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Fakt oder Mythos?: Hilft Gurkenwasser gegen Muskelkrämpfe?

Manche Fußballer, Tennisspieler und Marathonläufer setzen bei Krämpfen auf Gurkenwasser. Die einen führen den angeblich krampflösenden Effekt auf Elektrolyte zurück, die anderen auf einen Reflex in Mund und Rachen. Was sagt die Wissenschaft?
Der Fußballspieler  Aiden O’Neill in einem gelben Trikot hilft Schiedsrichter Felix Zwayer, der auf dem Rasen sitzt, indem er dessen Bein dehnt. Ein weiterer Schiedsrichter steht daneben und beobachtet die Szene. Ein Fußball liegt in der Nähe auf dem Spielfeld. Die Szene findet auf einem grünen Fußballfeld statt.
Im WM-Gruppenspiel zwischen den USA und Australien am 19. Juni 2026 in Seattle hilft der Australier Aiden O’Neill Schiedsrichter Felix Zwayer bei einem Beinkrampf. Nach einem Schluck Gurkenwasser kann der Unparteiische die Partie fortsetzen.

Kann man den Darm sanieren? Macht der Infraschall von Windrädern krank? Und was bringt Basenfasten wirklich? Viele Alltagstipps und Behauptungen aus sozialen Netzwerken klingen plausibel, halten einer wissenschaftlichen Überprüfung jedoch nicht immer stand. In »Fakt oder Mythos?« gehen wir hartnäckigen Behauptungen auf den Grund und ordnen sie anhand des aktuellen Forschungsstands ein.

Nachspielzeit im WM-Spiel zwischen den USA und Australien. Die USA führen bei 28 Grad mit 2:0, die Partie ist nahezu entschieden. Plötzlich bekommt Schiedsrichter Felix Zwayer einen Krampf und geht zu Boden. Spieler und ein Schiedsrichterassistent helfen ihm, das Bein zu strecken. Dann eilt die vierte Offizielle mit einer kleinen Getränkepackung herbei. Zwayer trinkt daraus, steht kurz danach wieder auf und pfeift die Partie zu Ende.

In der Packung war: Gurkenwasser. Gemeint ist die salzig-saure Lake, in der Essiggurken eingelegt werden. Zumindest in den sozialen Medien scheint die Sache damit schnell erklärt: Das Getränk hat den Krampf gelöst. Aber warum sollte ausgerechnet Gurkenwasser bei Muskelkrämpfen helfen? Oder lag es am Ende doch eher am Dehnen oder einfach daran, dass der Krampf von selbst nachließ?

Im US-Sport wird »pickle juice« wohl schon seit den 1990er-Jahren gegen Krämpfe eingesetzt. Bekanntheit erlangte der Trick zunächst im American Football, inzwischen greifen auch Fußballer, Marathonläufer oder Tennisprofis wie Carlos Alcaraz zu Gurkenwasser. Wer erstmals auf die Idee kam, ist nicht bekannt. Wissenschaftliche Untersuchungen dazu folgten jedoch erst Ende der 2000er‑Jahre.

Wie entstehen Muskelkrämpfe?

Um beurteilen zu können, ob Gurkenwasser gegen Krämpfe hilft, muss man zunächst verstehen, wie diese überhaupt entstehen. Muskelkrämpfe treten in ganz unterschiedlichen Situationen auf, etwa nachts in Ruhe, bei bestimmten Erkrankungen, während der Schwangerschaft oder unter körperlicher Belastung. Die Ursachen unterscheiden sich jedoch, weshalb sich Studienergebnisse nicht ohne Weiteres von einer Krampfart auf eine andere übertragen lassen.

Warum Muskeln während oder nach dem Sport verkrampfen, weiß die Forschung bis heute nicht genau. Einer Hypothese zufolge treten Krämpfe leichter auf, wenn der Körper stark schwitzt und dabei viel Flüssigkeit und Salze verliert, insbesondere Natrium.

Eine zweite Überlegung setzt bei der Steuerung der Muskulatur an. Sensoren in Muskeln und Sehnen melden dem Rückenmark fortlaufend, wie stark ein Muskel gedehnt oder angespannt ist. Bei starker Ermüdung könnte dieses Gleichgewicht kippen: Erregende Signale nehmen zu, hemmende Signale lassen nach. Dadurch werden Motoneurone, die den Muskel zur Kontraktion anregen, übermäßig aktiv – der Muskel verkrampft. Wahrscheinlich können je nach Situation mehrere solche Faktoren zu einem Muskelkrampf führen.

Weitverbreitet ist die Theorie, dass die enthaltene Essigsäure säureempfindliche Ionenkanäle an sensorischen Nervenenden in Mund und Rachen aktiviert

Wirkt Gurkenwasser über Salz oder Säure im Mund?

Gemäß der Flüssigkeits- und Elektrolythypothese ersetzt das salzige Gurkenwasser vor allem ausgeschwitztes Natrium. Doch eine Wirkung binnen weniger Minuten ließe sich damit kaum erklären, denn Wasser und Elektrolyte müssen zunächst aus dem Darm aufgenommen und ins Blut transportiert werden.

Wie schnell Gurkenwasser die Elektrolytkonzentrationen im Blut verändern kann, war Thema von zwei kleinen Laborstudien. In der ersten tranken neun gut hydrierte Männer rund 80 Milliliter Gurkenwasser, ohne vorher Sport zu treiben. In der zweiten erhielten neun Personen die gleiche Menge nach einer schweißtreibenden Belastung. In beiden Fällen blieben die Natrium- und Kaliumkonzentrationen im Blut innerhalb der nächsten Stunde nahezu unverändert. Ob Gurkenwasser Muskelkrämpfe löst, wurde allerdings nicht untersucht.

Falls die Lake tatsächlich innerhalb weniger Minuten wirkt, muss also ein anderer Mechanismus dahinterstecken. Weitverbreitet ist die Theorie, dass die enthaltene Essigsäure säureempfindliche Ionenkanäle an sensorischen Nervenenden in Mund und Rachen aktiviert. Diese Nerven leiten den Reiz an das zentrale Nervensystem weiter. Dort könnte das einen Reflex auslösen, der die Aktivitäten der Motoneurone im Rückenmark dämpft. Jene Nervenzellen würden dann weniger Signale an den verkrampften Muskel senden, sodass er sich entspannen kann. Nachgewiesen ist eine solche Wirkung von Gurkenwasser bislang jedoch nicht.

Die Pickle-Juice-Studie

Letztlich interessiert die meisten aber vor allem, ob Gurkenwasser Muskelkrämpfe tatsächlich verkürzen kann. Das untersuchte 2010 ein Team um Kevin Miller, der heute an der Texas State University forscht. An der Studie nahmen zehn junge Männer teil. Sie hatten in den vorangegangenen sechs Monaten mindestens einen Krampf beim Sport erlebt. Um Bedingungen zu schaffen, unter denen Krämpfe besonders leicht auftreten, trainierten die Teilnehmer bei großer Hitze. Sie verloren durch Schwitzen rund drei Prozent ihres Körpergewichts. Spontan bekam allerdings keiner einen Krampf.

Die Forscher lösten dann mit elektrischen Impulsen zwei Krämpfe in einem kleinen Muskel an der Fußsohle aus. Sobald der zweite begann, tranken die Teilnehmer im Schnitt 74 Milliliter Gurkenlake oder die gleiche Menge deionisiertes Wasser. An einem zweiten Versuchstag erhielten sie jeweils das andere Getränk.

Nach Gurkenlake endete der Krampf im Mittel nach 85 Sekunden, nach Wasser dagegen erst nach 134 Sekunden. Der Unterschied war statistisch signifikant, doch die Elektrolytwerte blieben auch nach fünf Minuten nahezu unverändert.

Die Ergebnisse sprechen zwar dafür, dass Gurkenwasser bei Krämpfen helfen kann. Sie beweisen die Wirksamkeit aber nur bedingt. Untersucht wurden nur elektrisch ausgelöste Krämpfe unter Laborbedingungen. Ob die Lake auch spontan auftretende Sportkrämpfe verkürzt, bleibt offen. Zudem nahmen bloß zehn Männer an der Studie teil. Und der markante Geschmack des Gurkenwassers dürfte vielen Teilnehmern verraten haben, was sie gerade tranken, sodass hier vielleicht lediglich ein Placeboeffekt sichtbar wurde.

Gurkengetränk wirkt nicht besser als Wasser

2021 untersuchte ein Forschungsteam der Curtin University in Australien, ob Gurkenwasser bereits im Mund eine Wirkung zeigt. Elf sportlich aktive Erwachsene, die zu Krämpfen neigen, nahmen an der Studie teil. Im Abstand von jeweils einer Woche lösten die Forscher bei ihnen dreimal mit elektrischen Impulsen einen Krampf in einem kleinen Muskel an der Fußsohle aus. Sobald der Krampf begann, tranken die Teilnehmenden entweder ein im Handel erhältliches Gurkengetränk oder die gleiche Menge Wasser, oder sie spülten ihren Mund zehn Sekunden lang mit 25 Millilitern des Gurkenwassers.

Sollte der saure Reiz des Getränks im Mund den krampflösenden Effekt auslösen, müsste schon die Mundspülung helfen. Doch dafür fanden die Forscher keinen Beleg. Überraschender war das zweite Ergebnis: Auch das Trinken der Gurkenlake wirkte bei dem Experiment nicht besser als Wasser. Die Forscher stellten keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den drei Bedingungen fest, weder bei der Krampfdauer noch bei den Beschwerden. Allerdings war auch diese Studie recht klein. Zudem variierte die Dauer der Krämpfe stark, und die Verwendung eines gekauften statt eines eigens kontrolliert hergestellten Gurkengetränks erschwerte den Vergleich.

Also doch lieber Magnesium?

Die Studienlage zu Gurkenwasser bleibt demnach dünn. Das wirft die Frage auf: Gibt es andere Mittel, deren Wirkung gegen Krämpfe besser belegt ist? Magnesium gilt hier als Klassiker. Der Mineralstoff ist an der Reizübertragung zwischen Nerven- und Muskelzellen beteiligt und beeinflusst deren Erregbarkeit. Ein ausgeprägter Magnesiummangel kann deshalb Krämpfe auslösen. Aber umgekehrt lässt sich aus einem Muskelkrampf nicht automatisch auf einen Magnesiummangel schließen.

Braucht der Körper beim Sport mehr Magnesium? Nicht unbedingt. Über den Schweiß geht nur wenig davon verloren, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Und ob Sport zusätzlich die Ausscheidung von Magnesium über Nieren und Darm steigert, ist umstritten. Wer sich ausgewogen ernährt, deckt seinen Bedarf an Magnesium meist über die Nahrung.

Bei älteren Menschen mit nächtlichen Beinkrämpfen wirkten Magnesiumtabletten nicht besser als ein Placebo

Trotzdem greifen viele Menschen zu Magnesiumpräparaten – auch ohne Mangel. Doch helfen die Mittel überhaupt gegen Krämpfe? Die bisher umfassendste Antwort liefert eine Cochrane-Auswertung von elf Studien. Bei älteren Menschen mit nächtlichen Beinkrämpfen wirkten Magnesiumtabletten nicht besser als ein Placebo. Bei Schwangeren widersprechen sich die Studien. Besonders auffällig: Für Muskelkrämpfe beim Sport fanden sich überhaupt keine geeigneten Studien. Ob Magnesium Sportkrämpfe verhindert oder lindert, ist demzufolge nicht ausreichend untersucht.

Was hilft sicher bei einem Krampf?

Bei einem akuten Krampf sollte man die Belastung sofort stoppen und den betroffenen Muskel vorsichtig dehnen. Verkrampft etwa die Wade, zieht man die Fußspitze langsam zum Schienbein und hält die Dehnung, bis der Krampf nachlässt.

Wer beim Sport immer wieder Krämpfe bekommt, sollte nach möglichen Auslösern suchen. War die Belastung ungewohnt, länger oder intensiver als sonst? Wer bei Hitze viel schwitzt, sollte den Flüssigkeits- und Salzverlust ausgleichen. Vor Krämpfen schützt das jedoch nicht zuverlässig.

Fakt oder Mythos?

Ob Gurkenwasser bei Sportkrämpfen hilft, ist derzeit weder bewiesen noch widerlegt. Was Schiedsrichter Felix Zwayer tatsächlich half? Gurkenwasser, Dehnen oder einfach die Zeit? Darauf hat die Wissenschaft bislang keine eindeutige Antwort.

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