Klimawandel: Überhitzt
Ihre Vorfahren flitzten um die Füße der Dinosaurier, sie selbst überlebten Naturkatastrophen und den Einfall eingeschleppter Fressfeinde. Bald jedoch scheinen sich die Tuatara-Echsen Neuseelands geschlagen geben zu müssen: Ihre größten Feinde sind der Klimawandel – und sie selbst.

© Nicola Mitchell (Ausschnitt)

© Nicola Mitchell (Ausschnitt)
Tuatara | Die Tuatara lieben es kühler. Auch der Nachwuchs braucht eine ganz bestimmte Temperatur. Ist das Gelege zu kühl, schlüpfen nur Weibchen, ist es zu warm, nur Männchen.
Seither jedoch hat sich der Bestand der so genannten Brückenechse erheblich minimiert. Im 13. Jahrhundert kamen die Maoris nach Neuseeland und mit ihnen eine polynesische Beutelratte. Mit den Europäern landeten später auch Hunde, Katzen und andere Ratten, die alle Geschmack an den Eiern der Tuatara fanden. Überleben konnte nur, wer vor den fremden Fressfeinden sicher war – auf einer der unbewohnten Inseln entlang Neuseelands Küste. Inzwischen gibt es nur noch wenige der urzeitlichen Echsen auf einigen Inseln der Cook-Straße und nördlich der Nordinsel Neuseelands, auf gerade einmal 0,1 Prozent des Territoriums, das sie vor der Besiedlung der zweigeteilten Insel noch bewohnten.

© Nicola Mitchell (Ausschnitt)
Tuatara-Weibchen in ihrem Nest | Ein Tuatara-Weibchen in ihrem Nest. Wenn die Temperaturen durch den Klimawandel steigen, wird der Echsennachwuchs ausschließlich männlich.
Was das für den Fortbestand der Echsenart bedeutet, ermittelten nun Nicola Mitchell von der University of Western Australia und Michael Kearney von der University of Melbourne mit Kollegen in einem Klima-Szenario für North Brother Island. Diese kleine karge Insel liegt in der Meerenge zwischen der Nord- und Südinsel Neuseelands. Hier leben noch etwa 350 Tuatara der Art Sphenodon guntheri, weltweit die einzige Population in freier Wildbahn.
"Tuatara sind ursprüngliche Tiere – ihre Vorfahren huschten um die Füße von Dinosauriern. Es wäre tragisch, sie zu verlieren."
(Michael Kearney, University of Melbourne)
Schon heute schlüpfen hier bei Lufttemperaturen zwischen 18 und 22 Grad mehr Männchen als Weibchen. Würde sich die Temperatur jedoch bis 2085 um vier Grad Celsius erhöhen, so wie es das Worst-Case-Szenario des New Zealand Climate Change Office 2004 errechnet hat, wäre es um den weiblichen Nachwuchs vollends geschehen. Klettert das Thermometer über die 22-Grad-Marke, verwandeln sich alle Embryonen in Männchen und die Tuatara sterben aus Frauenmangel aus. (Michael Kearney, University of Melbourne)

© Stephen Reilly (Ausschnitt)
Tuatara
Nicola Mitchell und ihr Team fordern daher Sofortmaßnahmen der eher technischen Art. So könnten etwa Sonnenschirme über den Brutgelegen eine Überhitzung verhindern, auch weiße Tücher könnten für Abkühlung sorgen. Wenn alles nichts hilft, bliebe als letzte Rettung nur noch die Umsiedlung in kühlere Gefilde. Dass Neuseeland eine solche Aktion in einigen Jahren wirklich durchführt, ist durchaus möglich. Das kleine Land ist bekannt dafür, das Überleben endemischer Arten auch mit hohem Aufwand zu sichern. Die Tuatara könnte so eines Tages als eine der ersten Klimawandel-Migranten in die Geschichte eingehen.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.