Lexikon der Biologie: Stillen
Stillen, 1)breast feeding, natürliche Form der Ernährung des Säuglings an der Mutter-Brust. Bereits unmittelbar nach der Geburt ist der Säugling aufgrund des angeborenen Suchautomatismus in der Lage, selbständig die Brustwarze der Mutter zu suchen (Brustsuchen) und die erste Mutter-Milch aufzunehmen (Frühkindliche Reflexe, Kolostrum, Saugverhalten). Körperkontakt unmittelbar nach der Geburt fördert die Stillbereitschaft und Stillfähigkeit der Mutter (rooming in). Der Säugling verlangt in kurzen Abständen nach Nahrung; er wird dazu munter. Falls der Hunger nicht „gestillt“ wird, wird der Säugling motorisch unruhig, quengelt (präverbale Vokalisationen) und schreit schließlich. Während des Stillens wird die „Antriebsstärke“ durch einen eigenen Trinklaut signalisiert (Verhaltens-Synchronisation), was zu einer optimalen Saugfrequenz führt. In den Saugpausen während der Mahlzeit und kurze Zeit nach dem Stillen sind günstige und wichtige Zeiten für soziale Interaktionen. Stillende Mütter wenden sich mit Kopf und Körper dem Säugling zu, gehen zärtlich mit ihm um, intensivieren den Körperkontakt und nehmen Blickkontakt auf. Bei einem Füttern nach Bedarf betragen die Intervalle zwischen den Mahlzeiten in westlichen Kulturen anfänglich meist 2–3 Stunden, die Stillfrequenz folgt einem ultradianen Rhythmus (Aufwachrhythmus, Kinderethologie), der Säugling läßt dann mit zunehmendem Alter einzelne Mahlzeiten aus (Nachtpause), und die Stillintervalle werden länger. Die menschliche Muttermilch hat einen geringeren Eiweiß- und Fettgehalt als die jener Säuger, die ihre Jungen in größeren Zeitabständen stillen (Säugen), d.h., Mutter und Kind sind ernährungsphysiologisch (Ernährungsphysiologie [Tab.]) zum Dauerstillen angelegt (Tragling). In traditionalen Kulturen findet sich häufig ein kontinuierliches Füttern, bei dem der Abstand zwischen den Mahlzeiten weniger als eine Viertelstunde betragen kann (z.B. !Kung San, Buschmänner). Auch nachts besteht eine erhöhte Stillfrequenz; sie ist die Voraussetzung der sog. Lactations-Amenorrhoe (Geburtenabstand). In traditionalen Kulturen wird die Länge des Mund-Mamillen-Kontakts überwiegend vom Säugling bestimmt (der einzelne Kontakt dauert im Mittel 7 Minuten), durchschnittlich besteht fast die Hälfte dieses Kontakts aus Trost- (Beruhigungssaugen) bzw. Kontaktsaugen, während dem keine Nahrungsaufnahme erfolgt (Kontaktbereitschaft). In der Industriegesellschaft wird zur Befriedigung des Trostsaugens der Schnuller als „Mamillen/Mutter-Attrappe“ eingesetzt (Ersatzobjekt). Häufig gestillte Kinder sind weniger unruhig und schreien kürzere Zeit. Während in traditionalen Kulturen meist die ersten 2 Jahre oder länger bis zur Ankunft des nächsten Kindes voll gestillt wird, beträgt die Stillquote in Deutschland nach anfänglichen 73% (erste Lebenswoche) mit 4 Monaten nur noch 33% (Abstillen). – Die Vorteile des Stillens liegen in der Steigerung der Abwehrkräfte des Säuglings, einer allgemeinen Prophylaxe gegen Allergien, der optimalen Abstimmung auf Energie- und Nährstoffbedarf des Säuglings, der Anpassung an seine Nieren- und Darmfunktion, der Verfügbarkeit einer natürlichen Heilnahrung im Falle von z.B. Darminfektionen und der Erleichterung der Beziehungsaufnahme zwischen Mutter und Kind. Anlegen innerhalb von ca. 10 Minuten nach der Geburt bewirkt eine erleichterte Nachgeburt; außerdem fördert Stillen die Rückbildung der Gebärmutter. In jüngster Zeit steigt in vielen westlichen Kulturen die Stillbereitschaft der Mütter wieder an, nachdem das Stillen jahrzehntelang kulturell verpönt bzw. in den 1980er Jahren durch die Belastung der Muttermilch durch Chlorkohlenwasserstoffe in Diskussion war. co-sleeping, Eltern-Kind-Konflikt, Entwöhnungskonflikt, Lactation, Let-down-Reflex, Prolactin, Sexualerziehung, Sexualverhalten.
J.Be.
2) die Stillwasserbereiche.
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