Ghostbuster der Finanzkrise
Ein Gespenst geht um – in unseren Köpfen. Ein egoistischer, selbstsüchtiger Homunkulus. Er wurde einst von Wissenschaftlern erfunden, um Vorhersagen zu treffen: Was treibt den Menschen an? Wie wird er sich verhalten? Wie kann man sich vor ihm schützen?
Zu Zeiten des kalten Kriegs konnten falsche Prognosen vernichtende Folgen haben. Also erkoren Militärs, Spieltheoretiker und Mathematiker den schlimmsten anzunehmenden Fall zum Maßstab: Der Mensch handle grundsätzlich egoistisch. Das machte ihn berechenbar. Der "Homo oeconomicus" war geboren.
Ironie der Geschichte: Das Modell des selbstsüchtigen Menschen, vom Publizisten und "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher kurz "Nummer 2" genannt, hat sich in unser Denken eingefressen. Und da nun jeder glaubt, er müsse so handeln, wie es der Homo oeconomicus vorschreibt, tut er es auch. So wurde eine Theorie, ein Beschreibungsmodell, zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Nummer 2, so Schirrmacher, "trifft Entscheidungen für uns, macht Deals, schaut in die Zukunft, lobt uns, beschenkt uns, bestraft uns. Und vor allem: Nummer 2 (…) setzt immer öfter unsere Existenz aufs Spiel. Er fängt leider an, ein Monster zu werden." Sein Unwesen treibe diese Fiktion etwa in Gestalt abstrakter Algorithmen, die das Investmentgeschäft sowie die Informationsbroker von Google, Facebook und Amazon beherrschen. Das habe 2008 zum Zusammenbruch des Bankensystems geführt – und heute drohten uns noch schlimmere Szenarien.
Schirrmacher liefert eine Art Metakritik der Finanzkrise, eine Reflexion über den Geist, der sie herbeirief, und er greift dabei oft zum Stilmittel der metaphorischen Überhöhung. Das Pathos, die Superlative und drastischen Bilder sind einerseits ein Notbehelf: Zu vertrackt erscheinen die Finanz- und Internetbranche, um sie dem Laien wirklich verständlich zu machen. Schirrmacher versucht das erst gar nicht. Er betrachtet sie von höherer Warte und schüttet seine Galle darüber aus. Auch wenn er hier und da grob pauschalisiert und ins Vage abdriftet – sein Manifest hat große Suggestivkraft.
Schirrmachers These mag zutreffen, doch tilgte man Nummer 2 spurlos aus unserem Bewusstsein, wir würden dennoch wohl kaum vor reiner Nächstenliebe überfließen. Wie also lautet die Alternative? Die Antwort überlässt Schirrmacher dem Leser. Allerdings sollten wir Solidarität und Mitgefühl nicht von vornherein ausschließen oder sie gar als romantischen Firlefanz abtun. Im Kern ist der Mensch vielleicht doch besser als gedacht. Schirrmacher macht uns Mut, daran zu glauben. Und wer weiß, vielleicht hat der Glaube an das Gute in uns ja auch das Zeug dazu, eine selbsterfüllende Prophezeiung zu werden.
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