu werden Kameras und Sensoren über viele Elektroden mit der Sehrinde des Gehirns verbunden, die bei sehenden Menschen aus den elektrischen Impulsen des Sehnervs Bilder generiert. Die Technologie an sich existiert zwar bereits seit einigen Jahrzehnten, aber Neuralink konnte nun wohl eine Elektrodendichte erreichen, die es möglich machen soll, rudimentäre Bilder zu generieren.

Auch wenn der Tech-Milliardär dafür bekannt ist, vollmundige Ankündigungen zu machen, die seine Unternehmen anschließend nicht oder nicht vollends einhalten können: Das Beispiel weist darauf hin, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft in der Lage sein könnten, komplexe technische Geräte oder Computer mit dem menschlichen Gehirn zu verbinden.

Diese Entwicklung ruft im Allgemeinen zwei Reaktionen hervor: Skeptiker warnen vor unvorhersehbaren Folgen und Veränderungen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Technologiebegeisterte – die nicht selten selbst in der Branche arbeiten – weisen dagegen auf die mannigfaltigen Möglichkeiten hin, die sich besonders körperlich benachteiligten Menschen eröffnen könnten. Janosch Delcker befasst sich mit beiden Positionen. Die warnenden Stimmen nennt der Autor in Anlehnung an die Seherin, die im griechischen Mythos den Untergang Trojas vorhersagte, »Kassandras«. Kassandra wurde, als sie sich dem Gott Apollon verweigerte, von ihm mit dem Fluch belegt, dass ihren Weissagungen nie jemand Glauben schenken würde.

Ihre Gegenfigur ist bei Delcker »Daidalos«, der die Technologiebegeisterten repräsentiert. Dem ebenfalls aus der griechischen Mythologie bekannten genialen Architekten und Ingenieur wird sein Erfindergeist zum Verhängnis. Zunächst wird er in der Sage zusammen mit seinem Sohn in dem Labyrinth eingesperrt, das er selbst im Auftrag des Königs von Minos für den Minotaurus gebaut hatte; anschließend fliegt sein Sohn Ikaros mit von ihm konzipierten Flügeln zu nah an die Sonne und stürzt in den Tod. Beide Figuren sind also durchaus metaphorisch aufgeladen, wobei keine der durch sie bezeichneten Gruppen bei Delcker besonders gut wegkommt.

An diesem Kunstgriff sieht man bereits, wie der Literaturwissenschaftler und Journalist Delcker in diesem Buch arbeitet. Das Werk des mehrfach ausgezeichneten Autors, der vornehmlich an der Schnittstelle zwischen Politik und Technik tätig ist, wirkt zunächst wie eine Reisereportage. Die von Pro- und Epilog eingerahmten acht Kapitel beginnen jeweils mit einer Nacherzählung einer Reise an einen bestimmten Ort, unter anderem nach Buenos Aires, Paris, Berlin, London und Brüssel. Neben vielen Technologien, über die Delcker einfach und gut nachvollziehbar aufklärt, sind vor allem die Abschnitte interessant, die sich mit politischen Entscheidungen rund um den Aufstieg dieser Innovationen befassen.

Das Collingridge-Dilemma

Die Schilderungen zur Entstehung des gerade beschlossenen AI Act der Europäischen Union, der einen legislativen und moralischen Rahmen für die Entwicklung künstlicher Intelligenz definieren soll, sind höchst einprägsam. Die Parlamentarier und ihre Berater hatten nicht nur mit großem Zeitdruck ob der schnell voranschreitenden Technologien und des Lobbyismus von Wirtschaftsvertretern zu kämpfen, sondern auch mit dem Collingridge-Dilemma. Dieses vom Technikforscher David Collingridge (1945–2005) vorgestellte Konzept besagt, dass die Folgen technischen Fortschritts erst verstanden werden können, wenn eine Technik bereits existiert und implementiert wurde. Gleichzeitig ist es dann für eine Regulation zu spät, da sich die Menschen an ihren Einsatz bereits gewöhnt haben. Welche Auswirkungen das haben kann, sieht man aktuell eindrucksvoll an den sozialen Medien.

Janosch Delckers Buch ist gut recherchiert und auch für Personen ohne Vorwissen geeignet. Es versucht eine Balance zwischen den Stimmen katastrophisierender Skeptiker und überschwänglicher Technokraten zu finden. Selbst wenn der Untertitel (»Wie künstliche Intelligenz unser Denken entschlüsselt und wir trotzdem die Kontrolle behalten«) etwas schief klingt, da nicht alle im Buch vorgestellten Technologien im engeren Sinne Anwendungen künstlicher Intelligenz sind: »Der Gedanken-Code« liefert einen wichtigen Beitrag zu einer Diskussion, die in unserer Gesellschaft dringend geführt werden muss; denn wir alle müssen letztlich mit den Auswirkungen der Technologien leben – seien sie nun positiv oder negativ.

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