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Der Narziss geht um

Herr F. leidet unter schweren Depressionen und Suizidgedanken. Zugleich kultiviert er die Größenfantasie, der brillanteste intellektuelle Kopf seiner Universität zu sein. In seinen sozialen Beziehungen verhält sich Herr F. abweisend, überkritisch und rivalisierend. Auf Ablehnung reagiert er mit großer Wut und Minderwertigkeitsgefühlen.

Der Fall des Herrn F. findet sich neben zahlreichen anderen Patientengeschichten in dem kürzlich erschienenen Sammelband "Narzissmus", herausgegeben von den Psychoanalytikern Otto F. Kernberg und Hans-Peter Hartmann. Kernberg gilt als einer der international renommiertesten Vertreter psychoanalytischer Theoriebildung in Sachen Entstehung und Behandlung narzisstischer Störungen. Er klassifiziert die Charaktereigenschaft entlang einem Kontinuum: Normaler erwachsener Narzissmus zeichne sich durch ein gesundes Selbstwertgefühl aus, aber auch durch die Fähigkeit zu stabilen zwischenmenschlichen Beziehungen. Beim pathologischen Narzissmus, wie im Fall des Herrn F., sind Menschen unfähig, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln und normale Bindungen einzugehen.

Für Kernberg entsteht die Krankheit aus erlebten Frustrationen im Kontakt mit frühen Bezugspersonen – etwa rücksichtlosen und kaum verfügbaren Eltern. Als Abwehrreaktion des so bedrohten Selbstwerts entwickelt das Kind ein extrem unrealistisches und idealisiertes Selbstbild (Größenselbst) – mit den geschilderten Konsequenzen im späteren Leben.

Das Buch bietet eine Fülle von Informationen zum Thema und berichtet von Begegnungen mit Narzissten in verschiedenen Lebensbereichen: dem Narzissmus in der Politik, Überlegungen zum Zusammenhang von Narzissmus und Kriminalität oder dem Narzissmus in Liebesbeziehungen. Einige Kapitel haben einen klar integrativen Anspruch und beziehen sich etwa auf emotions- und kognitionspsychologische Erkenntnisse sowie Ergebnisse aus der Bindungsforschung.

Allerdings: Der bunte Mix geht in vieler Hinsicht zu Lasten einer klaren Struktur und begrifflicher Schärfe. Überblicksartikel und Essays stehen lose nebeneinander, Theoriedebatten wechseln sich ab mit fallorientierten Detaildiskussionen. Hinzu kommt der häufig verwendete psychoanalytische "Sprachcode". So sind manche Absätze auch nach mehrfachem Lesen nur schwer verständlich. Das häufig nötige Zusammensuchen von Informationen aus mehreren Kapiteln oder das Nachschlagen in weiterer Literatur strapazierte die Geduld des Lesers zusätzlich.

Außerdem fällt im allgemeinen Sprachgebrauch zuweilen eine normativ-entwertende Terminologie (etwa "der narzisstisch-masochistische Charakter", "Perversionen") auf – ein Manko, dessen sich die beiden Autoren offenbar auch bewusst sind. Dennoch beheben sie es nicht. Und: Leider ist das Buch in recht hohem Maße redundant. So werden die Thesen der psychoanalytischen Theoretiker wie Freud oder Kernberg immer wieder dargestellt und diskutiert. Das ist verständlich, lässt das Werk aber zuweilen etwas selbstreferenziell erscheinen.

Auf dem Einband des Buchs wird damit geworben, eine patientengerechte Synthese zu liefern. Wenn damit gemeint ist, die Bedeutung, die Theorien und praktischen Implikationen des Narzissmus zu würdigen, ist dies sicherlich richtig. Als Einführungslektüre für Betroffene eignet es sich jedoch nicht – es sei denn, sie sind psychoanalytisch vorgebildet.
  • Quellen
Gehirn & Geist 9/2006

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