Kunst trifft Quanten: Laure Prouvosts poetische Annäherung an die Quantenphysik

Hätte Laure Prouvost vor knapp fünf Jahren im Entferntesten geahnt, worauf sie sich einlässt, »hätte ich trotzdem zugesagt«, sagt sie und lächelt verschmitzt. »Ich liebe es, Grenzen zu verschieben – besonders meine eigenen.« Es ist ein Tag Ende Januar 2025 in ihrem Atelier in Brüssel. Der Countdown läuft, die Anspannung steigt. Nur noch drei Wochen, dann eröffnet sie ihre große Ausstellung in Berlin. Zwei Jahre lang war die französische Künstlerin damit beschäftigt, im Auftrag der Berliner Stiftung »LAS Art Foundation« ein Kunstwerk zu erschaffen, das nicht nur ihre eigenen Grenzen verschiebt. Ausgerechnet sie, die praktisch keine Ahnung von den Gesetzen der Quantenmechanik hatte, soll das Reich der allerkleinsten Teilchen für ein breites Publikum erfahrbar machen – und auch Nichtphysikern die Tür in die geheimnisvolle Quantenwelt öffnen.
Die 46-Jährige gilt als eine der bedeutendsten Multimedia-Künstlerinnen ihrer Generation. Im Jahr 2011 gewann sie den Max-Mara-Kunstpreis für Frauen. Kurz darauf, im Jahr 2013, wurde sie mit dem Turner-Preis ausgezeichnet, dem wohl wichtigsten Kunstpreis Großbritanniens, der sonst nur gebürtigen Britinnen und Briten vorbehalten ist. Sechs Jahre später schließlich vertrat sie Frankreich mit einer Show auf der 58. Biennale von Venedig.
In ihren Werken verbindet Prouvost filmische Elemente mit Poesie, Skulpturen und Sound. Mal erzählt sie die – vermutlich nicht ganz wahre – Geschichte ihres englischen Großvaters, der eines Tages als Konzeptkünstler in seinem letzten Werk verschwand: einem Tunnel, den er von seinem Wohnzimmer bis nach Afrika graben wollte (»Wantee«, 2013). Zu der Installation gehört eine Teetafel, an der Besucher Platz nehmen können – ein bisschen wie bei »Alice im Wunderland«. Ein anderes Mal bricht sie mit gesellschaftlichen Konventionen, indem sie Gegenständen neue Namen und Bedeutungen verleiht und ihr Gegenüber dazu auffordert, diese Sprache zu erlernen (»This means love«, 2021). Oder sie spürt der Frage nach, was Mutterschaft bedeutet (»Mother!«, 2021). Nun also geht es um Quanten.
Neue Zugänge zu bizarren Welten
Doch obwohl Kunst offensichtlich die Chance bietet, neue Zugänge zu bizarren Welten zu eröffnen – kann sie auch einen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation leisten? Soll sie es überhaupt?
Forschung zeigt, dass künstlerisch aufbereitete Daten durchaus dabei helfen können, abstrakte Fakten besser zu verstehen – weil sie Emotionen wecken. Menschen reagieren dann oftmals wohlwollender auf kritische Themen wie etwa Klimawandel oder Artenschwund und denken mehr über die Aussagen und die Bedeutung der Daten nach. Zudem hat Kunst weniger als Wissenschaft den Anschein, belehren zu wollen, denn sie ist immer auch Ansichtssache.
»Es war nie mein Ziel, die Quantenphysik zu erklären«Laure Prouvost, Künstlerin
Prouvost hat auf die Frage ihrerseits eine klare Antwort: »Es war nie mein Ziel, die Quantenphysik zu erklären«, sagt sie. »Ich will sie vielmehr nutzen, um etwas Neues zu erschaffen. Und vor allem will ich versuchen, das Quantenhafte, das unserer Welt zu Grunde liegt, sichtbar, greifbar und spürbar zu machen.«
Offenbar haben die beiden Gründer der LAS Art Foundation, Bettina Kames und Jan Fischer, mit der Auswahl der 1978 im nordfranzösischen Croix geborenen Künstlerin den richtigen Riecher bewiesen. Denn es ist nicht Prouvosts erste Berührung mit der Quantenwelt. Tatsächlich habe sie schon vor dem aktuellen Projekt eine vage Idee davon gehabt, erzählt sie. Nicht weil sie viele wissenschaftliche Paper dazu gelesen hätte, sondern weil sie als 20-jährige Kunststudentin in London die Assistentin des englischen Konzeptkünstlers John Latham war, der sich bereits damals mit dieser Thematik beschäftigte. Ihre Karriere nahm dann in den Folgejahren richtig Fahrt auf – zunächst in der Londoner Experimentalfilmszene. Etwas später wagte sie den Schritt vom reinen Video zur umfassenden Rauminstallation. Auch wegen dieses immensen Facettenreichtums wurde sie gebeten, den Auftakt zum LAS-Programm »Sensing Quantum« zu machen, das zwischen 2025 und 2026 stattfindet, anlässlich des von den Vereinten Nationen ausgerufenen Quantenjahrs.
Prouvosts künstlerische Ausdrucksweise ist feinfühlig, humorvoll und allegorisch. In ihren Videos und bei ihren Skulpturen arbeitet sie viel mit wiederkehrenden Motiven und einer ganz eigenen Bildsprache. Sie spielt mit ungewöhnlichen Perspektiven, Unvorhersehbarkeiten und harten Kontrasten. Sie kombiniert Wortwitz, fantastische Elemente und Poesie. Sie lässt Realität und Fiktion verschwimmen – nicht nur in ihren Kunstwerken, sondern auch im Gespräch.
»Welche Bedeutung haben die Zigarettenstummel auf der Skulptur?«
»Du sollst nach links gehen.«
»Stimmt es, dass Ihr Onkel ein Reisebüro hat?«
»Er verkauft jetzt Reisen in die Quantenzukunft.«
»Haben Sie tatsächlich englische Wurzeln?«
»Manchmal, wenn ich will.«
»Wie alt sind Sie?«
»Gerade fühle ich mich wie 255.«

Zu ihrer unkonventionellen Art passt, dass der Ort, an dem Laure Prouvost mittlerweile arbeitet und zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auch wohnt, ein Gesamtkunstwerk ist aus Farben, Formen, Tönen, Materialien, Menschen – und Tieren. Hinter einer hellblauen Tür mitten in Molenbeek, einem nicht besonders einladenden Teil der belgischen Hauptstadt, öffnet sich dem Besucher eine unerwartet bullerbüreske Welt. Ein Kiesweg führt zum weiß gestrichenen Haupthaus. Rechts und links neben dem Pfad liegen etliche bunte Bälle. An der erhöhten Terrasse hängen eine Strickleiter und eine Schaukel. Rosen ranken an der Wand hoch. Blühende Büsche umgeben den Rasen. Irgendwo kräht ein Hahn. Nichts hier lässt erahnen, dass nur wenige Straßen weiter ein islamistischer Extremist aufwuchs, Schlüsselfigur hinter den Pariser Anschlägen von 2015, und Molenbeek auf traurige Weise berühmt machte.
Um zu ihrem Studio zu kommen, muss man vom Garten aus eine enge Wendeltreppe emporsteigen. Über dem Eingang hängt ein riesiges Paar Brüste aus Pappmaschee. Es riecht nach Terpentin. Überall stehen, hängen, liegen Überbleibsel vergangener Projekte. Mitten im Raum baumeln meteoritenartige Skulpturen von der Decke, übersät mit Müll und Trockenblumen. Es herrscht geschäftiges Treiben. Ein mehrköpfiges Team aus allen Ecken der Welt unterstützt Prouvost bei der Vorbereitung und Umsetzung ihrer Projekte. »All diese Gehirne arbeiten zusammen – als wären sie eins«, sagt sie. Insbesondere große Ausstellungen wie diese entstünden im Dialog. Keinesfalls sei sie das eine, unangefochtene Mastermind.
Und so werkelt im hinteren Bereich des großen, hellen Raums der österreichische Künstler Gabriel Huth an einer Art riesigem Helm herum – den werden sich die Besucher in Berlin überstülpen können, um Prouvosts flüsternder Stimme zu lauschen und den metallischen Geruch wahrzunehmen, den sie eigens für die Ausstellung kreiert hat. Ihre Assistentin Dóra Benyó tackert lautstark einen schwarzen Stoff auf eine Holzkiste – darauf sollen in Berlin feinste Partikel im Rhythmus eines Subwoofers tanzen. Doch so ganz will das noch nicht klappen. Elia Castino, Italiener und ebenfalls Künstler, beschäftigt sich gerade mit Logistik. Er koordiniert am PC letzte Fragen mit einer Spezialfirma für Kunsttransporte.

Prouvost selbst sitzt die meiste Zeit zusammen mit dem englischen Sound- und Videodesigner Sam Belinfante in einem Holzkasten, der mitten im Studio steht. Die beiden schneiden den Film, der in Berlin auf einer riesigen Leinwand zu sehen sein wird. Immer wieder drängen mystische Soundfetzen durch die geschlossene Tür. Die Videocollage wird das zentrale Element der Installation sein. »Die Arbeit am Film finde ich schwieriger abzugeben als andere Dinge«, sagt Prouvost, »denn es ist wirklich eine ganz eigene Sprache, in der ich mich ausdrücke – meine Sprache.«
Immer wieder fährt sie sich durch ihre bereits verwuschelte blonde Kurzhaarfrisur, wenn sie spricht, oder spielt an dem goldenen Medaillon herum, das sie an einer Kette um ihren Hals trägt. Ihr blauer Overall, der über und über mit Schmetterlingen und Hirschkäfern bedruckt ist, wirkt ein wenig spleenig in Kombination mit der Fellweste und den Boots. Gleichzeitig passt diese Frau perfekt in das kreative Chaos, das hier herrscht.
Wahrscheinlichkeiten statt Gewissheiten
Wenn sie von den zurückliegenden fünf Jahren erzählt, von ihren Treffen mit dem Quantenphysiker Hartmut Neven und dem Technik-Philosophen Tobias Rees, von ihrem Besuch in Googles Quantenlabor im kalifornischen Santa Barbara und von der Vorbereitung der Ausstellung, dann spürt man Begeisterung, Faszination – und auch ein wenig Überforderung. Immer wieder streut sie Begriffe ein, die sie in den Gesprächen aufgeschnappt hat, spricht von der »Quantenhaftigkeit der Dinge«, davon, wie alles irgendwie zusammenhängt und aufeinander reagiert. »Wir sind doch alle miteinander verschränkt und überlagert«, sagt sie mit ihrer markanten, rauen Stimme und starkem französischem Akzent. »Wir lieben es, übereinanderzuliegen, zu tanzen und zu kuscheln.« Diese rätselhafte Quantenwelt, in der so vieles möglich ist, was in unserer alltäglichen, makroskopischen Welt undenkbar ist, lässt sich wirklich nicht leicht erfassen.
Seit Max Planck um das Jahr 1900 die These aufstellte, dass elektromagnetische Strahlung nicht kontinuierlich aufgenommen und abgegeben wird, sondern nur diskret in einzelnen Portionen – sprich Quanten –, weiß man, dass die mikroskopische Welt anderen Gesetzen folgt als unser Alltag. Viele andere Physikerinnen und Physiker entwickelten diese Überlegung zu einer umfassenden Theorie der Quantenmechanik weiter, die zahlreiche Überraschungen bereithielt. So können Atome, Photonen oder Elektronen in mehreren Zuständen gleichzeitig existieren – das heißt sich überlagern – und über weite Entfernungen hinweg miteinander verknüpft sein – man sagt auch verschränkt. Als wäre das nicht schon unvorstellbar genug, lassen sich Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens plötzlich nicht mehr eindeutig bestimmen. Objekte können in der Quantenphysik gleichermaßen Wellen- wie Teilcheneigenschaften haben und allerlei andere seltsame Dinge tun. Im Gegensatz zur klassischen, newtonschen Mechanik gibt es in der Quantenmechanik lediglich Wahrscheinlichkeiten statt Gewissheiten.

All das verstehen nur sehr wenige Menschen – wenn überhaupt. Selbst der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman sagte im Jahr 1964: »Ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, dass niemand die Quantenmechanik versteht.« Und auch das Jahrhundertgenie Albert Einstein, der selbst wichtige Konzepte der Quantenmechanik etablierte, fremdelte mit einigen Ideen und Vorschlägen seiner Kollegen. Vor allem mit solchen, die behaupteten, nichts sei vorherbestimmt. »Gott würfelt nicht«, soll Einstein darauf erwidert haben.
Multisensorische Kunstinstallation
Wie aber könnte es sich anfühlen, die Realität aus einer quantenphysikalischen Perspektive wahrzunehmen?
Mit dieser ungewöhnlichen Frage im Gepäck wurde Laure Prouvost von LAS-Geschäftsführerin Bettina Kames auf eine Reise geschickt, an deren Ende eine poetische, multisensorische Kunstinstallation steht, die Ton-, Bild- und Dufterlebnisse verbindet, um die eigentlich unerfahrbaren Quantenphänomene erfahrbar zu machen. In diesem Widerspruch wird offenbar, vor welchen enormen Herausforderungen Prouvost stand. »Wir wissen, dass Quanten existieren, aber wir können sie nicht sehen oder berühren«, sagt sie. »Das ist völlig neu für mich.«

Prouvost gibt unumwunden zu, dass sie wahrscheinlich auch jetzt noch nicht viel von der Quantenphysik verstanden hat. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Formeln wie die Schrödingergleichung, der Hamilton-Operator oder die heisenbergsche Unschärferelation helfen ohnehin den wenigsten Menschen beim Verständnis der Quantenwelt weiter. Prouvost nähert sich dem Thema deshalb auf ihre ganz eigene Weise. Sie macht den Kopf für einen Moment aus und spürt – mit allen Sinnen.
Und die springen an, sobald man das Berliner Kraftwerk an der Köpenicker Straße betritt. Schon der erste Schritt in dieses Monument des Industriezeitalters ist eine Wucht. Dumpfe Bässe und mystische Klänge empfangen die Besucher. Das Licht ist schummrig, der Eingangsbereich karg und leer. Die riesige, gut 3500 Quadratmeter große und bis zu 28 Meter hohe Kathedrale aus Beton beherbergte einst Maschinen zur Stromerzeugung. Sie auch nur annähernd mit Kunstobjekten zu füllen, war sicherlich keine leichte Aufgabe. Doch es ist Prouvost gelungen. Es gibt unfassbar viel zu entdecken. Sogar mit der Nase. Man wird eingesogen in einen multidimensionalen Erfahrungsraum. Industrie-Gigantismus trifft auf Fragilität und Empfindlichkeit.

Hat man die Treppe vom Erdgeschoss hinauf in die Zwischenebene erklommen, empfängt und umgibt einen die Textilarbeit »The Beginning«. Wie ein gigantischer Krake durchziehen Stoffbahnen den Raum. Die Tentakel aus feinem Tuch wiegen sich im fahlen Licht zum Rhythmus der Bässe im künstlichen Wind. Auf und ab. Auf und ab. Herunterhängende Fäden streifen die Besucher, kitzeln fast. Auf dem Boden liegen Steinchen, Spiegelscherben und Partikel, wie Sternenstaub.
»We Felt a Star Dying«
Die multisensorische Installation, die die französische Künstlerin Laure Prouvost im Auftrag der LAS Art Foundation geschaffen hat, verbindet Video-, Sound- und Dufterlebnisse sowie skulpturale Elemente. Das Projekt eröffnet das Programm »Sensing Quantum«, das bis 2026 weitere Installationen, ein öffentliches Symposium, verschiedene Vorträge und eine Publikation umfassen wird.
Die Ausstellung lässt sich vom 21. Februar bis zum 4. Mai 2025 im Kraftwerk Berlin an der Köpenicker Straße erleben. Geöffnet ist die Halle immer dienstags bis freitags von 15 bis 21 Uhr sowie am Wochenende von 12 bis 20 Uhr.
Unter dem wogenden Tuch spannt sich eine große, runde Leinwand auf, auf der das titelgebende Video »We Felt a Star Dying« (»Wir spürten einen Stern sterben«) läuft. Um es betrachten zu können, muss man sich auf eine Art Sofalandschaft legen und nach oben schauen. »The Beginning« soll an die Drähte und kreisrunden Platinen eines Kryostaten erinnern – jenes heliumgefüllten Kühlschranks, der einige Quantencomputer umgibt. Das zu erkennen, braucht allerdings einiges an Fantasie. Das wärmeempfindliche Polster, auf dem die Körper während der Liegezeit einen Abdruck hinterlassen, war zur Ausstellungseröffnung wegen Lieferschwierigkeiten noch nicht angekommen. Der spezielle Stoff soll eine Referenz sein auf die Empfindlichkeit der quantenphysikalischen Informationseinheiten, der Qubits. Die Tatsache, dass Qubits sogar auf eine Sternexplosion reagieren, die Milliarden von Lichtjahren entfernt ist, inspirierte Prouvost zum Namen des Projekts.
»Wir brauchen mehr wir und weniger ich, ich, ich«Laure Prouvost, Künstlerin
Ihr knapp 26-minütiger Film läuft in Dauerschleife. Darin erzeugt Prouvost mit unterschiedlichen Kameras, darunter eine Mikroskopkamera, eine Drohne sowie eine Wärmebildkamera, ein Gefühl der Schwere- und Orientierungslosigkeit. Mal schwebt man über den Dingen, mal darunter. Mal schaut man hinein, mal heraus. Es gibt kein Oben, kein Unten, keinen Anfang und kein Ende. Alles ist eins, alles ist wir. Untrennbar miteinander verbunden. Das ist auch die Botschaft, die Prouvost den Besuchern mitgeben will, wie sie sagt: »Wir brauchen mehr wir und weniger ich, ich, ich.«
»Wir sind nicht 0, wir sind nicht 1. Wir sind alles.«
Und dann – endlich – ein Wiedersehen mit Objekten aus dem Brüsseler Studio. An verschiedenen Stellen in der Halle seilen sich die kleinen meteoritenartigen Skulpturen aus der Höhe ab, die dort von der Atelierdecke hingen – inzwischen zusätzlich zu den Trockenblumen und dem Müll übersät mit allerlei glitzernden Partikeln. Sie scheinen aufeinander zu reagieren wie die Informationseinheiten eines Quantencomputers. »Cute Bits« hat Prouvost sie getauft. Ein Wortspiel aus dem englischen Wort für »niedlich« und dem Begriff Qubits. Steckt man seinen Kopf in einen der Cute-Bit-Helme, an denen noch vor drei Wochen Gabriel Huth gewerkelt hat, kommt Prouvost plötzlich ganz nah: »Wir sind himmlische Wesen«, dringt ihre Stimme ins Ohr. »Wir sind der Klang, den man nicht hören kann. Wir umgeben dich. Wir sind der Klang des Anfangs. Kannst du uns riechen?« In dem Augenblick nimmt man einen metallischen Duft wahr. »Die Person, die vor dir hier war, hat wirklich unangenehm gerochen«, flüstert es da. »Wir sind nicht 0, wir sind nicht 1. Wir sind alles.« Es ist zwar unwahrscheinlich, dass jemand, der sich noch nie zuvor mit der Funktionsweise eines Quantencomputers beschäftigt hat, diese Referenz versteht. Aber vielleicht bleibt ja trotzdem etwas von dieser seltsam anmutenden Aussage hängen.
Plötzlich durchziehen kurze Blitze die schwach beleuchtete Halle. Der Sound verändert sich. Das Bild im Video flackert. »Jetzt übernimmt der Quantencomputer«, erklärt Prouvost. Denn: Es gibt zwei Versionen ihres Films, zwischen denen immer wieder nach einem Zufallsprinzip hin- und hergewechselt wird. Als sie das Video kurz vor Ausstellungseröffnung endlich fertig geschnitten hatte, habe sie die Datei umgehend nach Kalifornien geschickt zu Hartmut Neven, dem Chef des Google Quantum AI Lab. Der hatte zuvor einem KI-Modell beigebracht, was Quantenrauschen ist – es resultiert aus der Fragilität der Qubits gegenüber äußeren Störungen wie Temperaturschwankungen, Vibrationen und kosmischer Strahlung. Anschließend ließ Neven die derart trainierte KI auf das Videomaterial los. Dabei entstanden neue Bilder, die sehr abstrakt sind und die Unvorhersagbarkeit der Quantenphysik widerspiegeln sollen.
»Viele der faszinierenden Strukturen, die wir in der Natur beobachten, sind das Ergebnis von Quantenprozessen«, wird Hartmut Neven im Begleitheft zur Ausstellung zitiert. Dazu gehört das Spiralwachstum von Pflanzen; auch das Schillern von Schmetterlingsflügeln lässt sich auf Quanteneffekte zurückführen. »Können diese Strukturen lediglich mit Hilfe traditioneller physikalischer Verfahren nachgebildet werden? Lautet die Antwort nein, so könnte sich die Ergänzung generativer KI durch Quantencomputer als wesentlich erweisen.« Neven ist nicht nur dafür bekannt, für Google einen der derzeit leistungsfähigsten Quantenprozessoren mit 105 supraleitenden Qubits entwickelt zu haben, sondern auch dafür, die Grenzen seiner Disziplin aufzuweichen. Gemeinsam mit Tobias Rees hat er im Jahr 2021 einen Aufsatz mit dem Titel »Do Robots powered by a Quantum Processor have the Freedom to swerve?« (»Können Roboter, die von einem Quantenprozessor angetrieben werden, einen freien Willen entwickeln?«) veröffentlicht. Neven ist der Überzeugung, dass die Erkenntnisse der Quantenphysik künftig verändern, wie wir denken und die Welt betrachten. Möglicherweise geschieht dies bereits.
Rees, der das philosophische Forschungs- und Entwicklungslabor Limn gegründet hat, an der Entwicklung des KI-Modells mitgewirkt hat und gerade Senior Visiting Fellow in Googles Quantum AI Lab ist, geht sogar noch einen Schritt weiter. Quantencomputer zu bauen, sei eine Art experimentelle Philosophie, da sie ganz neue Möglichkeiten eröffneten, die Welt zu erfahren. »Weil wir an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter stehen – einer Quanten-Ära –, müssen wir die Wirklichkeit neu denken und andere Begriffe finden«, sagt er, »Begriffe, die der radikalen Zufälligkeit, der Instabilität und der Unvorsehbarkeit von Quantenprozessen gerecht werden.« Ein zentrales Mittel dafür bilde die Zusammenarbeit von Philosophie, Technologie und Kunst – die bislang in der Forschung getrennt voneinander betrachtet würden. Rees ist der Meinung, dass es gerade das Zusammenspiel dieser Disziplinen möglich macht, diese neuen Begriffe zu finden und neue Denkmuster zu entwickeln.
»Wir sind kein naturwissenschaftliches Museum«Bettina Kames, Mitgründerin der LAS Art Foundation
Bleibt die Frage, ob sich die Gründer und Kuratoren der LAS Art Foundation denn nun als Wissenschaftskommunikatoren sehen. »Wir sind kein naturwissenschaftliches Museum«, sagt Kames. »Aber wir glauben fest an die Bedeutung kraftvoller Erfahrungen, die uns dazu inspirieren können, neue Denkweisen über eine sich wandelnde Welt zu entwickeln.« Künstlerinnen und Künstler seien nicht nur wichtige Stimmen für die Gesellschaft, sondern auch treibende Kräfte für Innovationen. Man setze sich daher dafür ein, interdisziplinäre Kollaborationen anzuregen. Und tatsächlich befindet sich »We Felt a Star Dying« in illustrer Gesellschaft. Zuletzt ging es bei LAS um künstliche Intelligenz, um das Anthropozän, um Biotechnologie, Gaming und digitale Lebensformen.
Fragt man andere Quantenphysiker, die nicht in die Entstehung der Kunstinstallation involviert waren, so äußern sie vor allem die Hoffnung, dass derartige Projekte Gespräche anstoßen. »Es wäre toll, wenn sich die Besucherinnen und Besucher so von dem Gesehenen inspiriert fühlen, dass sie sich anschließend tiefer mit dem Thema beschäftigen«, sagt etwa Emily Haworth von der Initiative »Push Quantum«, die im Rahmenprogramm der Ausstellung einen Impulsvortrag zum Thema »Quanten und Mitsprache« halten wird (siehe »Begleitprogramm«). »Ich sehe es erst mal nicht als einen Ort, der Wissenschaft vermittelt. Hier geht es vielmehr darum, ein neues Publikum zu erreichen.« Die Kunst könne die abstrakte Quantenphysik greifbar und einladend machen. Ebenso biete sie eine kritische Linse, durch die wir über gesellschaftliche Veränderungen nachdenken können.
Begleitprogramm
Im Zwischengeschoss des Kraftwerks Berlin gibt es einen Lernbereich, der insbesondere Schulklassen die Möglichkeit bietet, sich mit den Grundlagen der Quantenphysik auseinanderzusetzen. Eine Reihe von Impulsgesprächen, Workshops und anderen Aktivitäten bieten zusätzliche Möglichkeiten zum Erkunden und Eintauchen für jede Altersgruppe und verschiedene Interessensgebiete.
Kommende Vorträge sind:
- Prof. Dr. Tommaso Calarco: Quantum Community Europe
Samstag, 29. März, 15–16.30 Uhr - Prof. Dr. Jasmin Meinecke: Intuition und Quantenphysik
Samstag, 5. April, 15–16.30 Uhr - Dr. James Wootton: Quantum Creative Applications
Samstag, 12. April, 15–16.30 Uhr - Emily Haworth: Quanten und Mitsprache
Samstag, 26. April, 15–16.30 Uhr - Günseli Yalçinkaya: Was ist eine Quantum Culture?
Samstag, 3. Mai, 15–16.30 Uhr
Weitere Informationen gibt es unter https://www.las-art.foundation/de/entdecken/entangled-currents-ein-lernbereich.
Denn längst sind Quantencomputer, Quantensensoren und Quantenkommunikation keine rein theoretischen Konzepte mehr, sondern beginnen Wirklichkeit zu werden. Weltweit fließen riesige Geldsummen in ihre Erforschung und Erprobung. Zeit, dass die Gesellschaft sich diesen neuen Technologien gegenüber öffnet und sich damit auseinandersetzt. Kann Laure Prouvost mit ihrer Arbeit einen Beitrag dazu leisten?
Das bleibt offen. Denn wüsste man nicht um die außergewöhnliche Technologie hinter dem Video und würde man die Ausstellung anschauen, ohne die begleitenden Texte zu lesen – man könnte denken, dass man einfach in einem surrealen Universum gelandet ist. Und vielleicht ist diese Interpretation am Ende gar nicht so weit von dem entfernt, was Laure Prouvost erreichen will. »Wissenschaft scheint oft so vorhersehbar zu sein – das möchte ich durchbrechen«, sagt sie. Ganz so, wie die Quantenphysik vor 100 Jahren mit dem klassischen Denken gebrochen hat.
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