»Der Klima-Atlas«: Schaffen wir es doch noch?
Diskussionen zur Klimakrise sind oft hitzig – teilweise irrational. Luisa Neubauer, Christian Endt und Ole Häntzschel möchten gegensteuern und mit »Der Klima-Atlas« Klarheit ins Dickicht der unzähligen Studien und Behauptungen bringen. Der Atlas präsentiert kreative Grafiken statt eintöniger Karten, macht Daten und Fakten zur Klimakrise verständlich und ordnet gängige Narrative zum Thema ein.
Luisa Neubauer ist Geografin und eine der zentralen Personen in der deutschen »Fridays for Future«-Bewegung. Mit Christian Endt und Ole Häntzschel stehen ihr zwei absolute Visualisierungsexperten zur Seite. Ersterer ist stellvertretender Leiter des Ressorts Daten und Visualisierung bei ZEIT ONLINE, zweiterer Grafikdesigner und Illustrator. Ihre Professionalität spiegelt sich deutlich in den Grafiken des Buchs wider.
»Wir brauchen die Welt«
Das erste Kapitel beschwört unmissverständlich den Ernst der Lage. Es gebe schlicht niemanden, der nicht vom Klimawandel betroffen sei: »Die Welt braucht nicht uns, aber wir brauchen die Welt.« Es folgt ein abwechslungsreicher Gang durch Fakten, Prognosen und mögliche Stellschrauben für Veränderungen zum Besseren. Mit besorgtem, wenngleich neugierigem Blick blättert man durch so manche Grafik, die Phänomene unserer Zeit auf den Punkt bringt. So schieben sich unzählige Frachtschiffe über die Weltmeere. Fast die Hälfte von ihnen transportiert fossile Brennstoffe, die vor allem das Autofahren ermöglichen – und verbrennt dabei selbst Unmengen an Treibstoff.
Plädoyer für ganzheitlichen Wandel
Doch wie könnte unser zukünftiges Leben mit der Klimakrise aussehen? Der Wandel, den wir nach Ansicht des Autorenteams schaffen müssen, ziehe sich durch alle Ebenen unseres Lebens: durch Gesellschaft und Wirtschaft, durch Stadtplanung und Technologie. Das Buch vermittelt das Gefühl, dass es ein Leichtes sei, die Klimakrise zu meistern – wenn wir nur die richtigen Hebel in Bewegung setzten: »Die Welt ist im Wandel, und das ist eine gute Nachricht«.
Dabei ermögliche solch ein ganzheitlicher Wandel mehr als nur das Aufhalten des Klimawandels. Mit Daten für Deutschland und 15 weitere Länder wirbt das Buch für seine These, dass Wirtschaftswachstum und Klimaschutz schon jetzt Hand in Hand gehen. Und wer Hülsenfrüchte statt Fleisch auf seinen Teller bringe, schone nicht nur die Wasservorräte und Böden, sondern tue auch mit einer ordentlichen Zufuhr von Eisen und Eiweiß seiner Gesundheit etwas Gutes.
Ökostrom und Kohlegrube
Wer sich angesichts der Dimension des angestrebten Wandels hilflos fühlt, erhält konkrete Handlungsvorschläge, die zum Teil etwas brachial daherkommen – denn neben dem Wechsel zu einem Ökostromanbieter und der Definition von Klimazielen für einen lokalen Verein legt das Buch auch das Besetzen einer Kohlegrube nahe. Vor allem im Kapitel »Gesellschaftlicher Wandel« scheint Luisa Neubauers Hintergrund als Klimaaktivistin deutlich durch. Das mag den ein oder anderen etwas irritieren, und vielleicht soll es das ja auch. Eine Botschaft jedenfalls durchzieht das gesamte Buch: Wir stehen erst am Anfang der Klimakrise, wir haben die Dinge in der Hand!
Nicht alle Analogien überzeugen – wenn etwa Ebenen der Klimazerstörung anhand der Körpergröße von Christian Lindner oder der Höhe einer Kinoleinwand erläutert werden. Doch die starken und prägnanten Darstellungen überwiegen bei Weitem. So kann dieser moderne Atlas beides sein: kurzweilige Lektüre für den Feierabend und ergiebiger Lesestoff für alle, die den Klimawandel über Zahlen und Fakten verstehen möchten. »Der Klima-Atlas« liefert Argumente für wichtige Diskussionen und ermöglicht bei einer oft düsteren Thematik einen optimistischen Blick in die Zukunft.
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