»Vom Leben im Totholz«: Wo das Leben tobt
»Totholz«, das klingt nach muffig-feuchten Ecken, nach Stapeln von Pilzhyphen durchzogenen Baumstämmen, nach schmierig-schleimigem oder pulverig-zerbröselndem Pflanzenmaterial. Wenig appetitlich, mögen viele Menschen denken. Dem würde Thomas Hörren kaum zustimmen. Schließlich bricht er mit seinem Buch »Vom Leben im Totholz« eine Lanze für Gammelholz und Konsorten.
Dafür erklärt er erst einmal, was Totholz überhaupt ist. Vom kleinsten Zweig bis zum tonnenschweren Buchenstamm, den vielleicht der letzte Sturm entwurzelte und umwarf – ein Gemisch aus unter anderem Lignin und Zellulose bildet das Grundgerüst holziger Pflanzen. Stirbt ein Baum oder ein Strauch, zerfällt er wie Gräser, Blätter und Blüten auch, allerdings langsamer.
Denn der stabile Pflanzenbaustoff Holz ist schwer verdaulich. Die Ersten, die sich über kranke und tote Bäume hermachen, sind häufig Pilze. Mit Hilfe von Enzymen zerlegen sie Zellulose und Lignin in kleinere Häppchen. Sie seien »Wegbereiter für weitere Lebewesen, die von totem Holz leben«, schreibt Insektenforscher Thomas Hörren.
Pilze sind aber mitnichten die einzigen Lebewesen, die sich einstellen: Schwebfliegen tun sich an austretenden Säften gütlich, Schlupfwespen nutzen moderndes Holz als Kinderstube, Pseudoskorpione jagen in den engen Ritzen. Totholz ist Lebensraum für viele: Rüsselkäfer, Wanzen, Milben, Rosen- und Prachtkäfer, Bockkäfer, Weberknechte – die Liste wirbelloser Tiere ließe sich lange fortführen. »Denn rund ein Viertel der heimischen Tierwelt ist auf Totholz angewiesen, lebt in enger Bindung mit diesem und ist an dessen Zersetzung beteiligt«, betont der Autor. Und ja, auch Borkenkäfer gehören zu den Nutznießern kranker und toter Bäume. Thomas Hörren widmet der artenreichen Käfergruppe gar ein eigenes Kapitel.
Totholz ist Teil eines gesunden Ökosystems
Aber auch größere Tiere nutzen den Lebensraum Totholz. Baumhöhlen locken kleine Säugetiere und Vögel, um in ihnen zu ruhen oder ihre Jungen großzuziehen. Blindschleichen und Salamander verstecken sich in kühlen, feuchten Holzstapeln. Der Specht treibt Loch um Loch in morsche Stämme, auf der Suche nach schmackhaften Insektenlarven, und selbst der Biber verschmäht für den Bau seiner Dämme abgestorbene Äste nicht. So wird Totholz zugleich wichtiger Lebensraum für wasserlebende Insekten wie Köcherfliegen.
Schnell wird klar: »Im Gegensatz zur Bezeichnung ›Totholz‹ zählt dieses jedoch zu den lebendigsten Strukturen in unserer Landschaft«, schreibt Hörren. In, auf und unter verrottendem Holz tobt das Leben. Und wie eigentlich immer in der Natur ist die Zersetzung des Pflanzenstoffs keine Einbahnstraße. Der Tod des einen ist die Geburt eines anderen Organismus. Wird Holz zersetzt, gelangen Nährstoffe und Spurenelemente wieder in den Boden und damit in den ewigen Kreislauf des Lebens.
Um Totholz aufzuspüren, muss man übrigens nicht durch einen der letzten Urwälder Deutschlands schlendern. Es findet sich in jedem Lebensraum, im Forst ebenso wie im Park, neben dem Acker, im Schrebergarten oder Bach und sogar im Balkonkasten – zumindest wenn »mensch« es zulässt. Natürlich müsse man mitunter einschreiten, etwa wenn ein Baum auf Straßen oder Schienen zu stürzen droht, weiß auch Thomas Hörren. Darüber hinaus zerstöre der Mensch mitunter aber völlig sinnlos wertvollen Lebensraum. Denn ob herumliegendes Gestrüpp, abgebrochene Äste oder umgefallene Baumstämme – häufig gelte totes Pflanzenmaterial als Ärgernis, als »Dreck«, den es wegzuräumen gilt. Erst langsam reift die Erkenntnis, dass Totholz Teil eines gesunden Ökosystems ist. Und nicht etwas, das man bestenfalls erdulden muss.
Mit »Vom Leben im Totholz« hat sich der Insekten- und Biodiversitätsforscher Thomas Hörren einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Der Co-Autor der mittlerweile berühmten Krefelder Studie zum Insektenschwund aus dem Jahr 2017 arbeitet schon lange daran, Käfer und anderes Krabbelgetier sowie Themen rund um die Biodiversität mehr in die Öffentlichkeit zu bringen. Als Vorstandsvorsitzender des Entomologischen Vereins Krefeld hält er Vorträge vor Fachpublikum, als @totholz.thomas berichtet er interessierten Laien auf Instagram von seiner Arbeit.
»Vom Leben im Totholz« ist ein sehr persönliches Sachbuch, gespickt mit Anekdoten und Erlebnissen des Autors. Er hat es geschrieben, um Menschen neugierig zu machen und sie für die größeren Zusammenhänge zu begeistern, die vielleicht nicht immer auf den ersten Blick sichtbar sind. Dafür gibt er auch Einblicke in die aktuelle Forschung. Dass Thomas Hörren dabei nicht nur die Position des neutral berichtenden Autors einnimmt, zeigt sich an vielen Stellen. Und so schließt er mit einem Appell: »Wo immer es euch möglich ist, überlasst einen Baum, der sein Leben hinter sich hat, sich selbst und ein totes Stück Holz den unzähligen Lebewesen um sich herum – und schaut genau hin.«
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