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Schöpfer der »Großen Welle vor Kanagawa«: Der Meister der Manga

Katsushika Hokusai zeichnete Manga. Nicht nur irgendwelche: Im 19. Jahrhundert schuf er illustrierte Geschichten, die wegweisend für die gesamte Comic-Kultur Japans waren.
Eine geöffnete Buchseite mit traditionellen japanischen Illustrationen. Die linke Seite zeigt mehrere Figuren in verschiedenen Posen und Aktivitäten, darunter das Tragen von Gegenständen und das Spielen von Instrumenten. Auf der rechten Seite sind weitere Figuren in unterschiedlichen Szenen dargestellt, einige sitzen oder interagieren miteinander. Die Illustrationen sind in einem minimalistischen Stil gehalten, mit feinen Linien und dezenten Farben.
In zahlreichen Bänden illustrierte Katsushika Hokusai (1760–1849) Menschentypen und Szenen, wie in diesem Buch im Tokioter Sumida Hokusai Museum.

Wer diese Bilder sieht, kann kaum anders, als zu vermuten, dass Katsushika Hokusai ein witziger Typ war: Ein Halbnackter überschüttet sich mit Wasser aus einem Waschkübel und kneift scheinbar überrascht die Augen zusammen; Kinder albern herum; ein Bettler stützt sich balancierend auf Gehstöcke. Auf anderen Seiten zieht ein älterer Herr – dem gemäß seiner Lebenserfahrung eine würdevollere Haltung zustünde – wilde Grimassen. Und wieder anderswo erscheinen eigentlich als gruselig bekannte Geister wie alberne Kauze. Vor nichts muss man hier Angst haben, über vieles dafür umso mehr schmunzeln.

Es ist ein einzigartiges Bilderbuch, das im Hokusai-Museum in Sumida, einem Stadtbezirk im Norden Tokios, aufgeschlagen hinter einer Glasscheibe liegt: Die Besuchenden tummeln sich um den Originaldruck aus dem Jahr 1814, wollen die dreifarbigen Holzschnitte sehen, die sie als »Hokusai Manga« kennen. Neben dem alten Original ist eine Reihe neuerer Drucke ausgestellt, die zur Ansicht durchgeblättert werden dürfen. Doch niemand schafft das zur Gänze – das Werk besteht aus 15 Bänden, insgesamt rund 800 Seiten voller Zeichnungen. Dennoch: Die »Hokusai Manga« sind für viele Gäste der Grund ihres Besuchs.

Unbestritten ist nämlich, dass dieses Werk für zahllose Künstlerinnen und Künstler auf die eine oder andere Weise als Vorlage gedient hat. Die Manga von Katsushika Hokusai (1760–1849) sind ein Kompendium des Zeichnens und zugleich eine Enzyklopädie über Japan im 19. Jahrhundert. Es besteht nicht nur aus Skizzen von Menschen aller sozialen Stände, sondern Hokusai bildete auch Tiere, Fabelwesen oder Bauwerke seiner Zeit ab: Samurais und Mönche in für sie typischen Alltagssituationen, verschiedene fliegende Vögel oder Drachen, Torbauten von buddhistischen Schreinen, Brücken und schier unendlich viele Bilder mehr.

Seite für Seite sind einzelne Figuren und Motive aneinandergereiht, die keine zusammenhängende Geschichte erzählen – das ist auch nicht das Ziel. Vielmehr hatte der schon zu Lebzeiten höchst populäre Hokusai die Zeichnungen zusammengestellt, damit seine Schüler, die über das ganze Land verstreut lebten, sie als Vorbild für ihre eigenen Werke nehmen würden. Der Titel »Manga« ist insofern treffend gewählt: Die Kombination der beiden chinesischen Schriftzeichen, die heute meist als »Comic« verstanden wird, bedeutete damals eher etwas wie »ziellose, sorglose Skizzen«. Hokusais Werk wurde ein anleitendes Bildlexikon, das auf viel Zuspruch stieß.

Europa entfaltete »japonisme«

Der künstlerische Stil von Katsushika Hokusai, der 1814 – als sein erster Band erschien – bereits 54 Jahre alt war, gewann denn bald über die Grenzen Japans hinaus an Bekanntheit. Wegbereiter des Impressionismus wie Édouard Manet (1832–1883) und Félix Bracquemond (1833–1914) übten sich an Hokusais Skizzen. Vom Wind bewegte Bäume oder Menschen, die sichtlich gähnten, schrien oder auch mal rülpsten: Hokusais Blick für das Besondere und Amüsante im Gewöhnlichen fand so viele einflussreiche Bewunderer, dass seine und Japans Ästhetik im 19. Jahrhundert unter dem Schlagwort »japonisme« auch in Europa beliebt wurde.

Huuui! | Der »Windstoß in Ejiri in der Provinz Suruga« ist eine von »36 Ansichten des Berges Fuji«. Hokusai schuf den Holzschnitt im Jahr 1830/31.

Die bekanntesten Werke Hokusais sind wohl die »36 Ansichten des Berges Fuji«. Sie zeigen den symmetrischen Vulkankegel nahe Tokio, der meist von einer Schneekuppe bedeckt ist, inmitten verschiedener Motive. Von diesen Holzschnitten, die Hokusai ab den 1830er Jahren schuf, dürfte »Die große Welle vor Kanagawa« die populärste Darstellung sein: Im Vordergrund – der Fuji spielt hier eher eine Nebenrolle – schwappt eine schäumende blaue Welle durchs Bild. Weltweit wurde kaum ein Motiv aus Japans Kunstgeschichte häufiger adaptiert als die Welle.

Hokusais typischer Zeichenstil lässt sich in seinen Manga aus dem Jahr 1814 ablesen: Die Figuren sind meist geometrisch angelegt. Häufig hat der Künstler sie aus Kreislinien zusammengesetzt, die durch S-Formen und Überlagerungen ihre spannungsvolle Dynamik erhalten, wie der Kunsthistoriker Hideki Nakamura in einem 2011 erschienenen Sammelband zu Hokusai beschreibt. Diese Techniken imponierten offenbar schon Malerkollegen im 19. Jahrhundert. Als etwa Vincent van Gogh 1889 seine »Sternennacht« malte, habe er sich von der »Großen Welle vor Kanagawa« inspirieren lassen, ist der Kunstjournalist und Van-Gogh-Experte Martin Bailey überzeugt.

Hokusai, Erfinder einer ganzen Popkultur?

Noch viel größer aber war Hokusais Einfluss daheim. Im ostasiatischen Land, das durch Grenzschließungen noch weitgehend von der Außenwelt abgeschottet war, schuf er mit seinen Manga nicht nur eine Art Bestseller, sondern auch das ultimative Nachschlagewerk für angehende Zeichner. »Hokusai: Der Vater des Mangas?«, fragt Timothy Clark, ehemaliger Kurator am Londoner British Museum, in einem Aufsatz, der diese Überlegung am Ende bejaht. Wobei Clark mit »Manga« nicht das 15-bändige Werk Hokusais meint, sondern die Popkultur von heute.

»Die große Welle vor Kanagawa« | Es ist das berühmteste Werk von Katsushika Hokusai und zählt ebenfalls zur Serie »36 Ansichten des Berges Fuji«.

Unter dem Schlagwort Manga firmiert heute die milliardenschwere Industrie illustrierter Geschichtenerzählung. Seit Jahrzehnten erreicht sie in Japan alle möglichen Alters- und Zielgruppen – mit Storys von Sport über Fantasy bis zu Sexualität oder Politik, Philosophie und Geschichte. Sie bildet die Grundlage für das noch größere Geschäft mit Animes: Denn die erfolgreichsten Manga-Geschichten werden als Zeichentrick verfilmt.

Katsushika Hokusai hat das alles nicht erfunden. Das Wort Manga gab es schon vor ihm, auch illustrierte Geschichten zeichneten Künstler bereits Jahrhunderte vor seiner Geburt. Aber dieser Mann aus Tokio wurde zum großen Meister dieser Kunst und diente folgenden Generationen als wichtigster Lehrer. Als ein »Universum« hat Gian Carlo Calza, ehemals Professor für Ostasiatische Kunstgeschichte an der Universität Venedig, das Werk von Hokusai bezeichnet. Und die 15 Bände, die als »Hokusai Manga« bekannt sind, bieten einen illustren Blick in den Kosmos des japanischen Künstlers.

In den Museen der Welt schlummern unzählige Ausstellungsstücke – und jedes davon hat eine Geschichte. Was diese »Glanzstücke« erzählen, steht alle zwei Monate in »Spektrum Geschichte« und auf »Spektrum.de«.

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  • Quellen

Calza G. C., Hokusai, 2006

Clark, T., Hokusai: The Father of Manga, The British Museum Blog, 2019

Uragami M., Nakamura H., Hokusai Manga, 2011

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