News: Zu schnell für genaues Arbeiten
Um die DNA im Laufe der Replikation vervielfältigen zu können, trennt ein Enzymkomplex die beiden Stränge, und die Polymerase sorgt dafür, daß jeder Base ein passender Partner gegenübergestellt wird. Die beiden DNA-Stränge sind jedoch antiparallel zueinander angeordnet: Der eine verläuft in die Richtung 3'>5', der andere umgekehrt 5'>3'. Die Polymerase kann jedoch nur in 3'>5'-Richtung die Basenfolge lesen. Deshalb kann sie an dem einen Strang, dem leading strand, schnell in einem Rutsch entlangfahren und ihn ergänzen. Bei dem anderen hat sie es weit schwieriger. Sie setzt an diesem lagging strand an, liest ihn in 3'>5'-Richtung und stellt das Gegenstück her, bis sie an das Strangende gerät. Dort muß sie sich von der DNA lösen, zu jener Stelle wandern, an der gerade die beiden Ursprungsstränge getrennt werden, wieder am lagging strand ansetzen und ihn so weit auffüllen, bis sie diesmal an ihr Werk von vorher stößt. Auf diese Weise wird Stück für Stück der lagging strand ergänzt.
Roel Schaaper vom National Institute of Environmental Health Sciences in Research Triangle Park, North Carolina, hat zusammen mit Kollegen von der Polnischen Akademie der Wissenschaften das zirkulare Genom des Bakteriums Escherichia coli modifiziert, indem sie eine einzige Base in einem Gen austauschten und den DNA-Abschnitt so in das bakterielle Genom einbrachten, daß die Veränderung mal auf dem leading und mal auf dem lagging strand lag.
Sie stellten fest, daß die Polymerase den Fehler sechsmal eher übersah, wenn er auf dem leading strand lokalisiert war (Proceedings of the National Academy of Sciences vom 18. August 1998, Abstract). Sie vermuten, daß das Enzym auf dem lagging strand eher dazu tendiert, sich von der DNA zu lösen, wenn sie einen Fehler gemacht hat, während sie auf der "schnellen Strecke" keine Notwendigkeit für einen Halt hat.
Doch die Erklärung ist mit Vorsicht zu genießen. Richard Sinden von der Texas A&M University in College Station glaubt, daß die Genauigkeit der Replikation von der Art der Mutation abhängt, die man gerade betrachtet. Seine Arbeitsgruppe hat nämlich herausgefunden, daß der lagging strand bis zu 50mal so viele Deletionsmutationen – fehlende Basen – aufweist wie der leading strand. So hat wohl auch auf Ebene der DNA jeder seine Stärken und Schwächen.
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