Im richtigen Moment geknipst
Für eine gute Fotografie braucht es viel Erfahrung, Geschick und Können, aber auch ein Quäntchen Glück. Der Fotograf muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und dann noch im passenden Moment auf den Auslöser drücken. All das trifft auf die Tierfotos in diesem Band Jzu.
Seit gut fünf Jahrzehnten vergibt das Natural History Museum in London den Preis "Wildlife Photographer of the Year", die wichtigste Auszeichnung im Bereich Natur- und Tierfotografie. Das Buch im fast quadratischen Format (25 mal 25,4 Zentimeter) präsentiert die spannendsten Gewinnerbilder aus dem Bereich Tierverhalten. Die Fotografien dokumentieren allesamt besondere Momente und erstaunliche Aspekte des Tierlebens. Viele dieser "einfach unglaublichen" Verhaltensweisen wurden hier zum ersten Mal überhaupt abgelichtet.
Die Bilder stammen von rund 50 Fotografen aus mehr als 20 Ländern. Fast jedes erscheint auf voller oder anderthalbfacher Seitengröße, begleitet von einem Text, der das Dargestellte erläutert und auch Aufnahmedatum, Fotografen und Kameratyp nennt. Diese Informationen sind hilfreich, da die Fotos meist Situationen präsentieren, in denen man die Tiere noch nie erlebt hat.
Das Smartphone im Badewasser
Immer wieder aufs Neue überrascht und begeistert das Verhalten der animalischen Protagonisten. Das macht schon die Aufnahme auf dem Cover deutlich. Sie zeigt einen japanischen Makaken (Altweltaffen), der in einer heißen Quelle badet und ein iPhone untersucht, das er einem Touristen entwendet hat.
Manche abgelichteten Situationen erinnern sehr an menschliches Verhalten. So bekommen wir ein Kaninchenkauz-Weibchen (Athene cunicularia) zu sehen, das äußerst liebevoll und zärtlich ihr Junges am Auge putzt. So, wie eine menschliche Mutter dabei die Hand ihres Kinds halten würde, hält auch die Käuzin mit ihren Krallen die ihres Jungen fest.
An ein herumtollendes Kind auf dem Spielplatz erinnert eine Fotografie aus dem Jahr 2015. Eine Gruppe Schwarzfüßiger Hanuman-Languren (Semnopithecus hypoleucos) sitzt abends auf einem Baum, ihrem Nachtquartier, doch der jüngste Spross will nicht zu Bett: Er hat beschlossen, dass jetzt Zeit zum Spielen ist. Die herunterbaumelnden Schwänze seiner beiden älteren Geschwister nutzt er daher als Schaukel und macht ein Gesicht, wie es für ein ausgelassen spielendes Kind typisch wäre. Seine Geschwister lassen ihn gewähren.
Eine Aufnahme aus dem Jahr 1994 zeigt einen Eisbären, der – alle viere von sich gestreckt – an einem Eisblock lehnt. Er wirkt sehr entspannt, mit dem Blick interessiert nach vorn gerichtet, als würde er die Tagesschau vom Sessel aus schauen. Die Szene wurde in der Hudson Bay, Kanada, aufgenommen; tatsächlich wartet das Tier gemeinsam mit seinen Artgenossen darauf, dass sich Eis bildet.
Anderes ist wiederum ganz fremd und seltsam, etwa die Szene, in der ein männlicher Löwe ein Zebrafohlen, seine natürliche Beute, in den Pranken hält. Das Fohlen lebt, ist unverletzt, und fast sieht es aus, als würde der Löwe mit ihm kuscheln. Doch die Idylle trügt: Kurz nachdem das Bild entstand, traf der Rest des Rudels ein, und das Zebra stand auf und ging weg, nur um ein paar Minuten später wieder gefangen und getötet zu werden. Wahrscheinlich hatte der Löwe mit seiner Beute nur gespielt und zwischenzeitlich das Interesse verloren.
Der faszinierende Bildband wurde möglich dank des Fingerspitzengefühls und der unendlichen Geduld der beteiligten Fotografen. Die Bilder, die Laien wohl nie selbst in der Natur zu Gesicht bekommen werden, erzählen bewegende Geschichten und gewähren überraschende Einblicke in das Leben der Tiere. Ein empfehlenswertes Buch für alle Interessierten.
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